Dienstag, 13. Dezember 2011

Die große Kunst der kleinen Schritte.

Ich hörte die Tage, seit langem mal wieder, eine meiner Lieblings-CDs, PYCHOTIC NUTTWERX von Fishbone, und ich musste daran denken, wie sie mir dereinst eine Lehre erteilten. Davon später.

Die Kunst der kleinen Schritte nenne ich deshalb groß, weil ich sie selbst nicht besonders gut beherrsche. Aber sie führt definitiv zum Ziel. Immer. Es gibt ein wunderbares Buch namens TIMELINE, die die Kunst aufzeigt, dass man jedes Ziel erreichen kann, wenn man es nur in genug kleine, erreichbare Schritte aufteilt. Du willst eine Graphic Novel veröffentlichen? Du willst 100.000 Euro haben? Geht alles. Dauert allerdings. Put your heart to it.

Ei-gen-tlich ist es nämlich sehr einfach, ein Ziel erreichen. Wir brauchen nur die richtige Landkarte, die uns von A zum Z wie Ziel führt. Jeder Weg lässt sich in kleine Etappen unterteilen, und wenn wir unsere Etappen zusammenhaben, brauchen wir nur noch loszugehen. Manche von uns beherrschen schon sehr früh die Kunst, sich ihre Landkarten zurecht zu legen.

Die meisten, ich eingeschlossen, allerdings nicht. Die allermeisten von uns stürzen sich wie ein tollwütiges Eichhörnchen auf ihre tolles Projekt. Wir sparen uns B, C, D und alle anderen Buchstaben und gehen direkt mit unseren Kugelschreiberkrakeleien zum Stand vom Großverlag. Hier, mein Comic.

Das sind Kugelschreiberkrakeleien von Superheldinnen beim Schlammcatchen, heisst es dann vielleicht. Passt nicht in unser Programm.

Kacke gezeichnet ist es auch.

Der typische Comiczeichner geht jetzt einen von zwei Wegen:

  1. Der Weg der Eisprinzessin

Wir stoßen erbitterte Mutterflüche über den ignoranten Kommerzverlag aus, der für unser Werk noch nicht BEREIT ist, und gehen den Weg des Samurai. Selbstveröffentlichung und/ oder Internet.

  1. der Weg des Maulwurfs

Wir wurden abgelehnt. Das bestätigt unseren schwelenden Verdacht, dass wir es nämlich nicht DRAUFHABEN, dass unser Talent einfach nicht ausreicht, und wir geben es dran.

Für die Eisprinzessinnen:

Ablehnung ist nichts persönliches. Viele machen direkt mal den Fehler, gar nicht erst vorher zu recherchieren, bei welchem Verlag ihr Projekt passen würde. Sie gehen einfach von Stand zu Stand. Hier, mein Comic. Veröffentlichen? Nein? Arschgeige.

Kleine Verlage arbeiten häufig mit ihrem Privatvermögen und wollen und müssen sicherstellen, dass irgendwas von ihrer Investition zurückkommt. Große Verlage müssen sich oft ihren Mutterhäusern gegenüber verantworten. Daher sind viele sehr vorsichtig mit Erstlingswerken. Trotzdem gibt es Dutzende von Erstveröffentlichungen, jedes Jahr. Allerdings sind die Autoren oder Zeichner oft genug bereits sehr routiniert in ihrem Fach. Aber jemand wie Adrian Tomine wurde jahrelang von Drawn & Quarterly abgelehnt, und versuchte es immer wieder. Jetzt ist er einer ihrer erfolgreichsten Autoren. There's a lesson.

Selbst wenn man abgelehnt wird – viele Verlage sind gerne bereit, ihren Input und ihr Feedback zu geben. Und wenn sie sagen, du bist noch nicht soweit, dann kann das schlicht stimmen. Es heisst dann einfach, dass wir unsere Hausaufgaben noch nicht gemacht haben. Ein saurer Apfel: wir sind – noch nicht – gut genug. Viele schmeissen hin. Einige setzen sich dran und versuchen zu lernen und besser zu werden.

(vor ein paar Jahren bewarb ich mich mit DAS KURZE HALLO bei einem Verlag und wurde abgelehnt. Das werde ich diesem Verlag nie verzeihen, aber das bin halt ich. Falsch und pubertär ist diese Haltung trotzdem ...)

Bei den vielen Zeichnern, die ich in den letzten Jahren erlebt habe, war fast immer der lange Atem, die Geduld, und die Bereitschaft zu lernen tausendmal wichtiger als Talent oder Potential.

Die inspirierendste Geschichte, die mir dazu einfällt, ist die eines Bekannten, Ansgar, der gerne Kameramann werden wollte, aber er hatte ein großes Stigma direkt von haus aus: Nur Hauptschulabschluss. Der erste Schritt war eine Fotografenlehre.

Er marschierte zwei Jahre lang von Pontius nach Pilatus, weil ihm niemand eine Lehrstelle geben wollte. Schließlich fand er eine, und lernte, was er konnte. Danach arbeitete er jahrelang in kleinen Fotografenjobs und jetzt, knapp zehn Jahre später, hat er sein Ziel erreicht. Das letzte was ich hörte, war, dass er auf Mallorca drehte. Some guys have all the luck ...

