Sonntag, 8. Juli 2012

Storytelling to go. Fünf Plottingregeln für die Hosentasche


Ei liebe Leute, nach vielen verunglückten Anläufen habe ich mich jetzt doch mal ernst an Neil Gaimans „Sandman“-Serie begeben, und ich bin einigermaßen begeistert, auch wenn die Zeichenstile manchmal etwas ungelenkt wirken, und die Farbe sehr eigenartig.  Ich werde mich in den nächsten Wochen intensiver damit beschäftigen, wie man am besten für Comics schreibt, speziell wenn man (sie) nicht selber zeichnet, und bei der Suche auf der Comicscript-Plattform comicscriptarchive.com stieß ich auf eine sehr gelungene Rede Gaimans, die sich für jeden lohnt, der etwas kreatives in seinem Leben veranstalten will. Hier der Link.

Mein Lieblingszitat aus der Rede:

Der Moment, in dem du das Gefühl hast, nackt auf der Straße zu stehen, dass du viel zuviel von dir preisgibst , von deinem Herz, deiner Seele, von dem was in dir vorgeht, dass du zuviel von dir zeigst – das ist der Moment, an dem du anfängst, deine Sache gut zu machen.

Heute noch mal ein kleines Wort zum Thema Plots. Vor einiger Zeit  machte die Liste „22 rules of storytelling according to Pixar“ die Runde

und während diese Regeln allemal gut und richtig sind, war mein erster Gedanke: „wer merkt sich 22 Regeln“. Ich bin sicher, da draussen gibt es eine Menge Leute mit mehr Hirnkapazität als ich, aber bei mir ist bei höchstens FÜNF Regeln der Kopf voll. Also habe ich mich mal hingesetzt und überlegt, welche Regeln oder Prinzipien für Storytelling bei mir übrigblieben, wenn ich sie wirklich auf fünf runterkochen müsste. Here you go. 

  1. Ein lebendiger, origineller, realistischer Charakter. Der Kinostart von THE DARK KNIGHT RISES rückt näher, und damit sind auch wieder die beiden älteren Filme der Trilogie im Gespräch. Und so sehr es auch immer um die Batman ging, das erste was wir vor Augen haben, wenn wir an die Filme denken, ist der Joker. Tatsächlich fällt es mir schwer, im DC-Universum eine faszinierendere Gestalt zu finden als den verstörenden Psychoclown in Grün und Lila. Seine Entstehungsgeschichte alleine ist eine der wegweisendsten Comics, die das Superheldengenre hervorgebracht hat. Der Joker ist für mich ein gutes Beispiel für die Power, den ein starker, ausgeprägter, definierter Charakter in die Story bringt. Eine starke Hauptfigur braucht gar nicht soviel Plot, weil sie durch ihren Charakter und ihr Handeln alleine schon sehr viel in Bewegung bringt. Der Joker braucht nur bei Starkbucks einen Kaffee zu bestellen, und wir hätten schon eine Story.
  2. Ein lebendiges Setting. Eine Geschichte hat sofort dreimal soviel Wucht, wenn das Umfeld, in dem sie stattfindet, eine Persönlichkeit für sich ist, speziell wenn sie in einer Beziehung zur Story steht. Wieso sollte eine Liebesgeschichte nicht in einer Roma-Familie spielen, vor dem Hintergrund eines totalitären Staates, wie in 1984, oder in den rauschenden Zwanzigern Berlins?
  3.  Der Anstoß der Geschichte: Etwas gerät in eine Schieflage. Ein sehr universelles Prinzip, das angeblich auf Aristoteles zurückgeht, lautet „Konflikt – Handlung – Auflösung“ (Conflict – action - resolution). Dieses Prinzip liefert bereits eine Plotstruktur für die Hosentasche. Eine Geschichte beginnt damit, dass etwas in Bewegung gerät. Die neue Nachbarin zieht ein, die totkranke zickige Tante gewinnt im Lotto, ein Freund stirbt, der Hund läuft weg. Das Ereignis setzt eine Handlung in Bewegung, die am Schluss eine Auflösung erfährt. Wer gewinnt das Herz der Nachbarin? Wer beerbt die totkranke Tante?
  4.  Peripetie. Ein wunderbares Prinzip, mit dem man hunderte von Geschichten aus dem Hut zaubern kann. Das Prinzip ist so einfach wie genial: Wir haben die Schräglage. Die Hauptfigur hat ein Ziel. Sie will ein Herz erobern oder einen Schatz finden. Sie will einen Verbrecher fangen oder sich aus einer misslichen Lage befreien. Sie denkt sich einen Plan aus, um ihr Ziel zu erreichen, aber der Plan geht komplett schief, oder das Ergebnis ist ein völlig anderes. Das mit dem Eifersüchtigmachen ist gründlich in die Hose gegangen, auf der Suche nach dem Schatz kommt man übelgelaunten Mafiosi in die Quere, und auf der Jagd nach Verbrecher Nummer eins landet man plötzlich in den Händen von Verbrecher zwei. Tja, und jetzt?
  5.  Auflösung eins oder Auflösung zwei? Antwort: Auflösung drei. Eine Story mit überraschendem Verlauf MUSS keine tolle Story sein, aber sie ist fast immer besser als eine Story mit einer vorhersehbaren Verlauf. Ganz einfaches Beispiel: Zwei Ritter sollen im Auftrag eines Fürsten einen Riesen überwältigen, der eine Höhle bewacht. Zu erwarten wäre  A. Sie überwältigen den Riesen oder B. sie kriegen vom Riesen den Arsch voll. Viel interessanter wäre aber eine Lösung C, dass zum Beispiel der Fürst der Bösewicht in der Angelegenheit ist, und der Riese überhaupt keien Gefahr darstellen. Die drei verbünden sich stellen gemeinsam das gute Karma des Fürstentums wieder zurecht.
Noch viel reichlicher und ausführlicher wird das Thema Plot natürlich im Buch DER COMIC IM KOPF. behandelt, zu bestellen direkt beim ICOM, bei Amazon oder über mein Amazon-Marketplace-Konto "Francologne". Ausführlichere Info auf www.dcik.de. Ich möchte mich hier nochmal ganz ausdrücklich bei allen bedanken, die das Buch in und ab Erlangen unterstützt haben, besonders ausdrücklich bei Martin Schlierkamp, Sarah Burrini und Flix.

In den nächsten Wochen wird es, wie gesagt, ausführlicher um das Scripten von Comics für andere gehen, danach gibt es eine längere Strecke über Tools und Materialen und, als Anstoß für hoffentlich eine längere Reihe, ein ausführliches Zeichnerfeature mit Interview und How I do it. Viele Grüße, keep the faith, Spong

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