Sonntag, 1. Juli 2012

Make stuff. Von gut und schlecht und Stimme und Stil.


Ein guter Freund von mir ist jung, schön, gesund und hat auch sonst eigentlich alles, was man sich so wünschen kann. Er ist ein geborener Zeichner und ein inspirierter Autor. Aber immer wenn er ein Projekt angehen möchte, findet er irgendwelche Künstler, die "besser" sind als er, und lässt sein eigenes Projekt entmutigt liegen. Welchen Sinn hätte es auch, wo es doch so viele Zeicher gibt die „besser“ sind.
 
Ich bin seit meinen Metallertagen Fan des Gitarristen Steve Vai, der progressiven Rock spielt und geradezu absurd virtuos ist, extrem schnell und versiert, mit bis zu acht Fingern auf dem Griffbrett. Vor einiger Zeit fragte ihn ein Journalist: Wenn du ein Coveralbum machen würdest, welche Künstler würdest du covern?

"Tom Waits".
"Oh, interessante Wahl. Und welche Künstler sonst noch?"
"Nur Tom Waits."
 
Die Kategorien " besser" und "schlechter" haben in künstlerischen Dingen nichts verloren, und ich brauchte sehr lange, um das zu verstehen. Ein Gitarrist wie David Gilmour, der nach eigenen Angaben noch nicht mal eine Tonleiter spielen kann, wird wohl millionenmal mehr Menschen bewegt haben als Steve Vai. In einem Interview mit Alessandro Barbucci und Barbara Canepa, den extrem virtuosen Machern von "Sky Doll", wurden diese nach Vorbildern und Einflüssen gefragt. Alessandro Barbucci nannte Daniel Clowes, Barbara Canepa nannte Matt Groening. 


Beides Zeichner, die ihnen technisch haushoch unterlegen sind, die aber, jeder auf seine Weise durch ihre sehr eigenen Stimme, und die Intelligenz und den Humor ihrer Geschichten erfolgreich waren.  Eine eigene erzählerische Stimme wird immer ihren Weg finden. Wenn dazu noch ein eigener, versierter Strich kommt, rumpelt die Erde. „Das wertvollste, was du er Welt zu bieten hast“, war dereinst Alan Moores Ratschlag für junge Autoren, „ist, dass du du bist. Niemand sieht die Welt so, wie du sie siehst.“
Um es auf eine einfache Formel zu bringen:


(Anatomiezeichnungen geklaut von der Titanic)
 
Vor einigen Jahren gestaltete ich eine Cartooncampagne für das Online-Portal einer Zeitung. Für sechs Cartoons in Farbe bekam ich 600 Euro. Ich hatte das Gefühl, ich hätte im Lotto gewonnen. Die Agentur allerdings, die die sechs Witze anschleppte, die von ganz okay bis mittelmäßig waren, hatte einen Tagessatz von 4000 Euro. Zeichnungen werden bezahlt wie Handwerk, Ideen werden mit Gold aufgewogen. 

Die Zeichenlegende Jack Davis hatte in seinem Leben mehrmals die Chance, ein komplett eigenes Magazin zu machen, in dem er Zeichnungen und Stories übernahm. Alle Versuche, zuletzt, „Yak Yak“ floppten. Davis’ lapidares Fazit: I’m not a good writer.
 

In diesem Blog wird es jetzt immer öfter auch um Stil und Technik gehen, und um den Zusammenhang zwischen eigenem Stil und eigener Stimme. In dem Zusammenhang noch eine weitere Lektion, die ich von Steve Vai lernte, genauer gesagt, aus einer Lecture über „Erfolg“, die man bei Youtube betrachten kann.
 
Die erste Frage, sagt er, die wir uns stellen sollten, ist, WAS GENAU WIR WOLLEN.  Er rät angehenden Musikern, sich einen Song vorzunehmen, den sie lernen wollen, und sich, so genau wie möglich, vor Augen zu führen, wie es sein wird, wenn sie den Song beherrschen. Sie sollen sich vorstellen, wie es sein wird, wenn sie diesen Song perfekt spielen. Je deutlicher wir dieses Bild vor Augen haben, desto eher wird es wahr werden.

Diese Technik der „Visualisierung“ von Zielen ist recht verbreitet und auf jede Art von Ziel anwendbar. Viele von uns haben ein sehr schwammmiges Bild von ihrem Ziel vor Augen. „Irgendwas mit Zeichnen“ vielleicht. Aber was konkret? Stell dir vor, du hast dein Ziel erreicht. Du kannst das, was du können möchtest, und lebst das Leben, das du dir wünschst. Du siehst dich selbst an deinen Schreibtisch oder Zeichentisch. Was liegt dort? Nimm das Blatt, das dort liegt, und schau es dir genau an. Was genau siehst du dort? Manche von uns wünschen sich, ein „Graphic Novelist“ zu sein, der lange Comicromane in der Art von „Blankets“ zeichnet. Andere machen vielleicht aufwendige, liebevolle Fantasyillustrationen im Stil von Brian Froud oder Larry McDougall. Wieder andere fotorealistische Cover für Metalbands. Je konkreter wir für uns erkennen können, wo GENAU wir hinwollen, desto genau sehen wir den Weg, den wir beschreiten müssen, um dieses Ziel zu erreichen. Dieser Weg kann dann zwei Jahre dauern oder zehn. Aber es werden definitiv Dinge passieren. Irgendetwas wird in Bewegung geraten. Dieses Zitat, scheinbar ursprünglich von Goethe

At the moment of commitment the entire world conspires to ensure your success

hat sich für mich, und für Dutzende von Menschen, die ich kenne, als wahr erwiesen.
Und es kann sehr gut sein, dass sich Möglichkeiten auftun, die man zuvor nicht wahrgenommen hatte, und man ganz woanders landet, als man ursprünglich dachte. Nicht dort, wo man hinwollte, sondern dort,wo man hingehört.
 
Ich schrieb letzte Woche bereits über die wunderbaren „Insights“ der Designerplattform www.commsart.com. Ein sehr gutes, isnpirierendes Beispiel ist das Interview mit den Designer Phillip R Tiongson, und speziell seine Antworten auf die letzten drei Fragen. 

„When you can, make stuff. Make lots of stuff. Make lots of cool stuff. Ask why later.“

Es gibt viele Antworten, die ich meinem guten Freund geben könnte, als Argument, weshalb es sich immer lohnen wird, Dinge zu machen. Unter anderem, dass wir nie wissen, was sich daraus ergeben kann, und was wir damit in Bewegung setzen. Das kleine Bild, der kleine Song, der kleine Comic, den wir da machen, kann unser Leben verändern.
 
Also, let’s make stuff. Let’s make lots of cool stuff.

Kommentare:

  1. Das klingt alles so verdammt richtig!

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  2. ...wie schön, daß das buch nicht der schlußstrich war und die sache weitergeht...

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  3. @Natalie danke!
    @Joak ist bestimmt auch alles wahr :--)
    @AE ich sach nur, nach dem Buch ist vor dem Buch

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  4. "Das kleine Bild, der kleine Song, der kleine Comic, den wir da machen, kann unser Leben verändern."

    *gänsehaut!

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