Ein Kumpel von mir ist einer der wenigen geborenen Zeichner, die ich kenne. Er hatte einen Comic fertig, und hat ihn an einen Verlag geschickt. Und wurde abgelehnt. Das war vor fünf Jahren, und er hat es nie wieder versucht.

VOM WINDE VERWEHT wurde 26mal abgelehnt. Der junge Stephen King versuchte fünf Jahre lang, seine Kurzgeschichten in einem Literaturmagazin unterzubringen. Nach fünf Jahre bekam er überhaupt erst die erste Rückmeldung – eine wohlwollende Absage, mit Verbesserungshinweisen, und nach sechs Jahren klappte es schließlich.

Kannst du dir vorstellen, wie enorm wir uns entwickeln können, wenn wir fünf Jahre an unserem Handwerk arbeiten? Der Himmel ist die verdammte Grenze. Das Universum ist sehr großzügig, heißt es in THE WAR OF ART, man muss seinen Wunsch nur laut genug äußern.

Die große Kunst des kleinen Gigs

Vor einigen Jahren sah ich die Band FISHBONE in einer kleinen Absteige in Düsseldorf-Benrath. Ich kam einige Stunden zu früh und hatte noch Gelegenheit, mit der Band zu reden, die vor dem Eingang saßen und sich unterhielten. Die Band gibt es seit über dreißig Jahren, und ihr Stilmix aus Funk, Reggae, Punk und Hardrock hatten großen Einfluss auf unzählige Bands.

Es hatte keine Plakate gegeben, keinerlei Ankündigungen. Ich und eine Handvoll Fans hatten über die Homepage von dem Konzert erfahren. Als die Vorgruppe begann, hatten sich circa 30 Fans versammelt, zwanzig davon waren Fans und Freunde der Vorgruppe, die Lokalmatadoren aus Benrath waren. Ich sah die ersten Anflüge von Frust auf den Gesichtern von Fishbone.

Als die Vorband durch war, standen noch ungefähr zwanzig Leute in der kleinen Halle. Let's do this, sagte der Sänger, Angelo Moore.

Dann betraten Fishbone die Bühne und lieferten das intensivste, leidenschaftlichste Konzert, das ich je gesehen hatte.

Sie gaben uns alles was sie hatten.

Als ich zweieinhalb Stunden später den letzten Zug nach hause nehmen musste, waren sie noch nicht mal bei den Zugaben.

The point being, of course, dass sie Profis waren.

Und das Syndrom des kleinen Gigs, für den wir uns zu schade sind, habe ich selbst, und bei anderen, immer wieder erlebt. Wir kriegen einen Job, aber er ist uns nicht cool genug, und wir liefern irgendeinen Murks. Vor einigen Jahren wurde mein lieber Lehrer Ralf gebeten, für WIESELFLINK einen Comiczeichner zu empfehlen, der seiner Meinung nach mehr Aufmerksamkeit verdiente. Er entschied sich für einen genialen Zeicher aus Hamburg, den er aus vollen Tönen lobte. Der Zeichner wurde gebeten, eine Zeichnung dafür zu liefern. Er lieferte eine nachlässig hingeschissene Krakelei, die kaum zu erkennen war. Als ich nachfragte, meinte er, ich finde Wieselflink doof.

Ein Teil von mir denkt Punkroooock, ein Teil von mir denkt, Wieselflink hin und her. Wer weiss, was sich daraus ergeben kann. Und vielleicht wäre es auch ein Zeichen von Respekt gegenüber Ralf gewesen, etwas besseres zu liefern als eine Klokrakelei.

Ich hatte eine Menge Chancen, die ich weitaus besser hätte nutzen können, wenn ich nicht eine arrogante Rotznase gewesen wäre, die auf den perfekten Job wartet. In einem Paralleluniversum bietet vielleicht DC dem jungen Alan Moore einen Job an, und der lehnt ab. „Das verf*ckte SWAMP THING? Der elende VIGILANTE, der aussieht wie ein Taucher aus der DDR der Siebziger? Batman oder Superman! Oder noch besser, meine eigene Serie! Sonst KÖNNT ihr mich mal.

(okay, sie konnte ihn dann schließlich trotzdem mal, aber erst nach einer Reihe sehr erfolgreicher Veröffentlichungen. Inklusive Supeman und Batman)

Versteh mich nicht falsch, viele Jobs, groß oder klein, sind inakzeptabel. Die Auftraggeber sind respektlos und das Geld ein Witz. Solche Jobs würde ich nicht annehmen. Aber wenn ich heute einen Job annehme, tue ich das , nach Möglichkeit, the Fishbone way.

Kommentare:

  1. fränk, du sprichst mir (wiedermal) aus dem herzen...

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  2. Ich hab wieder viel gelernt, danke!

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  3. Kompliment, du hast diese Texte echt drauf!
    Man zieht da jedesmal was raus.

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  4. Ich hatte jetzt nach dem Buch Timeline gesucht aber irgendwie krieg ich tausende quatsch sachen. Kann man die suche irgendwie begrenzen?

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