Mittwoch, 18. Juli 2012

Scripten für Comicautoren, Teil 2

Im Vorigen Post ging es um Probleme, auf die Autoren und ihre Zeichner stoßen, wenn ihre Ideen kollidieren. Diese Seite aus dem Sandman


... ist für mich ein überraschendes Ergebnis für eine Seite, die sicher ganz anders gedacht war, aber durch zu enge Vorgaben durch den Autor nicht die Energie ausfahren konnte, die sie hätte haben können.  Erstmal vorab: Ich mag den Sandman sehr, obwohl die Serie gleich mindestens drei Genres bedient, mit denen ich *eigentlich* nichts anfangen kann - Fantasy, Märchen/Mythologie und Horror. Aber es ist einfach sehr, sehr gut. Ich bin gerade bei Band sechs und der wöchtentliche Marsch zum PIN-UP für den jeweils neuen Band ist schon fast ein festes Ritual. Neil Gaiman schäumt über vor Phatasie und Wissen und ist eine sehr eigene Stimme in seinem Bereich, ähnlich stilbildend und inspirierend, wie es vielleicht Terry Prachett oder Douglas Adams waren. Auf dieser Seite aus "Seasons of Mist" gibt er ein längliches Einstiegspanel vor, über die komplette linke Seite der Seite laufen soll, gefolgt von vier Panels, die untereinander laufen. Die Beschreibung des ersten Panels:
     
Ein langes Panel, das links an der Seite herabläuft. Okay, Kelley, schau mal, was für Referenzmaterial du dafür auftreiben kannst – es soll das neunte Jahrhundert in Norwegen darstellen, bzw. das, was man im Norwegen des neunten Jahrhunderts für einen großartigen Ort hielt. Die Halle ist entsprechend mit gewebtem Binsen ausgelegt,  keine Fenster, rauchig. Vergiss das SF-Zeug aus der Kirby-Zeit: das hier ist dreckig, primitiv und altmodisch. Fast kein Metall,  nur Holz und so was. Der Boden ist Dreck und Schlamm, überdeckt mit Binsen. ODIN sitzt in seinem Stuhl. Zu seinen Füßen sitzen zwei graue Wölfe, an jeder Seite einer. Riesige grüne Wolfaugen starren uns direkt an. Er trägt keinerlei Kopfbedeckung, sein Haar ist grau, ausgedünnt, auf Schulterlänge, und er trägt einen kurzen grauen Bart / Schnurrbart. In seiner linken Hand hält er einen Kelch aus Gold, der mit Juwelen verziert ist. Der Raum ist dunkel, düster und dreckig vom Schlamm. Odin trägt ein einfaches Lederwams, das bis zu seinen Knien geht. Um die Hüften trägt er einen schweren Ledergürtel. Seine Beine sind bedeckt von einer Stoffstrumpfhose, über die Lederriemen über die ganze Beinlänge laufen (hier sind gute Wikingerreferenzen hilfreich). Odins Gesicht ist lang, dünn und gezeichnet. Er sieht nicht aus wie ein netter Mann. Er wirkt gefährlich, wie ein alternder Auftragsmörder, das eine gute Auge, das ihm geblieben ist, blickt grausam, und gehässig. Vielleichtkann man das Gesicht ziemlich im Schatten halten, so dass wir fast nichts davon sehen ausser dem glühenden Auge.  Steve [Kolorist] – entferne dich so weit von den strahlenden Farben, die Kirby für Asgard hatte – das hier ist das Asgard der alten Nordländer, ein bitterer, gefährlicher Ort, und dem Grau und Braun dominiert, nur ab und zu abgemildert von dem Glimmer von Gold. Odins rechtes Auge – vom Betrachter aus das auf der linken Seite – fehlt.

Es ist  deutlich, dass es Gaiman hier vor allem auch darum geht, die Atmosphäre von Zeit und Ort rüberzubringen. Eigentlich ein klassischer Fall für ein großes, raumeinnehmendes querformatiges Bleed Panel (ach, wenns doch nur ein BUCH gäbe, in dem die verschiedenen Panelarten und ihre Einsatzmöglichkeiten beschrieben werden, nudge, nudge). Aber ach, er will ein langes schmales. [Ich unterdrücke an dieser Stelle ausdrücklich einen Reim mit "Zeichnerqual" und sehe das als Zeichen aufkeimender Reife.] Der Zeichner kriegt mit Mühe und Not einen Teil der Info unter, man sieht immerhin Odin auf dem Thron, und immerhin einen der angeforderten Hunde. Ob Odin auf diesem Bild "gefährlich, wie ein alternder Auftragsmörder," aussieht, will ich nicht entscheiden müssen. Für mich sieht er ein bisschen aus wie ein Lohnbuchhalter, der sich für den Mittelaltermarkt schick gemacht hat. Das war polemisch, und ich entschuldige mich. Der Hut ist auch ein bisschen gay. Egal. Wie gesagt, ich mag den Sandman sehr gern. Sehr gelungen indes finde ich den "leeren" Blick im Gesicht des Gottes, der ja ohne seine Vögel weder Gedanken noch Erinnerung hat und dementsprechend ratlos aus der Wäsche schaut. Wie dem auch sei. Zweites Panel:

Panel zwei
 Diese Panels laufen auf der rechten Seite, eines unter dem anderen. Okay – ein Schulterschuss von Odin. Er schaut uns direkt an. Zwei riesige schwarze Raben, einer rechts, einer links,  flattern auf ihn herab. Kelley, Odins Raben sollten als Overlay gemacht werden, so dass sie grau gedruckt werden. Sie sind transparent, wir können durch sie hindurchsehen während sie hinunterfliegen, je einer auf je eine Schulter. Wir können wahrscheinlich hier mehr von Odins Gesicht sehen. 

