Mittwoch, 7. Dezember 2011

Truth be told: Sechs Wahrheiten für tausend Geschichten

Ja, tach. Ich weiss, ist ne Weile her. Ich schreibe tatsächlich gerade an der Endfassung von DER COMIC IM KOPF, und überlege, ob ich den koketten Titel nicht einfach weglassen und das Buch Graphic Novel Storytelling: kreatives Erzählen in der neunten Kunst nennen soll. What else is new: Im neuen, lesenswerten ICOM-Jahrbuch ist ein Interview mit mir - an dieser Stelle nochmal einen herzlichen Dank an Burkhard Ihme für seine Unterstützung!

Auch wenn ich viel und lange darüber schreiben möchte, wie man zur Graphic Novel kommt, bin ich mir natürlich bewusst, dass eine Geschichte von 100+ Seiten für die wenigsten von uns eine Option ist. Daher gibt es im Buch einen sehr langen Abschnitt, der sich mit Konzepten für kurze Geschichten und Erzählungen befasst. Ein Ausschnitt davon sind diese sechs uninversellen Wahrheiten des Lebens, aus denen sich unendlich viele Geschichten weben lassen.

1. Nur wir sind verantwortlich für unser Leben
"Der Mensch, den du im Spiegel siehst, ist schuld" hat Micky Rourke mal gesagt, "und niemand sonst." Das ist nicht immer wahr. Viele Menschen erleben Traumata, die ihre Leben und ihre Menschwerdung entscheidend prägt.

Aber die Mehrzahl von uns - weisse Westeuropäer - hat nicht wirklichProbleme. Aber wir können nicht aufhören zu jammern und die Schuldigen zu suchen - Wenn mich meine Mutter zwei Monate länger gestillt hätte, wäre ich jetzt ein großer Künstler - wenn niemand schuld, oder verantwortlich ist, ausser uns selbst. Aber in diesem sehr menschlichen Mechanismus - die anderen sind schuld - stecken unendlich viele Geschichten verborgen. Die meisten enden nicht
gut.

2. Freunde und Liebe kommt, Freunde und Liebe geht
So unglaublich es scheint: Menschen, die uns unendlich nahestanden,werden zu Fremden; Liebe wird uns gegeben und genommen. Wir begegnen und verlieren Menschen. Und es gibt immer den Tag danach.

"Die alte Flamme oder Der EX" von Alex Robinson beschreibt die Begegnung von Sherman und Sandie, die vor vielen Jahren mal zusammen waren. Sie erzählen Freunden von ihrer Begegnung, in der rechten Spalte, wie Sherman es erlebt hat, in der linken Spalte, wie Sandie es erlebt hat. Sherman hat das Gefühl, es hätte wieder leise gefunkt, Sandie weiss beim besten Willen nicht, was sie mal in Sherman sah.

Über Verlust und Trauer sind viele sehr dumme und viele sehr kluge Geschichten gezeichnet, geschrieben und gedreht worden. Es ist ein sehr mächtiges, universelles Thema, mit dem jeder Mensch früher oder später in Berührung kommt. Dass nach der Zeit des Abschiedes und der Trauer auch eine Zeit des Wiederaufbruchs kommt, ist vielleicht die einzige tröstliche Wahrheit in dieser ganzen Liste. Eines der mächtigsten Dokumente dieses Themas ist für mich Pixars "Oben", der auf sehr ruhige Weise vom Abschiednehmen und Loslassen erzählt. Man muss schon ein serbischer Axtmörder sein, um von dieser Geschichte nicht berührt zu
werden.

