Montag, 24. Oktober 2011

Prog Rock Comic: Alternative Erzählwege.

Ich lese gerade Grant Morrisons "Invisibles", eine unglaublich versponnene, komplexe Geschichte um eine Gruppe von, naja, Terroristen. Ich habe mich von dem rebellischen Geist den Buches direkt anstecken lassen und der Frau an der Kasse im Saturn die falsche Postleitzahl genannt. Nimm das, Überwachungsstaat ... aber ich schweife ab.

The point being, die Invisibles ist eine Geschichte, die alle Konventionen, inhaltlich wie formell, auf den Kopf stellt. Es ist das Äquivalent einer Progressive Rock-Platte aus den Siebzigern. Komplexe Stücken, deren Stil und Takt sich alle dreissig Sekunden ändert. Bunte Klangcollagen. Ich verspüre unwillkürlich den Wunsch, mir eine Van Der Graaf Generator-Platte zu kaufen. Sogar die Cover sehen aus wie Progressive Rock:

Es war für mich der Anlass, mal einige weniger ausgetrampelte erzählerische Techniken aufzulisten, denen ich in den vergangenen 10 Jahren begegnet bin. Nicht alles gleichermaßen innovativ, neu oder experimental. Aber alles können für mein Empfinden noch in viele neue Richtungen weisen. Viele dieser Stilmittel arbeiten auf besondere Weise mit dem Zusammenspiel von Wort und Bild, also genau dem, was das Medium Comic so einzigartig macht.

Lebensdokumente

Unter anderen: Father's Day von Alan Moore

Okay, okay, de Technik der Kombination aus Bild und Dokument ist schon eher Gang und Gäbe. Es gibt tausende von Comics, die Bilder mit Briefen und Tagebucheinträgen. Die beeindruckendste Verwendung habe ich in Alan Moore's "Father's Day" gefunden, die Story eines psychopathischen Gewalttäters, Carl Linklater, der seine Tochter entführt, und schliesslich getötet wird. Der Bilder der Geschichte werden kontrastiert mit Auszügen aus einem Brief, den Linklater im Gefängnis an seine Tochter geschrieben, und nie abgeschickt hat.

Die Dokumente, die sich im Verlauf unseres Lebens ansammeln, von uns selbst oder über uns geschrieben, sagen unendlich viel über uns aus. Wie gesagt, Tagebucheinträge und Briefe finden sich in hunderten von Comics. Aber die Möglichkeiten sind unendlich. Was ist mit dem morgendlichen Frühstücks- und Anziehritual eines kleinen, pedantischen Beamten, kombiniert mit einem Brief an seinen Vorgesetzten, dass auf die korrekte rechtsbündige Formatierung, Spationierung und Marginalisierung der Datumszeilen in Anschreiben unbedingt zu achten ist.

Der Polizeibeamte, der mit einem begangenen Verbrechen nicht klarkommt, und der in seinem Bericht versucht, dem Geschehenen durch leeren Formeln und bürokratische Phrasen den Schrecken zu nehmen?

Man kann sich einen Comic vorstellen, in dem Panel für Panel Momentaufnahmen eines Lebens dokumentiert werden: Eine Geburt, der stolze, leicht asige Vater mit seinem Baby auf dem Arm, und weiter Moment für Moment einer Jugend, bis zu dem Punkt, an dem dieses Leben eine fatale Wendung nimmt. Neben den Bildern läuft als Text die Begründung der Geschworenen, weshalb sie, in Anbetracht der ausserordentlichen Brutalität der Tat und der einschlägigen Vorgeschichte des Angeklagten, die Todesstrafe für angemessen hält.

Auch wenn in der Richtung schon viel unterwegs ist: Die Kombination aus Lebensdokumenten und Bildern bleibt eine der spannendsten Wechselwirkungen von Text und Bild.

Zeitkollagen: wie in "Best Man fall" von Grant Morrison

Sowohl Alan Moore als auch Grant Morrison waren stark beeinflusst von einer Kultur des Wandels und der Innovation, von Autoren wie Hunter S. Thompson oder William Burroughs, und ich habe das Gefühl, dass zumindest Grant Morrison seine abgedrehtesten, experimentellsten Stories in den Achtzigern und Neunzigern gemacht hat. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die "Invisibles" in ihrer epischen Länge und psychedelischen Wirrheit heute noch möglich wären. Die Story ist streckenweise das Äquivalent zu einem 10-minütigen Schlagzeugsolo. Andererseits hatten die Jungs damals offensichtlich komplette Narrenfreiheit und konten experimentieren, wie sie wollten. Eine der beeindruckendsten Sequenzen aus Invisibles ist die fast eigenständige Episode aus Heft Nummer 12, "Best Man fall" aus dem Sammelband Apokalipstick (hier ein längerer Text aus den Comic Book Resources über diese Episode). Hier wird das komplette Leben eines Menschen in wenigen Seiten wiedergegeben. Was die Geschichte so beeindruckend macht, ist, dass die Szenen nicht chronologisch aufeinanderfolgen, sondern als scheinbar willkürliche Puzzleteile durcheinandergeworfen werden, wie die Handlungsstränge in Pulp Fiction. In unserer normalen, linearen Wahrnehmung der Zeit - auf A folgt B, auf B folgt C bis zum Ende - macht jeder Schritt (halbwegs) Sinn und folgt auf den anderen. A führt zu B, B führt zu C. Aber Grant Morrison stellt Momente aus dem Anfang und dem Niedergang einer Beziehung direkt gegenüber, und der Effekt ist niederschmetternd. Äh, in a good way. Weil es schmerzhaft klarmacht, wo Menschen mal hinwollten, und was daraus geworden ist. Ich kann mir solche Zeitkollagen mit Leben vorstellen, mit Beziehungen, mit Karrieren ....

