Sonntag, 29. Juli 2012

The road ahead. Ein paar Gedanken zur Zukunft von Comics (1)


Vor ein paar Tagen gab ich mal Future of comics bei Google ein, um zu sehen was da kommt. Es ist viel im Umbruch. Die traditionelle Teenagerleserschaft ist verloren gegangen. Der typische Comicleser 2012 ist Mitte 30. Printmedien generell stehen unter gewaltigem Beschuss. Und es gibt immer noch gewaltig viele Comicläden mit  schmierigem Ambiente, geführt von Leuten, die Gesellschaft oder generell nicht besonders mögen. Der Heftemarkt ist am Boden. Wohin also geht wohl die Reise?

  1. Superhelden? Äh ......

In einem Interview, das bezeichnenderweise GRANT MORRISON ON THE DEATH OF COMICS betitelt war, wurde der renommierte DC-Autor Grant Morisson nach seiner Meinung zum  Superheldengenre und zum Neustart von DC befragt. Er sagte, dass das Superheldenkonzept im Kino / Film ein besseres Medium gefunden habe, und auf lange Sicht aus den Comics verschwinden wird. Es ist nicht schwer zu verstehen, warum Spider-Man oder Batman als Filme enormste Blockbuster sind: Die Pointe bei Superhelden ist, dass sie Berge ausreissen können, oder sich unsichtbar machen, oder Flammen aus den Augen schiessen lassen oder sonstwas. So etwas auf der großen Leinwand in Bewegung zu erleben, rockt um einiges mehr, als es auf einer kleinen Papierseite gezeichnet zu erleben. Aber für mein Empfinden gibt es noch einige Probleme mehr bei den Superhelden auf Papier.  Superhelden, mit ihren lächerlichen Capes und ihren Unterhose-obendrüber-Kostümen, mit ihrer aufgepumpten Ästhetik und der oftmals geradezu lächerlichen Ernsthaftigkeit entwickeln sich zu einem Anachronismus. Es wird immer ein Publikum für Geschichten über Leute geben, die besondere Fähigkeiten haben, die sich verwandeln oder fliegen können, es gibt solche Geschichten zuhauf in allen Medien. Aber die Figuren dort tragen keine Gummianzüge und Umhänge. Die Helden der erfolgreichen Serie HEROES, an der auch einige Comicautoren mitschrieben, trugen normale Klamotten, und das Wort SUPER wurde geradezu auffällig vermieden.  Jüngere Leser werden sie belächeln wie ein Foto einer 80-Jahre-Haarspray-Metalband. Charmant, aber grauenhaft uncool und halt nicht wirklich ernst zu nehmend. Alles deutet darauf hin, dass ihre Zukunft auf lange Sicht nicht mehr im Comic passieren wird.

"Die Verkaufszahlen sind jetzt unter die 100.000er Marke gefallen", kommentierte Grant Morission die Motivation von DC für den Neustart, "[der Verlag] ist verzweifelt. Sie sind bereit, alles zu versuchen."

Tja, und hat sich der Neustart ausgezahlt? Geht so. Die Auflagenzahlen, die nach dem Reboot erstmal hochschossen, sind inzwischen mehr oder minder wieder
back to normal, und bisher war das Kritikerecho für alle Serien, ausser dem SWAMP THING, derart durchwachsen, dass es mich nicht motivieren konnte, eine der Reihen zu probieren (werde allerdings in ein paar Trades mal reinschauen) Sehr amüsant war allerdings die Aufregung über den Neustart von CATWOMAN, die in ihrer Gestaltung steil in Richtung Wichsvorlage zielte. Seitenweise sieht man den räkelnden Body von Selina Dingens, bevor kulanterweise auch mal ihr Gesicht zu sehen ist. Diese Reihe, und Red Hood, veranlasste Laura Hudson (superheldenbegeisterte Autorin und Mitbegründerin der erfreulichen Plattform Comicsalliance) zu einem  vieldiskutierten Artikel über den penetranten Sexismus in diesen Serien. Und man muss nicht unbedingt Alice Schwarzer sein, um zu sehen, was sie meint. Comic hat zahllose lebendige, mehrdimensionale Frauengestalten hervorgebracht, von Love and Rockets über Ghost World bis zu Strangers in Paradise.  Aber "Charakterstärke" bei Superheldinnen scheint nur zu bedeuten, dass sie auf ihrem Recht beharren,  großbusige, nimmersatte Schlampen zu sein (wobei es mir absolut fernliegt, nimmersatte Schlampen zu diskreditieren ... aber ich zweifle an der Validität des Geschäftsmodel).


Und wenn man sich diese Gegenüberstellung von "männlicher Held" und "weiblicher Held" vor Augen führt ....


... bin ich mir  sicher, dass diese Comics einige männliche Leser bei der, ähem, STANGE halten werden. Ob jüngere dazukommen, ist man schwer die Frage. Die Jungs machen andere Sachen, und die Frauen mögen andere Sachen. Was übrigens eng zusammenhängt mit einem sehr interessanten Punkt aus
dieser Liste (Ten things to know about the future of comics): die Zeichner und Autoren der kommenden Generation sind mostly girls.
 

