Freitag, 10. August 2012

Lernen und Stil: ein paar Ansätze

Einen wunderschönen guten Tag, ich hoffe, bei euch ist alles wohl und gutster Dinge. Ich hatte storytellingtechnisch eine ausgesprochen kräfteraubende und aufwühlende Woche. Erst kriegt Leo McGarry In THE WEST WING einen Herzinfarkt, dann zerstören die Furien im SANDMAN Morpheus‘ Existenz, und nach zwei Doppelfolgen der sehr intensiven Serie LUTHER bin ich jetzt engültig reif für die Herz-Lungenmaschine. Ansonsten ist alles okay soweit. Ich wünschte, wünschte wünschte, ich wäre endlich den Tennisarm los und könnte mit dem Zeichnen loslegen. Ich hatte ja angekündigt, dass es jetzt vermehrt um Stil und Technik gehen soll. Es wird erstmal ein bisschen um Theorie gehen, denn frei nach Steve Vai, dass einzige was uns zurückhält, ist unsere Art zu denken.
Lernen: Besonders die Grundlagen sind enorm wichtig.

Ich habe im Netz ein bisschen nach Lerntheorien gestöbert, und bin dabei auf das ein Modell gestoßen, dass sich etwas sperrig "Kompetenzstufenentwicklung". Auf englisch heissen die Dinger, weitaus griffiger, die "vier Stufen der Kompetenz". Wie alle Modelle ist es auch dieses nur eine von tausend möglichen Annäherungen, aber diese vier Stufen machen extrem viel Sinn für mich, und kombiniert mit den Prinzipien des Shuhari lassen sie sich fantastisch auf die Entwicklung zum Beispiel eines Zeichenstils anwenden. Ich hatte es ja schon ein paar Mal von den Wundern der Selbsterkenntnis. Alan Moore sagte mal, dass das Selbsterkenntnis das wichtigste Wissen ist, das wir erlangen können. Und wenn wir kreativ rummurksen, ist es ebenso wichtig, sehen zu können, wo man steht, wo man hinwill, und welchen Weg man vor sich hat. Ich schätze mal vorsichtig, dass 99% aller Talente und kreativen Potentiale verpuffen und versiegen, weil die Menschen, die diese Talente besitzen, eben diese Fragen für sich nicht beantworten können. Ich habe alle Fehler gemacht, die ich machen konnte. Ich dachte am Anfang, ich könne mir alles selbst beibringen. Ich wollte das Rad neu erfinden und "meinen" eigenen Stil erschaffen, der dann nach der Frankenstein-Methode entstand und aussah wie ein riesiger Haufen Kacke. Ich habe sehr viel Zeit in der Endlosschleife "Theorie" verbracht, und sehr viel Zeit in der Endlosschleife "Suche nach dem perfekten Material". Im Nachhinein hatte ich einfach schlicht keine Ahnung, was ich tat. Und ich kann nur hoffen, dass das, was ich hier schreibe, Leuten in einer ähnlichen Situation mehr Klarheit darüber gibt, wo sie stehen, und wie sie ihren Weg weiter gehen können.

Hier also die vier Stufen:

1. Ich kann etwas nicht und ich weiss nicht, dass ich es nicht kann (die "unbewusste Inkompetenz")

Ein Kind malt drei Striche aufs Blatt und sagt „das ist unser Haus“. Es kann nicht sehen, dass seine Zeichnung nicht aussieht wie das Haus. Dieser Zustand der totalen, spielerischen Unwissenheit ist für Kinder großartig und richtig. Wenn Kinder zeichnen, sind sie in bester Zen-Manier „im Moment“ sie wollen nicht erreichen und niemanden beeindrucken. Sie wollen nur malen. Wie gesagt, bei Kindern ist dieser Zustand großartig und richtig. Bei Teenagern ist er leicht irritierend, und bei allen Leuten über zwanzig, dreissig, vierzig ist dieser Zustand zunehmend verstörend. Ich begegne immer wieder Zeichner jensseits der Dreissig, die einfach schlicht nicht sehen, dass ihre Kugelschreiberkritzelei des mächtigen Thor anders aussieht als die Version von John Buscema. Es ist meine Erfahrung, dass man in solchen Momenten am besten einen Blinddarmdurchbruch vortäuscht und wegläuft oder umfällt, denn verbal ist die Situation in keiner Weise zu retten.

