Mittwoch, 11. September 2013

Frage nicht, was dein Land für dich tun kann: Comic Pride.

Weiß der Geier, was mich an diesem Comic-Manifest so wurmt. Vielleicht bin ich schon alt genug, um den zeternden Opa zu geben. Es ärgert mich, dass es mich ärgert, denn man wird immer so schrecklich UNGESCHMEIDIG, wenn man sich über Dinge aufregt, wie mein heissgeschätzter Kollegenkumpel FiL, der sich kürzlich in recht harschem Ton dem Begriff der Graphic Novel zuwandte.

Zudem schätze ich einige der Unterzeichner sehr hoch, und ich verstehe natürlich das Anliegen an sich.

Dennoch … ein paar Worte des Grummelns von mir.

Vielleicht sollte ich vorausschicken, dass ich von Eltern erzogen wurde , die der hochpsychotischen Generation der 30/40er-Geburtenjahrgänge entsprangen. Was unsere Mütter uns in erster Linie mitgaben, war eine sehr geringe Selbstwertschätzung, und passend dazu, eine Allergie auf Selbstüberschätzung bei allen anderen Menschen.

Und so ist es direkt mal die Großspurigkeit des Begriffes „Manifest“ , die mir sauer aufstößt. „Manifest“ - das Wort der beleidigten Kunst, die mit ihrer zornigen Faust wedelt und fordert . Der Futurismus hat ein Manifest. Dada hat ein Manifest. Traditionell ist es für mich ist eine prätentiöse Geste von Leuten, die sich selbst und ihr Tun zu ernst und zu wichtig nehmen.

Und ich erlebe den Comic nicht als pompös, oder als prätentiös. Für mich ist es STREET ART, ein Medium mit der größten Autonomie. Ein Comic braucht keine Leinwand und kein Atelier. Gib mir einen Tisch, einen Stift, ein Blatt.

Das heißt nicht, dass Comic banal, oberflächlich, krude oder „Straße“ sein muss. Für mich sind echte Comickünstler die virtuosesten Künstler der Welt. Sie sind Autor, Regisseur, Szenarist und Ausstatter in einem. Und ich nehme den Comic auch ernst genug, um seit 12 Jahren hier zugange zu sein. Die besten Comics stehen den besten Filmen und Romanen in nichts nach, und ich bin stolz auf das Medium, und die atemberaubende Entwicklung, die es in den letzten dreißig Jahren vollzogen hat.

Aber Stolz heißt für mich auch, nicht mit dem Hut herumzugehen wie ein Bettler.

Vor allem nicht mit einer „Forderung“, als wäre einem der Staat, und die Gesellschaft, etwas schuldig.

Denn niemand ist uns irgendetwas schuldig.

Ich lese den Text und mein zweiter Gedanke ist: Habt ihr eigentlich irgendeine Ahnung, wie EGAL Comic ist? Ich sehe viele „Skandale“ in unserem Land. Die soziale Schere, die immer weiter auseinandergeht. Die Ghettobildung. Die wachsende Anzahl von Menschen, die Vollzeit arbeiten und trotzdem ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten können. Krankenschwestern und andere Vertreter von Pflegeberufen, die mit 1000 Euro netto nach Hause gehen. Alles beschämende Umstände, alles „Skandale“.

Und ganz weit abgeschlagen, auf Platz Vierhunderttausendachthundertdreizehn folgt vielleicht der „Skandal“, dass der Comic in Deutschland noch nicht hinreichend gewürdigt wird.

Ich verstehe, was gemeint ist. Ich war sehr oft in Russland, und die Autoren dort schreiben lieber ein mittelmäßiges Buch in einem Jahr, als ein gutes Buch in drei Jahren. Weil sie ihr Geld durch Lesereisen im Westen verdienen, und mehr Veröffentlichungen heißt, öfter auf Tour gehen zu können.

Aber wir leben in Deutschland, und viele von uns, auch viele der Unterzeichneten, sind Hochschulabsolventen. Wir sind die privilegiertesten Menschen der Welt. Jeder Idiot findet in Deutschland einen Weg, um seinen schwarzen Mercedes zu finanzieren. Wenn wir nicht in der Lage sind, unser eigenes Leben zu finanzieren UND dabei unsere Projekte zu verfolgen, machen wir etwas falsch. Wir sind kreative Menschen, nicht wahr? Wir können schreiben, wir können gestalten. Wir sollten kreativ genug sein, um Ideen zu entwickeln, wie wir an Geld kommen, um unsere Projekte zu finanzieren.