... und ich weiss nicht recht, was ich davon halten soll, dass die Essenz unserer Leben vielleicht tatsächlich auf 5, 6 Seiten erzählt werden kann. Ist das eine gute oder eine schlechte Nachricht?

Split Screen Page: zwei Spalten, zwei Perspektiven: Gesehen in "The Old Flame", Alex Robinson

Neben Ralf König empfinde ich die Bücher von Alex Robinson als den verwandtesten Ton. Für Alex Robinson war Dave Sims "Cerebus" das, was für mich Ralf König war, und so war das extrem innovative Mammutwerk von Sim auch prägend für Stil und Form speziell in BOX OFFICE POISON, einem der zerfleddertsten Bücher meines Haushaltes. Ausser von Ralf König haben ich wohl von keinem anderen Autor soviel geklaut Inspiration gezogen.

In einem Band mit Kurzgeschichten aus dem Box Office Poison- Universum befindet sich THE OLD FLAME, das ich für Panik Elektro: Love Stories verdeutschen durfte. Ein wunderbarer dreiseitiger Comic mit zwei Perspektiven: Ein Mann und eine Frau erzählen ihren Kumpeln / Lovern von einer Begegnung mit ihrem Ex. Der Typ hat das Gefühl, die alte Flamme sei noch am Glühen, die Frau fragt sich, was sie jemals in dem Typ sah. Wir erleben eine Situation, in zwei Sichtweisen, also zwei Geschichten.

Der Indie-Film "Conversations with other women" zeigt seine komplette Geschichte, ebenfalls die Geschichte einer Begegnung und eines Wiedersehens, in einem Split Screen (fast) immer aus den zwei Perspektiven des Mannes und der Frau. Das Storytelling der letzten Jahrzehnte, sichtbar in "Acht Blickwinkel" bis hin zu "Scalped" vermittelt immer mehr eine gleichzeitig sehr profane und sehr wichtige Einsicht, nämlich dass es nicht die "eine" Wahrheit gibt. Jeder Blickwinkel ist eine Facette von ihr. Es wäre interessant, mal eine längere Geschichte zu sehen, in der die zwei Spalten einer Seite verschiedene Geschichten und / oder Perspektiven einer Situation beleuchten.

Die Stimme aus dem Off: Captions und Voice-over

"Captions", die im Film "Voice-over" heissen, sind ebenfalls gang und gäbe im Comic, als Widergabe von Gedanken oder einer Erzählstimme. Ich denke, Noir erfreut sich deshalb so großer Beliebtheit im Comic, weil es den Ich-Monolog des Erzählers im Noir-Krimi sehr gut wiedergeben und mit Bildern ergänzen kann. Manche Seiten aus SIN CITY sind erzählt wie ein Roman, garniert mit Standbildern.

Beispiele für Caption:

Eine kommentierte Kriegsszene.

Ein Erzähler in SIN CITY

und in der grandiosen Geschichte Hawaiian Getaway von Adrian Tomine.

Und auch bei den Captions, gab und gibt es unendlich viele Möglichkeiten, und einige interessante, wenn auch seltener beschrittene Wege.

Point-of-View (POV): wie bei Daniel Clowes.

Natürlich erzählen viele Comics aus der "Sicht" einer erzählenden Hauptfigur, aber In den Neunzigern machte Daniel Clowes einige Comics, die die introspektive Sicht noch einen Schritt weiterführten und komplett "Point-of-View" erzählten, so daß man wirklich nur sah, was auch der Erzähler sah, und dabei seine Gedanken las. "Strolling" begleitet eine Person (alles immer sehr nah an der Person von Daniel Clowes selber) bei einem Spaziergang durch sein Viertel, in einem anderer Comic ist der Betrachter Gast auf einer Party, auf der er niemanden kennt. Der Eindruck dieser Erzählweise ist sehr intim - wir stecken direkt im Kopf des Erzählers - aber auf die Dauer sicher auch etwas klaustrophobisch, weil immer nur einen kleinen Ausschnitt des Geschehens sehen, als würden wir durch ein (zugegebenermaßen recht großes) Schlüsselloch blicken. Ich kann mir eine solche Erzählweise gut vorstellen, um für ein paar Seiten wirklich die Wahrnehmung einer anderen Person zu erleben. Als längere Geschichte kann ich mir vorstellen, dass diese Erzähllweise eine extrem bedrückende und gruselige Atmosphäre schaffen, kann, in der die eigene beschränkte Wahrnehmung zu einem Käfig wird, aus dem man nicht ausbrechen kann.

