Sonntag, 17. Juni 2012

The Zen of Comic oder der Mythos des flinken Strichs

Auf der großartigen Seite www.commarts.com gibt es den Bereich "Insights", in dem hunderte großartiger Designer, Illustratoren in kurzen Interviews und Auskunft über ihre Erfahrungen als Kreative sprechen. Diese Insights stecken voller großartiger Erkenntnisse, und ich kann die Seite nicht genug loben. Eine der immer wieder gestellten Fragen dort ist "What’s one thing you wish you knew when you started your career?". Und während ich das, was ich hier mache, noch nicht unbedingt eine Karriere nennen möchte, gibt es doch einige Dinge, die mir in den letzten Jahren klar geworden sind, Erkenntnisse, die mir vor zehn, zwanzig Jahren sehr  viel gebracht hätten. Ich beginne hier mal eine kleine Serie dieser Erkenntnisse. 

Erkenntnis Nummer eins: Take you fucking time. Alles gehuschte, gehetzte, eilige bringt nichts, sieht scheisse aus und ist eine Zeitversschwendung für alle Beteiligen. Ein Plädoyer für weniger Espresso und mehr Zen.

Das arme Zen. Es ist das Maggi der Spriritualität geworden. Es gibt Bücher darüber, wie man mit Zen seine PowerPoint–Präsentationen aufpoliert und wie man seinen Kaffee „Zen“ trinkt (kein Scheiss). Für die meisten von uns ist dieses Zen-Dingens ein leeres Metaphysik-Blabla für Leute, die bei der VHS Seidenmalerei lernen. Dabei ist Zen eigentlich keine doofe Sache.

Der Begriff ist schwer zu fassen, aber unter anderem beschreibt Zen eine tiefere, bewusstere Geisteshaltung. Das, was man tut, soll man mit tieferer Aufmerksamkeit und  mit vollerem Bewusstsein tun. Und dann ist „Zen“, oder wie auch immer man es nennt, eine Win-Win-Geschichte. Was immer man auch macht, es macht mehr Spass. Und die große Pointe des Ganzen, und der Grund für das ganze BOHEI um diesen Begriff: Wenn wir etwas langsam, konzentriert und bedächtig machen, kriegen wir es schneller fertig. Das ist natürlich eine tolle Sache für eine Gesellschaft, die derart auf auf Tempo und Effizienz  geht wie die unsere.

Okay, aber WAS ZUM TEUFEL hat das alles jetzt mit Comic zu tun?

 Es gibt so etwas wie den Mythos den flinken Strichs. In jedem zweiten Artikel über Comiczeichner steht irgendwas über den unglaublich flotten / flinken Strich des Zeichners XY. Ich glaube aufrichtig, das kaum ein Satz bei jungen Zeichnern mehr Schaden anrichtet als dieser.

Ich weiß noch, wie ich vor über zehn Jahren nach langer Zeichenabstinenz wieder mit Comics begann, zusammen mit einem engen Freund, der als Autor gearbeitet hatte und jetzt auch seine eigenen Stories zeichnen wollte. Wir hatten von Tuten und Blasen ( = Anatomie, Technik, Perspektive, Bildkomposition) keine Ahnung, aber wir wollten, wie alle blutigen Anfänger, rüberkommen wie die ausgefuchsten Profis. Wir kauften die teuersten Stifte und das teuerste Papier. Und wir hatten tausendmal von „flotten Strich“ gelesen und rasten über die Blätter wie Eichhörnchen auf Koks.

Sah natürlich alles total kacke aus.

Und wir wussten nicht, was wir falsch machten, und versuchten, noch schneller zu zeichnen.

Und dann hatte ich ein sehr interessantes Erlebnis auf der Hamburger HEFTICH. Ich saß neben Oli Ferreira, der von einem Fan um eine Zeichnung gebeten wurde. Eine Katze.

Und Oli setzte den Stift an und legte mit einem einzigen, stetigen, ruhigen Strich die perfekte Silhouette einer Katze hin.

Routiniert, ja. Entschieden, ja. Schnell, flott, flink? Nein.

 Ich erlebe viele Zeichner, die auf dieselbe, stetige, ruhige, besonnene Weise zeichnen, und Anfang Juni in Erlangen habe ich die Chance noch mal wahrgenommen und besonders darauf geachtet, wie Zeichner ihre Zeichnungen angehen. Bei vielen sieht man ein kurzes Zögern vor dem Strich. Sie ziehen ihn im Kopf vor, bevor sie in mit dem Stift aufs Blatt setzen. Und der Strich kann dann auch sehr spontan erfolgen. Aber die allermeisten Zeichner, besonders die routiniertesten, zeichnen mit einem sehr ruhigen, bedächtigen Strich. Es gibt eine Menge Information, die in einen guten Strich fliesst. Die Dynamik oder Räumlichkeit der Linie ebenso wie die besonders saubere und akzentuierte Abbildung einer Silhouette. Und während ich, besonders nach meinen üblichen 14 Morgenkaffees, immer wieder der Versuchung erliege, über das Blatt herzufallen wie die Alliierten über Dresden, liefert ein entschiedener, aber ruhiger, bedächtiger Strich schlicht die bessere Zeichnung.

Tatsächlich klappt und funktioniert alles besser, Einkaufslisten schreiben bis zur Wochenplanung, wenn wir es mit mehr Bewusstsein oder Sorgfalt angehen. Alles ist einfacher, geht schneller und macht mehr Spaß, selbst so etwas wie Üben.  Wie viele von uns nehmen sich vor, sich jeden Tag zwei Stunden hinzusetzen und Techniken oder Wissen zu pauken. Wir machen es monoton, mit halbem Bewusstsein. Und es bringt nichts, frustriert und nervt, wie dieser Artikel über das richtige Üben eines Instrumentes schön beschreibt.

Nächste Woche mehr, ich habe Erlangen tatsächlich immer noch in den Knochen.  Speaking of which, ich bin aufrichtig sprachlos über die Unterstützung und den Zuspruch, den DER COMIC IM KOPF auf dem Comic-Salon erfahren hat, und ich danke hier noch mal allen, die mich bei dem Buch unterstützt haben.

Seit heute kann das Buch übrigens auf Amazon regulär oder über meinen Marketplace-Account „Francologne“ bestellt werden.  Für die 3 Euro Versandkosten mehr gibt es einen Versand als Einwurfeinschreiben mit Sendungsverfolgung, eine puschelige Luftpolstertasche und auf Wusch eine Signatur.

Keep the faith, viele Grüße, Spong

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen