Montag, 20. August 2012

Stil, cooler, der (m. -s, -e): Ein paar Liebeserklärungen (2)

The Human Experience: Kyle Baker - Jack Davis – Will Eisner.


Es geschah etwas seltsames während meiner Arbeit an DER COMIC IM KOPF. Als die Pläne für das Buch konkreter wurden und ich begann, das Buch zu schreiben, war ich ein absoluter Underground / Alternative-Snob. Meine Comics kamen fast ausschliesslich von Verlagen wie Fantagraphics, Top Shelf oder Drawn & Quarterly. Mainstreamcomics sahen für mich alle gleich aus.

Aber ich dachte, um eine Wissenslücke auszugleichen und nicht ignorant dazustehen, sollte ich doch mal in die eine oder andere Maistreamserie reinschnuppern. Ich besorge mir eine Ausgabe von SCALPED.

Tja, und ich war begeistert. Großartiges Script, großartiger Zeichner, großartige Umsetzung.

Danach kam 100 BULLETS, SEVEN SOLDIERS, SANDMANN, und und, und am Ende eines Jahres hatte ich eine komplette Regalwand mit DC/ Vertigo-Comics.

Zu meinem letzten Geburtstag schenkte mir eine Freundin eine Anthologie von alternativen Comics. Ich blätterte darin, und sie sahen für mich alle gleich aus.

Die Vertigocomics werden von Leuten gemacht, die das visuelle Erzählen auf dem höchsten Niveau beherrschen. Jede Seite 100 BULLETS ist eine Lehrstunde in Seitenlayout. Aber was ich vor allem aus diesen Stories mitnahm, war, dass es okay ist, wenn man möchte, dass die Zeichnungen in einem Comic auch Spaß machen. Und wenn man diese Erfahrung oft genug gemacht hat, kommt einem der spröde, stark reduzierte Stil vieler alternativer Comics sehr genusslos vor, wie eine alte, trockene Scheibe Brot. Und ich sehe viele steife, ausdrucklose Gesichter und Körper, wenig Mimik, wenig Gestik. Die Figuren wirken leblos, hölzern und haben das Ausdrucksspektrum eines Nussknackers. Ich habe nicht das Gefühl, dass es den Zeichnern Spaß gemacht hat, ihre Figuren abzubilden. Und ich habe nicht das Gefühl, dass diese Zeichner Menschen mögen. Sonst hätten sie mehr Zeit damit verbracht, ihre Gesichter, ihre Mimik und die Bewegungen ihrer Körper zu studieren.

Und das ist für mich das wunderbare an den Stilen von Kyle Baker, Jack Davis und Will Eisner. Ihre Zeichnungen sind leidenschaftliche Liebeserklärungen an die Menschen, ihr Verhalten und ihren Körper. Ihre Figuren sind lebendig, fühlbar, und tanzen auf den Seiten. Alle dieser Zeichner haben offensichtliche Jahre damit verbracht, Menschen zu betrachten, und ihre Abbildung ist überzeichnet und humorvoll, aber sehr dynamisch und lebendig. Bei Kyle Baker ist es die Körpersprache, aber besonders die unglaublich facettenreiche Mimik der Figuren, die sie auf der Seite lebendig werden lässt. Ich finde es immer wieder unbeschreiblich, wie treffend und lebendig seine Gesichter sind. Leider, leider hat es bislang noch keines seiner Bücher in die Übersetzung geschafft.

Sprechende Körper und Gesichter: ein Paar Momente aus YOU ARE HERE.

Jack Davis ist, kurz gesagt, ein Genie. Der Witz ist, dass die Person Jack Davis atemberaubend unspektakulär aussieht. Der Mann könnte Busfahrer sein, Eisverkäufer oder Vertreter für Sanitärbedarf. Stattdessen ist er einer der innovativsten, ausdrucksvollsten und einflussreichsten Zeichner der letzten hundert Jahre, der Begründer einer eigenen Stilschule, die tausende von Zeichnern geprägt hat.

Expressive Anatomie: eine Elvis-Studie aus dem Fünfziger Jahren.