Der unzuverlässige Erzähler: wie in BOX OFFICE POISON von Alex Robinson

Der unzuverlässige Erzähler war im neunzehnten Jahrhundert geradezu eine Modeerscheinung in den Romanen. Der Erzähler der Geschichte ist mit involviert in die Geschehnisse, und erzählt uns nur seine Sicht der Dinge, vielleicht erfindet er Ereignisse oder lässt welche weg, um vor unseren Augen besser dazustehen. Der Spass dieser Angelegenheit war es, herauszufinden, wieweit der Erzähler uns manipuliert und belügt, was wirklich passiert ist und wie die Ereignisse wirklich zu beurteilen sind.

Es ist eigentlich erstaunlich, dass der unzuverlässige Erzähler im Comic sowenig präsent ist, denn es ist das perfekte Medium dafür: in der Caption steht der Erfahrungsbericht des Erzählers, in den Bildern sehen wir, was wirklich passiert ist. Zum ersten Mal begegnet bin ich dieser Technik in einer Szene aus BOX OFFICE POISON, in der ein alternder Comiczeichner berichtet, wie er sich voller Mut und Integrität gegen die Politik seiner Herausgeber stellt und kündigt, während die Bilder eine ganz andere Geschichte erzählen. In TARA gibt es eine Szene, in der Arne seinem Freund Steffen erzählt, wie er von einer Supermarktbekanntschaft quasi ins Bett gezerrt wurde, während die Bilder zeigen, dass nichts von alledem passiert ist.

Caption aus einer anderen Zeit

Ebenfalls aus dem nimmermüden Box Office Poison stammt eine Seite, auf der ein Mörder die Spuren seiner Tat beseitigt. Die Captions über den Bildern geben das Gespräch zwischen dem Mann und einer Prostituierten vom Betreten des Raumes bis zum Moment des Mordes wieder. Ein gespenstischer Effekt. Ein ähnlicher Effekt findet sich in Sean McKeefers wunderbarem Dreiteiler THE WAITING PLACE, und am Anfang meines DAS KURZE HALLO, das sehr stark von BOP beeinflusst wurde.

Bilder einer Szene zu den Captions einer anderen Szene

Die eindringlichste Moment dieser Technik, an den ich mich erinnere, stammt nicht aus einem Comic, sondern aus der 10. Folge der Staffel 3 ("Losing the light") von THE L WORD, allerdings kann man sich die Szene sehr leicht als Comic vorstellen.

Ich tippe mal, fast jeder, der diese Serie verfolgt hat, war sehr tief berührt von dieser Folge, die in Echtzeit abwechselnd die parallelen Geschehnisse in den Leben der Protagonisten erzählen. Jenny und Max unternehmen eine Autofahrt; Bette kehrt von einer Reise zurück; Alice kauft ein Geschenk für die schwerkranke Dana; Kit spicht mit ihrem untreuen Freund Angus; Shane und Carmen sind im Bett. Die Folge wechselt zwischen diesen Szenen hin und her, und das tut sie bis zum Schluss. Aber Danas Herz setzt aus, und während die Szenen weiter wechseln, hören wir als Ton nur die panischen Versuche der Ärzte, Dana zu reanimieren, bis sie schliesslich aufgeben.

Die letzten sechs Minuten von Losing the light bei youtube.

Ich glaube nicht, dass jemand in Worte fassen kann, warum dieser Moment so insszeniert wurde. "Scribe Grrrl" hat auf der Community-Seite AfterEllen diese Szene so interpretiert:

[...] Dana has just flatlined. The nurses are panicking and there's a crash cart and all of that stuff that goes on, but the point is that nobody's with Dana: not Alice, not Dana's parents, not the family of friends she loves and needs. And as she dies, we hear the nurses and the doctor and the beeps of the machines, but we see what everyone else is doing: Shane and Carmen are fucking; Tina is holding Angelica close at the restaurant; Peggy is holding Helena's hand; Kit and Mange are making out; Jenny is resting a hand on Max's shoulder. And Bette is on the bus, feeling and knowing that something's wrong somewhere, and closing her eyes against the loss. And Alice is going back into the hospital, at just the wrong time, just in time for them to tell her that Dana is gone. She crumbles to the floor, and wails, and says no. No.

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In other news: Im kommenden Comic-Jahrbuch des ICOM erscheint ein Interview mit mir zu den Hintergründen und Perspektiven von DER COMIC IM KOPF. Ausserdem liefert das Interview einige Zeichnungen von Markus zum Buch. Im November werden wir uns nochmal intensiver zusammensetzen, die Struktur des Buches festzurren und einen schicken SNEAK PEAK zusammenstellen, mit dem wir dann an die Verlage herantreten. Drückt uns die Daumen.

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