3. Unangenehme Dinge gehen nicht weg, wenn man sie ignoriert
Wieviele Leute ignorieren ihre Schmerzen, bis ihre Krankheit - metaphorisch oder buchstäblich unumkehrbar fortgeschritten ist. Ich bekomme alle drei Monate meinen GEZ-Zahlungsbrief. Ich hasse und verachte die GEZ. Ich lege ihn weg. Den Brief danach auch. Und irgendwann kommt die Zahlungsaufforderung mit der Mahngebühr. Wir wissen, dass unangenehme Dinge sich nicht einfach in Luft auflösen, wenn wir sie igonieren. Aber wir versuchen es immer wieder. Am Ende von Mark Kalesnikos ALEX hat Alex Kalienko, der nach einem Leben von Alkohol und Selbsthass immer wieder starke Unterleibsschmerzen hat, schliesslich seinen Menschenhass aufgegeben und nimmt die Einladung seiner lieben Nachbarin an.

Die letzte Seite des Buches beinhaltet unter anderem einen Krankenwagen.

4. Leben ist Veränderung: Starrsinn, Unbeweglichkeit und Passivität führen nie zu etwas Gutem
Sei nicht wie der Felsen; sei wie das Wasser, lautet eine Zen-Weisheit. Öh ... könnte jedenfalls eine sein. Ich kenne jedenfalls Menschen, die wie Felsen sind, und Menschen, die wie Wasser sind, und die Felsentypen haben weitaus mehr Ärger und Probleme.

Ein Bekannter von mir kleidet sich ausschliesslich in Jeans und Sweatshirt. Gerne auch mal Jogginganzug. Er erzählte mir kürzlich, seine Schwester habe letzte Woche geheiratet, aber er sei nicht dabei gewesen: Sie hatte ihn gebeten, sich etwas schick zu machen. Jacket, oder Anzugshose, was auch immer. "Wenn sie mich nicht so akzeptiert, wie ich bin, dann komme ich nicht." Mein Bekannter wollte mir damit den Starrsinn seiner Schwester vor Augen führen, aber die Botschaft, die ankommt, ist bei uns natürlich eine ganz andere: meine Bequemlichkeit ist mir wichtiger als meine Schwester.

Ein anderer Bekannter hat Philosophie studiert. Er ist seit langer, langer Zeit arbeitslos. Er kann gut schreiben, und ich regte ihn an, wissenschaftlichen Fachzeitungen Artikel anzubieten.
"Ich will mich nicht verkaufen." war die Antwort.

Er lebt von seiner Freundin.

Wir kommen immer wieder in Situationen, in denen wir unserere Maßstäbe und Kategorien infrage stellen müssen. Viele von uns sind zu starrsinnig, zu unbeweglich, und schaden damit sich selbst, und anderen.

Eine sehr aufwühlende Geschichte des Autors Wassillijk Schukschin handelt von einem Bauarbeiter, der, um seinenVorarbeiter zu beeindrucken, vorschlägt, die alte steinerne Kirche in der Dorfmitte abzureissen, ("geht eh keiner mehr rein") um die Ziegel für neue Gebäude zu benutzen. Er fährt mit drei Bulldozern auf die Kirche zu. Das ganze Dorf versucht ihn mit allen Mitteln aufzuhalten. Er riskiert sogar lebensgefährliche Verletzungen der anderen Bewohner, er ist taub gegenüßber Aufforderungen und Bitten. Schliesslich ist die Kirche, die vierhundert Jahre alt war, zerstört. Und es stellt sich raus, dass die Ziegel zu verklebt sind, um sie weiterzuverwenden. In seiner Kneipe bekommt er kein Bier mehr, seine Frau ist ausgezogen und seine Mutter sitzt weinend vor Scham und Trauer auf dem Kamin. Der Mann kann sich
nicht erklären, was die anderen alle haben, nimmt sein Motorrad und rast in die Nacht.

Dasselbe gilt für Passivität, in denen Menschen gefangen sein können wie in einem Käfig, sehr deutlich und schmerzhaft illustriert in Chester Browns I NEVER LIKED YOU (Als "Fuck" auf Deutsch bei Reprodukt).