Caption: Es erklingt das Flattern von Flügeln.

Caption: Die Geistervögel sind zurückgekehrt, sie landen auf seiner Schulter.


Ich denke, der Zeichner hatte hier ein schlechtes Gewissen, weil so wenig von Odins Umfeld zu sehen war, und wollte noch eine Chance wahrnehmen, um endlich mal die vielbeschworenen BINSEN zu zeigen, von denen im ersten Panel die Rede war. Ausserdem müssen die landenden Vögel gezeigt werden. Dementsprechend weiter weg muss er mit der "Kamera", und entscheidet sich schliesslich für einen recht atmosphärisches Silhouettenbild. "Mehr von Odins Gesicht" ist damit zwangsläufig nicht mehr drin.

Panel 3
Jetzt ein Close-Up von Odins Gesicht. Sein Gesicht ist ungerade, gewinkelt, er schaut zur Seite. Er lächelt ein dünnes, kaltes Lächeln, nicht freundlich, mehr ausgelöst durch einen Gedanken als durch etwas amüsantes. Eventuell sehen wir einen zotteligen, grauen transparenten Raben auf der uns zugewandten Schulter, der etwas in sein Ohr flüstert. Er hält den Kelch.

Caption: und augenblicklich weiss er. Er weiss alles, was sie gesehen haben.

Caption: Huginn and Muninn: Gedanke und Erinnerung.
Caption: und er lächelt, der Herr der Galgen.
ODIN: Endlich. 

Hier finde ich ein schönes Beispiel für mehrere Bilder, die im Kopf des Autors zu einem zusammenlaufen, aber in einem Panel nicht unterzubringen sind. Er möchte das Close-Up auf das Gesicht, um das kalte Lächeln in den Vordergrund zu bringen. Gaaanz so nah geht es aber dann doch wieder nicht, denn es muss ja noch der Rabe mit drauf. Dass der Odin etwas ins Ohr flüstert, ist essentiell für die Situation. Und der Kelch soll auch noch zu sehen sein - dafür müsste Odin jetzt wirklich direkt auf Kopfhöhe halten, wie einen Regenschirm. Das geht nicht, also bleibt der Rabe und das Close-Up. 

Seite 1, Panel 4
Odin ist jetzt im Profil zu sehen, sein Gesicht der rechten Seite des Panels zugewandt, so dass es das blinde Auge ist, das wir sehen. Er drinkt aus dem Kelch mit den Juwelen, den wir bereits gesehen haben. Eventuell ist ein Tropfen von Wein zu sehen, der in seinen Bart oder aus seinem Mund rinnt. Ich glaube, die Nordländer waren keine allzu behutsamen Esser. Er trägt übrigens keine Augenklappe; da wo das Auge war, ist jetzt ein vernarbtes Loch, schau eventuell nach medizinischen Referenzen, wie so was aussieht. Aufrecht stehend ist er ca. sechseinhalb Fuß (ca. zwei Meter) groß.

Caption: das Met, das er trinkt, ist nicht das Met der Aesir. Es ist sein Met, gebraut von Zwergen aus dem Blut des toten Kvasir. Ein Bräu aus flüssigen Versen und Wahnsinn.
Caption: Es ist das Met Odins, und niemand ausser Odin darf davon trinken.
 
   
So viel Bilder, so wenig Platz! Jetzt sind drei Viertel der Seite schon belegt, nur noch Platz für zwei schmale Panels, die gerade noch den Verlauf der Handlung rüberbringen können. Die ganze Info über all das, was in Odins Gesicht so vor sich geht, fliegt raus, und die Tatsache, dass noch reichlich Text zu platzieren ist, hilft auch nicht gerade weiter.

Panel 5

 Die Kamera ist jetzt wieder weiter weg. Odin ist aufgestanden und wirft sich mit einer Hand einen Umhang über – nichts beeindruckendes, einen einfachen, grauen alten Umhang, der seinen kompletten Körper bedeckt. Die beiden Raben sind jetzt völlig verschwunden – oder, wenn sie noch sichtbar sind, dann nur als leichte, hellgraue Andeutung. Er hat sich von uns abgewandt. Er hat den Kelch zurück auf den Tisch gestellt. Er hält einen großen, weichen Hut mit breiter Krempe, wie der Shadow ihn trägt, oder wie ein alter, mitgenommener Cowboyhunt, nur weniger beeindruckend. Odin verschwindet, mit den Füßen zuerst, so dass er von der Hüfte abwärts fast transparent ist.


Caption: Er leert den Kelch. Und ist verschwunden. 

Leicht zeitversetzt erfahren wir, dass Odin den Kelch geleert hat. Auf der Seite ist allerdings nur noch Platz für ein schmales Bild von Odin mit einem halb hochgezogenen Poncho. 


Schliesslich und endlich tat und tut das Seitenlayout der Wucht der Serie keinen Abbruch. Aber für mich führt es schön vor Augen, wie sehr Anspruch und Kopfbilder des Autoren mit der Realität der konkreten Seite clashen kann. Unwillkürlich denke ich an die absolut unglaublichen Seiten, die J.H. Williams III für Alan Moores "Promethea" produziert hat ...


... teilweise schon gewaltig durchgeknallt, aber immer perfekt durchdacht und kompositorisch auf einem atemberaubend hohem Niveau. Das wohl nur entstehen konnte, weil Moore und Williams partnerschaftlich und gleichberechtigt an dem Projekt arbeiteten und auf die jeweiligen Stärken des anderen zuarbeiten konnten. Die Lektion die ich daraus ziehe - if you love your artists, set them free.



1 Kommentar:

  1. Ich habe lange gesucht um etwas über das scripten zu finden. Danke

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