Sonntag, 22. Juli 2012

Wunsch versus Wirklichkeit. Scripte in der Umsetzung, Teil zwei

Diese Woche eine letzte Folge zum Thema „Scripte und was daraus wurde“.

Ich erwähnte bereits die Seite „comicbookscriptarchives.com“, deren Betreiber eine Reihe von Comicscripten von Alan Moore bis Glen Ruka, meistens aus dem Mainstreambereich als DOC oder PDF aufgelistet haben. Besonders interessant ist das Script der ersten Ausgabe von „DMZ“ , geschrieben von Brian Wood. Von dieser Ausgabe sind sowohl Script als auch Heft online verfügbar. Man kann also ein komplettes 26-seitiges Comicscript direkt in der Umsetzung betrachten.

Ich habe mir mal drei Seiten aus dem Anfang der Geschichte geschnappt (5-7) und Script und Comicseite gegenübergestellt, damit man in einem Blick erfassen kann, was gewollt war, und wie das Panel auf der Seite umgesetzt wurde.

Ebenso wie Neil Gaiman gibt Brian Wood, ein sehr routinierter Comicautor, die Panelanzahl auf der Seite vor. Auf der Seite 5 sind es fünf Panel.
Hier sind die Direktlinks zu den Gegenüberstellungen Script - Comic für Seite fünf bis sieben:


Das erste Bild soll einen "tödlich" wirkenden Militärhhubschrauber auf einer Landefläche zeigen, umgeben von Militär, Personal und Gerätschaften. Das Bild wird relativ detailliert beschrieben, aber man soll auch das komplette Gebäude von 15 Stockwerken sehen können. Der Zeichner, Riccardo Burchielli, setzt das Bild um, indem er nur den Landeplatz zeigt, auf dem gerade ein Hubschrauber landet, was ein sehr viel dynamischeres und aufgeräumteres Bild schafft.  Das Bild ist überschaubarer, weil nicht Hubschrauber und Personal auf einer Ebene abgebildet werden müssen, es ist etwas mehr Leben und Bewegung in der Bude, und wenn man dem Hubschrauber noch etwas bedrohliches abringen möchte, kann man das gut tun, indem man ihn von unten zeigt.
Für das zweite Bild, das den jungen Journalisten Matty und eine Pressemitarbeiterin zeigt, die ihm seine Anweisungen gibt, wählt Burchielli ein schmales, längliches Panel. Das Klemmbrett, das die Mitarbeiterin während des Gesprächs mit Matty betrachten soll, fliegt dabei wegen Platzmangels aus dem Panel.

Für Panel vier gibt Brian Wood die Vorgabe:

Die Frau gibt ihm das Clipboard, das offensichtlich juristische Dokumente enthält, ebenso wie seinen Presseausweis, „ein laminiertes Ding" mit seinem Foto und dem Wort PRESSE in Großbuchstaben.

Hier ist der Zeichner mal wieder im Konflikt, gleichzeitig die Situation – Journalistin gibt Matty das Clipboard - als auch die vielen Details im Bild rüberbringen zu müssen. Er entscheidet sich für die Situation, und deutet die Details der Dokumente auf dem Clipboard nur an.

Die untere Sprechblase in diesem Panel zeigt auf , wie lang lächerliche vier Zeilen Text (ca. 28 Wörter) wirken, wenn man sie in eine schmale Sprechblase zwängt – was hier notwendig ist, um nicht zuviel Bildinformation hinter der Sprechblase verschwinden zu sehen.

Auf sechsten Seite des Scriptes dachte sich der Autor wohl, ach, das war zu einfach, fuck it, machen wir einfach mal sechs Panels. Das erste hat direkt folgende Beschreibung:
Wir sind jetzt im Inneren des Helikopters. Matty schnallt sich an. Das innere ist wie das eines Minivans, zwei Frontsitze für Pilot und Co-Pilot, und dahinter drei Reihen mit je zwei Sitzen, insgesamt sechs. Ausser Matty sind dort vier Militärs, Bodyguards und ein Techniker. Neben Matty sitzt ein großer, aber freundlich schauender Mann in Kampfausrüstung, der Matty einen Headset reicht. Er muss brüllen, um über dem Hubschschrauberlärm verstanden zu werden.

Okaaaaay ... wir sehen also das komplette Innere des Helikopters, mit sechs Personen. Als erstes von sechs Panels. Auch hier kocht  Burchielli die Infos auf das notwendigste herunter: Matty sitzt im Hubschrauber und schnallt sich an, jemand reicht ihm ein Headset, wieviele Personen ingesamt in das Ding passen, ist nicht weiter relevant. Auch auf dieser Seite muss der Zeichner öfter auf sehr schmale, längliche Panel ausweichen, schlicht um die massigen Sprechblasen unterzubringen, die erforderlich sind. Und dabei ist das Script nicht einmal übertrieben wortreich oder schwatzhaft. Es muss schlicht eine Menge Information vermittelt werden. Auf sehr wenig Platz.