Die echten Frauen kommen


Auf dem Comic-Salon in Erlangen 2012 war der größere Frauenanteil bereits deutlich zu merken, wie hier an der Theke im "Schwarzen Ritter"

Eigentlich hat sich die Comicnerdgemeinde schon immer einen größeren Frauenanteil gewünscht, aber jetzt sind sie DA, und da weht dem einen oder anderen Comicliebhaber der alten Schule doch ein kalter Wind um die Rosette. Der MAngaboom hat tausende von Mädchen an die Stifte geholt, die meisten haben es drangegeben, aber viele sind ihren Weg weitergegangen. Im Kampfsport gibt es das Prinzip des Sh-Ha-Ri zur Entwicklung des eigenen Stils: Erst imitiert man nur (Shu), dann beginnt man andere Einflüsse und eigene Ideen in den Stil einfliessen zu lassen (HA), und am Schluss (RI) hat man die Technik gemeistert und kann sich um die Inhalte kümmern. Viele Zeichnerinnen, die mit Manga angefangen haben, machen jetzt Kinderbuchillustration, Cartoons, Graphic Novels oder autobiografische Webcomics. Sie studieren Grafikdesign oder gehen in die Animnation und sind dort vielen anderen Einflüssen ausgesetzt. In der Richtung wird enorm viel passieren, und eigentlich ist es eine gute Sache, dass der Männergesangsverein-Charakter der Comicsszene etwas aufgelockert wird. Also, Zeichnerinnen, nutzt die Chance, bei der Intercomic kommen bislang Frauen noch UMSONST rein (immer ein gutes Zeichen für eine rauschende Party) ... wer weiss, ob das so bleibt.



Rocken wie die Hölle: eine wilde neue Zeichnergeneration steht in den Startlöchern.

  Natürlich werden sich Manga- und Comictradition noch einige Zeit argwöhnisch beäugen, und Igoranz und Unwissendheit ist auf beiden Seiten groß: Alexandra Völker (nebenbei eine super-talentierte Zeichnerin und sehr geschätzte Comicademy-Kollegin ) erklärte vor einiger Zeit den Unterschied Manga-Comic so,

dass Mangas lange Geschichten in Schwarzweiss sind, und Comics kurze Geschichten in Farbe. Und als Flix auf der Animagic nach Comics fragte, waren die Reaktionen zwischen irritiert und brüskiert (ab 3:30). Aber die ersten Schritte sind gemacht, und irgendwann wird es in allen Köpfen angekommen sein, was Scott McCloud schon vielen Jahren erwähnte. Manga ist nur das japanische Wort für Comic.

Andere Trends, die ich hier nachvollziehen kann:

Heft geht, Buch kommt

Es war amüsant, in Erlangen zu erleben, dass sich die alten Comicrecken und die neue Germanga-Jugend in einem einig sind: Wie furchtbar nichtssagend und langweilig doch Graphic Novels sind. Aus welchem Grund auch immer, die Graphic Novel hat jetzt den Ruf, anti-Spaß zu sein. Vielleicht gab es doch zuviel kokette Melancholie aus der Hamburger Schule. Wer weiss. Ich finde die Romanform, ebenso wie die Buchform, klasse für Comics. Ralf König war zurecht, mit seinen Büchern ein Hit, zwanzig Jahre bevor der Begriff Graphic Novel um die Ecke kam. Die Romanform erlaubt es, wirklich in einen Charakter einzusteigen. Man hat Zeit und Platz für Nebenhandlungen und ruhigere, atmosphärischere Momente. Und auch wenn der Buchhandel seine Probleme hat, er wird seinen Job mit Sicherheit besser machen als 90 Prozent der siffigen, menschenfeindlichen Comicläden mit ihren ewigen Bananenkisten und IKEA-Regalen. No offense.

Weniger Großverlage, mehr Kleinverlage und Ich-AGs.

Der Trend ist bereits in vollem Gang. Kleine Verlage können flexibler reagieren und riskieren mit einem Wagnis nicht die Zukuft von hunderten von Mitarbeitern. Und immer mehr Zeichner wie Sarah Burrini oder David Boller sind (fast) komplett autonom unterwegs, und erarbeiten sich über das Internet ihre eigene Fangemeinden mit einer sehr viel direkteren Bindung. Und diese Autonomie erlaubt es vielen Zeichnern, persönlichere, eigenere Inhalte zu liefern. "Ich arbeite für einen Großverlag" berichtete der geniale DC-Zeichner J.H. Williams vor einiger Zeit in einem Interview, "aber ich habe mein Auge auf der Independent-Szene. Da passiert das interessante Zeug." Alternative, neuere, persönlichere Erzählformen. Und ich glaube, dieser Trend hat gerade erst begonnen. Der Zeichner Derek Kirk Kim war mit seinen Internetcomics so erfolgreich, dass ein Verlag ihm eine Veröffentlichung anbot. Inzwischen ist seine Leserschaft so groß, dass es ihm schon zum zweiten Mal gelungen ist, über Crossfunding 30.000 Dollar für den Dreh einer Internet-Soap über Comiczeichner aufzutreiben. Viele Zeichner speziell in den USA haben große Leserschaften für ihre Online-Comicserien, und finanzieren sich maßgeblich über Spenden, Merchandise und den Verkauf von Druckausgaben ihrer Comics. Das Konzept "erst Lesen- dann kaufen" scheint sich immer öfter durchzusetzen.

Würde mich interessieren, was ihr zu dem Thema meint - see you soon, be good, Spong.


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