Der Autor David Sedaris erzählte einmal, wie er nach der Lektüre von Lorrie Moore's BIRDS OF AMERICA so inspiriert war, dass er sich an die Schreibmaschine setzte und in einem Stück eine komplette Geschichte runterschrieb. Etwas ähnliches erlebe ich beim Betrachen einer Jack Davis-Zeichnung. Ich könnte stundenlang darüber schreiben, was dieser Typ mit der Anatomie macht. Die Gelenke lässt er anschwellen, dass jeder Gichtpatient neidisch wird, und Kopf, Hände und Füße sind alle stimmig in der Proportion, aber eben grade einen Tick zu groß (okay, die Füße sind mehrere Ticks zu groß). Die große Lektion, die Jack Davis erteilt, ist, dass er die Anatomie des Körpers so gut kennt, dass er darüber hinausgehen kann, sie abzubilden – das kann er längst. Er interpretiert sie, er spielt mit ihr. Er staucht, zerrt, zieht und quetscht, wie es ihm gefällt. Und ganz egal, welche Verschwurbelungen er seine Figuren machen lässt, es sich immer „richtig“ aus. Und es ist diese ganz eigene Anatomie, die ihn unverkennbar macht, egal ob es ein reduzierterer, cartoonhafter Stil ist, oder ein detailliertes, gemaltes Portrait für das TIME Magazine. Strich oder Fläche, schwarz-weiss oder Farbe, Jack Davis' Stil, wie jeder echte Stil, ist immer unverkennbar, quer durch alle Abstraktionsgrade und Medien.


All Davis: Skizze, Cartoonstil, Karikatur für ein TV-Magazin. Starker Wind. Der Stil sitzt.

Will Eisner ist eine weitere Legende, über die man wenig Worte verlieren muss. 2017 wäre Will Eisner 100 Jahre alt geworden, und seine Geschichten sind die Geschichten eines Mannes, der seine „formativen Jahre“ in den Zwanzigern und Dreissigern verbracht hat. Dementsprechend wirkt die Körpersprache seiner Comics für heutige Augen oft etwas theatralisch, als sähe man eine Stummfilm. Wenn man Eisner liest, muss man immer damit rechnen, dass gleich jemand auf die Knie fällt und zum Himmel fleht. Er war ein Kind seiner Zeit, wie wir alle.


Und trotzdem haben seine Zeichnungen heute immer noch eine Eindringlichkeit und eine Menschlichkeit, der man sich schwer entziehen kann. Und die Liste der Dinge, die man von Eisner lernen kann, ist immer noch lang genug. Bei aller Qualität im Seitenlayout und im visuellen Erzählen haben viele Mainstreamzeichner beim Character Design ihrer Figuren ein Spektrum, das gerade mal von Ken bis Barbie reicht, mit jeweils verschiedenen Perücken und Frisuren. Will Eisners Menschen sind immer einzigartig, real und greifbar, und ihre Erscheinung und Körperhaltung sagt uns bereits eine Menge über ihren Charakter. Er benutzte den einfachen, aber genialen Trick, sich bei der Gestaltung von Figuren an Tieren zu orientieren, deren Attribute er in den Menschen subtil unterbrachte.

Sehr menschliches Character design: Eine Figur von Will Eisner. Wir ahnen bereits, dass "Pincus" nicht gerade der Gewinnertyp ist.
 
Seine zweite große Stärke sind sein atmosphärischen und eindringlichen Kulissen. Seine Straßen und Häuser haben ebensoviel Persönlichkeit wie seine Figuren. Die meisten von uns hassen Background, Kulissen und Perspektiven. Will Eisner liebte sie. Er hat ganze Bücher einzelnen Gebäuden und Straßen gewidmet. Alle Gegestände und Hintergründe, die Häuser, Bäume und Straßen sind ebenso„Eisner“ wie seine Figuren. Er sah und fand Charakter und Persönlichkeit in Autos, Wohnungen, Häusern und Straßen.


Die "Sad street" ist nur ein Beispiel einer ganzen Reihe von Straßen mit Persönlichkeit. Niemand kann Häuser und Straßen mehr zum Leben erwecken als Will Eisner.

Will Eisner hat auch einige Bücher über Zeichnen und Storytelling geschrieben. Sie enthalten viele wertvolle Tips, aber oft habe ich das Gefühl, er bringt einem in erster Linie bei, wie er es macht und sieht. Zum Thema Comicautor und Scriptschreiben sagt er lapidar, Zeichner sollten ihr eigenes Script schreiben. Eisners Antwort auf die meisten Fragen zum Storytelling lautet Ei, mach es halt so wie ich.

Aber seine Zeichnungen, sein Strich, seine ausdrucksvolle Anatomie, seine Figuren und seine Straßen und Häuser sind endlos inspirierend und auch heute noch voller frischer Ideen und Innovationen. So wie gefühlvolles Musikstück niemals seine Energie verliert.

Take care & keep the faith, Spong







1 Kommentar:

  1. 100 points wie immer,
    aber ich hätte dir glatt zugetraut, daß der musiklink zu iron maiden führt ...;)

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