Panel zwei und drei beinhalten das Gespräch zwischen Matty und dem Leiter des Reporterteams, Panel vier und fünf das Gespräch zwischen Matty und seinem Kollegen. Hier ist jeweils viel Dialog zu jonglieren, parallel zu subtilen Kleinigkeiten, wie Matty, der das Mikrophon seines Headsets mit der Hand abdeckt, damit sein Vorgesetzter das Gespräch, das er führt, nicht mithören kann.

Das letzte Panel soll den Helikopter laut Script in einem Exterior shot zeigen, eine Totale, die abbildet, wie der Helikopter einige Meter über dem East River zur Landung ansetzt. Das passt nun aber beim besten Willen nicht mehr, zumal Burchielli im letzten Panel noch eine fünf Zeilen Dialog unterzubringen hat, die im vorigen Panel keinen Platz mehr hatten. Und er hat wohl – zurecht – gedacht, dass die DMZ, der Hauptort der Handlung der Serie , eine fettere Einführung verdient hat als ein Panelrand irgendwo unten auf einer Seite. Die DMZ ist das ehemalige Manhattan, das jetzt, während ein neuer amerikanischer Bürgerkrieg tobt, zur DeMilitarisierten PufferZone der beiden Fronten geworden ist. Ein zerstörtes, brennendes Manhattan, das die Spuren eines tobenden Krieges trägt. Der Schauplatz der Serie.

Burchielli beendet die sechste Seite also mit einem schlichten Bild des Helikopters, aus dem Mattys Sitznachbar berichtet: Alles was du gehört hast, alle Gerüchte und Mythen über den Feind, das ist alles wahr.

Und auf Seite Sieben macht Burchielli die Bühne frei für ein Manhattan im Krieg. Ein Himmel voller Rauch, eine Stadt voller Flammen.

Soldat: Es ist alles wahr.

Brian Woods Bilder bleiben hier mehr auf dem Boden als die Neil Gaimans auf der diskutierten Seite aus dem Sandman letzter Woche, aber auch hier sieht man, wie hart der Zeichner jonglieren muss, um die Fülle von Information und die Menge an Dialog auf eine aufgeräumte Comicseite herunterzukochen. Die Tatsache, dass ein Vertigo-Heft eine vorgegebene Seitenzahl erfüllen muss, macht den Job noch etwas pikanter, denn der Zeichner kann nicht einfach entscheiden, dass er eine Seite des Scriptes auf zwei Comicseiten packt. Er muss sich an den Seitenvorgaben des Autoren orientieren.

In diesem Buch, von dem ich nicht aufhöre zu reden, gibt es übrigens eine komplette Comicszene als Script, allerdings mit freier Seitenaufteilung, die der Hamburger Zeichner Till Felix auf sieben Seiten umsetzt und seine Entscheidungen ausführlich kommentiert.

Letztenendes scheint es das größte Problem für Comicautoren zu sein, dass sie sich schwer vorstellen können, was genau man in ein Panel packen kann. Oft wird innerhalb einer Panelbeschreibung rein und rausgezoomt. Ein große Hilfe liefern die Kategorien der Kameraeinstellungen (Totale, Halbnahe, Großaufnahme und alle ihre Anverwandten), wie sie zum Beispiel hier in Wikipedia aufgelistet werden. Diese Kategorien lassen sich in 99 Prozent der Fälle auf die Comicseite übertragen, denn ein Zeichner sieht den Inhalt eines Panels mit dem Auge einer Kamera. Aus welchem Winkel wird der Inhalt betrachtet? Was muss mindestens rüberkommen, damit die Erzählung fließt und verständlich bleibt? Auf welchem Inhalt liegt der Schwerpunkt des Bildes? Ist die Situation wichtig? Der Ort? Der Gesichtsausdruck der Figur? Danach kommen Fragen, die spezifisch für den Comic sind: Welche Panelform ist am besten geeignet für das Motiv des Panels, und wie zum Geier kriege ich das alles in eine Form, die auch als komplette Seite funktioniert?

Einen Großteil der Antworten fände man ggf in diesem Buch hier, aber das erwähnte ich ja bereits.

Software

Ich glaube, dass es für viele Autoren, die nicht zeichnen, eine große Hilfe sein kann, ihre Seiten in einem Layoutprogramm zumindest in Panelrahmen aufzuteilen. Wer die hunderte von Euro für ein schickes Adobe Illustrator- oder InDesign nicht entbehren kann, für den gibt es (auf jeden Fall PC-seitig) genug Alternativen. Ich habe sehr gute Erfahrungen mit den Programmen von Serif gemacht, die angeblich ihre Programme auch für lau anbieten (zB DrawPlus oder PagePlus unter https://www.freeserifsoftware.com/), aber auch die komplette 5-Programme-"Suite" liegt mit ca. 50 Euro weitab von dem, was die Adobe-Alternative kosten würde. Aber wer OpenOffice hat, für den tut „Draw“ den Job genausogut. Nächste Woche geht’s mal um Tools, unter anderem auch um Software, die nützlich sein kann, und in dem Zusammenhang gehe ich nochmal näher auf Layoutprogramme ein.




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