2. Ich kann etwas nicht und weiss, dass ich es nicht kann.

Mit der Erkenntnis ist man bereits auf dem richtigen Weg. Im Sport ist dies die Station, in der man die Klappe hält und vorbehaltlos alles tut, was der Lehrer einem sagt, die Zeit des SHU. Das Äquavalent dazu beim Zeichnen ist vielleicht, die Zeichnungen und Comicseiten eines bewunderten Zeichners zu kopieren, in einem Alter, in dem einem das Ego und der Anspruch, alles selbst erfinden und entdecken zu wollen, noch nicht im Weg ist. Fast alle Zeichner die ich kenne, haben damit begonnen, ihre Helden zu imitieren, und sind auf diesem Weg, mit dem einen oder anderen Schlenker hier und da, zu einem eigenen Stil gelangt, dem man seine Vorbilder und Traditionen ansieht, der aber trotzdem absolut eigenständig ist. Aber für Späteinsteiger ist die Stilfindung ein Riesenproblem.  Wir sind zu eitel, um zu imitieren. Wir sind kompentent, selbständig und autonom in allen anderen Lebensbereichen, und wir halten uns für talentiert. Es fällt uns sehr schwer, uns von anderen sagen zu lassen, was wir tun sollen. Wir sind davon besessen, unseren Stil selbst zu finden. Und das, glaube ich heute, ist unmöglich. Als unerfahrener Zeichner hat man schlicht kein Auge dafür, was zusammenpasst und was nicht. Man vermischt Stile, Abstraktionsgrade, vergeigt die Anatomie. Man braucht Monate, um zu Erkenntnissen zu gelangen, die einem ein guter Lehrer in einer halben Stunde vermitteln kann. Ich habe diesen Fehler seinerzeit gemacht. Mein Stil sah aus wie Kraut und Rüben, eine krude, unansehnliche Mischung aus Stilen die ich mochte, alles sehr krakelig und sehr reduziert. Und auch das ist eine beliebte Abkürzung, die Zeichner nehmen, um sich jahrelanges Üben zu ersparen. Wie Daniel Clowes es seinerzeit formulierte:
Auch der hingebungsvollste angehende Comiczeichner sollte seine Methoden regelmäßig hinterfragen. Zeichnet er, beispielsweise, in einem „freien, skizzenhaften“ Stil, weil er denkt, es habe Energie? Oder zeichnet er so, weil es weniger Zeit und Mühe erfordert, und er, ganz ehrlich, nicht zeichnen kann? 
Ralf König sah seinerzeit die Zeichnungen, mochte die Witze, aber nicht die Zeichnungen. Und sein erster Rat war „ich finde, du solltest viel mehr klauen“.  Ich klaute, und es sah aus wie Ralf König, und das war dann auch wieder nicht recht. Wirklich auf richtige Gleis kam ich erst, als sich Ralf bereit erklärte, mir bei Entwickeln eines Stils zu helfen. Er hat ein routiniertes Auge: Er sieht was passt, und was nicht (die ganze, lange Geschichte, wie das zustande kam, steht hier, für die, die es interessiert). Ich sah es damals nicht. Und ich kann heute nur jedem raten, der seinen Stil ausbilden will, entweder soviel abzuzeichnen wie er kann – der eigene Stil entsteht irgendwann sowieso von selbst – oder sich einen Lehrer zu suchen und / oder soviel Austausch und Hilfe zu finden, wie er kann.

3.  Ich habe einen Weg, einen Stil gelernt, wende mein Können bewusst an, und entdecke andere, eigene Wege.
Die Zeit des HA, und die Zeit, in der ein Zeichner einen Stil beherrscht, und merkt, dass dieser Stil auch Grenzen und und Beschränkungen hat. Ein Gitarrist kann jetzt vielleicht den kompletten Clapton hoch und runter spielen, und merkt, dass er viele Stimmungen in diesem Stil nicht wiedergeben kann. Zeichner schauen sich andere Stile an, analysieren sie, entwickeln eigene Charaktere und Stories, und verschiedene Einflüsse und eigene Ideen fließen langsam zu einem eigenen Stil zusammen, der in der Lage ist, alles abzubilden und zu erzählen, was wir erzählen wollen. Unser Auge ist nun geübt genug, um zu verstehen, was zusammengeht und was nicht.
Es gibt nicht den *einen* Tag, an dem der eigene Stil passiert, aber irgendwann schaut man aufs Blatt, und alle Einflüsse und Vorlieben sind zu einem Stil zusammengeflossen. Und dieser Moment, in dem wir unseren eigenen Stil gefunden haben, ist für viele von uns einer der glücklichsten Momente in unseren Leben. Like coming home.

4. Jenseits der Technik
Im (Kampf)sport ist das RI eine Periode, in der man sein fundiertes Wissen automatisch anwendet, ohne darüber nachzudenken. In gewisser Weise erlebt man dasselbe als routinierter Zeichner, der intuitiv die Linien dynamischer gestaltet und die Anatomie anwendet. Aber die allermeinsten Zeichner, die ich kenne, entwickeln sich stetig weiter. Sie werden realisischer, perfekter, probieren andere Materialien oder Medien oder gehen digital. Die Veränderungen sind oft nur noch in Nuancen, aber für die meisten von uns ist es eine Reise, die nie zuende ist. 

Noch eine Einsicht, die für mich Sinn machte, von William Glasser:

Wir lernen...
10% von dem, was wir LESEN
20% von dem, was wir HÖREN
30% von dem, was wir SEHEN
50% von dem, was wir SEHEN und HÖREN
70% von dem, was wir mit anderen DISKUTIEREN
80% von dem, was wir PERSÖNLICH ERFAHREN
95% von dem, was wir ANDEREN BEIBRINGEN

Dementsprechend werde ich die nächsten Wochen mal dafür sorgen, dass hier viel Praxiskram passiert. Wenn nur der §$%& Tennisarm mal weg wäre. Wie dem auch sei, ein schönes Wochenende, seid wohl und gutster Dinge, Spong


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