Oder Projekte entwickeln, die für viele Menschen außerhalb der inzestösen Szene eine Rolle spielen. Kürzlich hat „Frau Freitag“, eine Lehrerin aus Berlin, mit dem Buch aus ihrem Blog einen Riesenbestseller gelandet. Wenn sie das Ding als Comic umgesetzt hätte, hätten wir unseren ersten Millionenseller gehabt. Es gibt Tausende dringlicher und bewegender Geschichten in anderen Berufsständen, sozialen Schichten, Kulturen und Ländern. Es gibt Tausende von Stoffen, geschrieben von Autoren, die ein größeres Talent und eine größere Einsicht in die menschliche Natur haben als wir, ein Riesenschatz an Geschichten. Es muss nicht immer die eigene Nabelschau sein. Aber es ist viel Ego in der Szene unterwegs, und der Gedanke, den Stoff eines anderen umzusetzen, kommt für viele nicht infrage, auch wenn sie selbst nicht erzählen können.

Für mich ist trägt da das Wort KUNST eine gewisse Mitschuld. Was unter „Kunst“ läuft, ist zu einem sehr großen Teil schlicht Selbstausdruck. Da ist nichts verkehrt dran. Wir „Kreativen“ sind alle Narzissten und stellen uns gerne da. Aber ich behaupte, niemand hat Anspruch auf Geld des Staates, um sich selbst auszudrücken.

Das ist bei den Krankenschwestern wirklich besser aufgehoben.

Ich habe lange Zeit jedes Jahr einen Monat frei genommen, und in dieser Zeit einen kompletten Comicband von 50 Seiten gezeichnet. Bei TARA waren es 70 Seiten in einem Monat, bis ich von den Copicdämpfen Hallus bekam. An DER COMIC IM KOPF habe ich ein Dreivierteljahr gesessen, für eine Prämie, die ungefähr ein Drittel der Kosten abdeckte. Ich habe Tausende von Euros in Comics gesteckt, Materialien, Reisen, Selbstverlag, und ich habe mir viele blutige Nasen geholt.

Und ich war dabei nie jemandem etwas schuldig, und ich habe nie jemanden um etwas gebeten.

Und ich bin sehr stolz darauf.

Just sayin‘.

Spong

Kommentare:

  1. Ich hab der Aktion auch etwas unleidenschaftlich gegenübergestanden, obwohl ich sie eigentlich richtig finde, weil Filme nun mal auch gefördert werden. Dass Kultur gefördert wird, ist ja auch ein hohes Gut, selbst wenn natürlich in vielen anderen Berufen ebenso dringend mehr Geld gebraucht würde...
    Nur hat Deutschland eben keine wertvollen Rohstoffe außer seinem intellektuellen Potential. ;)

    Ich find's gut, dass versucht wird den Comic in Deutschland mehr ins Rampenlicht zu bringen, aber ich persönlich brauche so eine Finanzierung nicht unbedingt.

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  2. ach komm schon, spong, das argument, dass das geld bei krankenschwestern besser aufgehoben ist, ist doch absolut totschlag. vergleichsmöglichkeiten sind dann wohl doch eher film, literatur und vor allem staatstheater, wo von unsern steuergeldern munter elitär auf der bühne rumgestümpert wird. nun auch den comic mit staatskohle zu alimetieren, ist sicher nicht die lösung. aber wenigstens mal ein schritt in irgendeine richtung. und ob dir dadurch deine künstlerische unabhängigkeit flöten gehst, entscheidest du bitte selbst.

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  3. @Eckart niemand hätte was gegen mehr Kohle. Ich finde halt diesen fordenden beleidigte-Diva-Ton des CM daneben. Aber es ist eine eigene Szene, glaube ich, mit ihrer eigenen Logik. Anke Feuchtenberger spricht von einer Ausbildung "auf dem Level der Avantgarde". Also vielleicht bin ich schlicht zu ignorant. Bei der Produktion eines Films sind dutzende bis hunderte von Leuten und Firmen beteiligt, die Fördergelder schaffen also schlicht auch Beschäftigung in den Bundesländern, in denen sie ausgegeben werden. Und bei Literatur sind auch längst keine größeren Vorschüsse mehr üblich, ausser vielleicht für sehr poüuläre Sachbücher oder Nachfolge-"Hits".

    @Olivia wie gesagt, niemand ärgert sich über mehr Kohle. Wer etwas will, sucht Wege, gell.

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  4. du hast natürlich recht, spong. im neuen zwerchfell-podcast ( http://www.youtube.com/watch?v=0Cz04DqE1Do )beschäftigen sich nomi, stefan und sascha auch mit dem thema. und ich bin da ganz auf nomis seite: lieber machen als rumnörgeln.

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  5. Darauf könnwa uns definitiv einigen! Bin gespannt auf den Pod. Samma, die kommentare im CF sind von dir, non? Musste ja schon sehr breit grinsen zuweilen ...

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