5. Mut wird belohnt, Feigheit wird bestraft

In der Dokumentation Full Metal Village wird ein Mann gezeigt, der seinerzeit am Aufbau des Wacken Festivals beteiligt war. Als es darum ging, das Festival zu vergrößern, was mit einem
finanziellen Risiko verbunden war, zog er sich zurück: seine junge Frau war gerade schwanger, und er hatte Angst, zuviel Geld zu verlieren. Jetzt ist er seit Jahren ohne Arbeit und ohne Perspektive; seine ehemaligen Kumpels sind durch den Erfolg des Wacken Open Air gemachte
Männer. Die Welt quillt über vor solchen Geschichten: Menschen, die aus der Illusion der Sicherheit in einem Job bleiben, den sie hassen, oder in einer Beziehung bleiben, die sie unglücklich macht. Sie haben Angst vor der Veränderung, die ihr Leben letztendlich erfüllter und glücklicher machen würde. Aber die Feigheit rächt sich. Immer.

In Criminal: Grabgesang beginnt Sebastian, der Sohn eines Gangsterbosses, eine Beziehung mit einer Schwarzen. Seinem Vater ist das ein Dorn im Auge, und er lässt sie deportieren. Sebastian hatte die Wahl: Er hätte sich gegen seinen Vater stellen und seiner Freundin
folgen können. Aber der Reiz eines Lebens als reicher, mächtiger Erbe war zu verlockend. Er zerstört damit, ohne es zu wollen, das Leben der Frau und seines besten Freundes. "Denkst du, ich wollte das?" fragt er seinen Freund am Krankenbett. "Du hattest die Wahl," ist die Antwort
"du hattest immer die Wahl."

In BOX OFFICE POISON jammert Sherman in einer Tour über den Job im Buchladen, der ihn so unglücklich macht. Alle raten ihm, sich etwas anderes zu suchen. Nach ein paar halbherzigen Versuchen findet er sich ab. Am Schluss ist er gefangen in einem Job ohne Perspektive, und seine Unzufriedenheit strahlt auf seine Beziehung aus.

Im Kino behandelt der Film "Revolutionary Road" (det. ZEIT DES AUFRUHRS) dieses Thema auf sehr beeindruckende Weise.

6. Die Wahrheit wird uns einholen
Das kann mehrere Dinge bedeuten. Zum einen, dass ein Gebäude, dass auf Lügen und Geheimnissen gebaut wurde, irgendwann einstürzen wird. In A HISTORY OF VIOLENCE wird der ehemalige Mafioso Tom McKenna, der sich ein glückliches neues Leben aufgebaut hat, schliesslich von der Mafia aufgespürt; Auch Noel Coleman in Kyle Bakers wunderbarem YOU
ARE HERE
wird von seiner Vergangenheit eingeholt. Das Paar "Dude & Mickey", einer der schönsten Geschichten von Sam Kieth tragen beide einige Geheimnisse mit sich herum, die zum Schluss an Licht kommen und fast zur Trennung führen.

Man kann diese Wahrheit auch anders lesen: dass früher oder später, so sehr wir uns auch bemühen, unsere wahre Natur zum Vorschein kommt. Eine Kurzgeschichte könnte den Moment einfangen, in dem ein Mann versteht, dass seine promiskuitive, genusssüchtige Freundin niemals in der Lage sein wird, treu zu sein. Oder die Frau, die versteht, dass ihr Mann den
Thrill, das Abenteuer mehr liebt, als er jemand einen Menschen lieben wird.




Kommentare:

  1. Ich freu mich wirklich sehr auf dein Buch.
    Alles was du schreibst liest sich so wunderbar.. ich würde das Buch wohl erst aus der Hand legen wenn ich durch wär.
    Immer weiter so.

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  2. Herzlichen Dank, Jakob! War auf deiner HP - Holla. Viele Grüße!

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  3. Danke Frank! Irgendwann will ich auch mal eine Geschichte schreiben und illustrieren und hab jetzt schon viel Wissenswertes und Nützliches von dir erfahren! Viele Grüße zurück

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