Sonntag, 11. September 2011

Wieso, weshalb, warum: Fragen und Antworten am Anfang einer Geschichte.




In der alten Schule des journalistischen und publizistischen Schreibens galt das Prinzip, zunächst einmal einen Haufen „W“s zu klären,: Wer, wo, wann, was, wie, weshalb. Es geht darum, dem Leser möglichst schnell eine Orientierung zu verschaffen. Wenn die Grundlagen geschaffen sind, kann man mit seiner Argumentation loslegen.

Zumindest ein paar dieser Ws sollte auch die Anfangsszene einer Geschichte liefern: Das Wo, das Wann, und vor allem das Wer. Am Anfang einer Geschichte sind wir Leser wie das Küken, das seine Mutter verloren hat, und jetzt dringend jemand sucht, dem es hinterherlaufen kann – den Protagonisten. Wenn eine Geschichte den Schwerpunkt auf Atmosphäre setzt, beginnt sie vielleicht mit einer Einstimmung auf das Umfeld des Geschehens, bevor die Figuren in Erscheinung treten; Handlungsorientiertere Plots präsentieren sehr schnell den Konflikt, und führen danach schrittweise Umfeld und Figuren ein.



Was ist eigentlich ein Anfang?


Meine liebste Definition eines Anfangs stammt – mal wieder – von Aristoteles: ein Anfang ist etwas , worauf etwas anderes folgen muss. Diese Aussage klingt erstmal ziemlich „Ach was?“. Gemeint ist, dass ein Ereignis eintritt, das ein anderes Ereignis nach sich zieht. Beispiel Hänsel und Gretel: Es waren mal zwei Eltern, und die hatten zwei Kinder. Sie waren sehr arm.

So weit, so gut. Noch kein Ereignis.

Sie waren so arm, dass sie kaum genug zu essen hatten.
Ihre Klamotten waren auch ganz schön runter.
Das Geschirr war alt und häßlich. Die Möbel auch.


Und so könnte es noch seitenlang weitergehen, aber die Eltern beschliessen, ihre Kinder in den Wald zu schicken. Und damit beginnt die Geschichte. In Kinofilmen und Romanen kommt dieses Ereignis oft erst nach zwanzig Minuten, nachdem zunächst die Figuren und ihr Umfeld eingeführt worden sind.


Kurzgeschichten und Erzählungen springen oft direkt ins Ereignis, oder kurz davor oder danach, und liefern im Verlauf der Erzählung stückweise weitere Infos über die Figuren und ihre Lebensumstände.


Anatomie des Anfangs: Vom Ganzen ins Detail


Der klassische Anfang einer Geschichte oder einer neuen Szene klärt erstmal den Ort. Wir sehen ein Gebäude, ein Feld, eine Raumstation. Dann die Situation, die wir vorfinden. Ein Raum, und Personen, die auf eine bestimmte Weise zueinander stehen. Wenn die Informationen des Wann/wo/wie geklärt sind, komzentrieren sich die folgenden Panels häufig auf Mimik und Körpersprache de Figuren. Die gute Nachricht für alle Zeichner: Wie müssen nicht unbedingt in jedem Panel wieder den Raum zeichnen. Wir wisssen schon, wo wir sind.



Hier ein sehr klassischer Anfang aus "Catwoman: Böse kleine Stadt". 1,Ort, 2.Situation. 3ff - Gesichter und Gesten.



Am Beispiel von David Boring: 1. Ein Ort, 2.eine Situation, 4ffGesichter, Mimik, Gestik.





In dem Zusammenhang kann ich nur empfehlen, sich mal mit einer Folge seiner Lieblingsserie hinzusetzen, und die Anatomie einer Szene Bild für Bild aufzuschreiben und zu analysieren. Da das Medium TV ganz besonders darauf angewiesen ist, seine Zuschauer bei der Stange zu halten, findet sich hier das effizienteste visuelle Storytelling. Wie in dieser Szene aus HEROES:



Die Kamera klärt die Basics, das Wo und Wer, und wechselt dann zwischen Close-ups und Halbtotalen, je nachdem, ob der Gesichtsausdruck und/oder Gestik und Stellung des Körpers wichtig sind.


Andersrum: Vom Detail ins Ganze


Andererseits, warum SOLLTEN wir alle Fragen des Lesers so schnell beantworten? Populäre Romane fangen gerne mal mitten im Gespräch an, und erzeugen so im Leser den Wunsch, weiterzulesen, um die Situation durchblicken zu können. Diese Erzählweise schafft einen stärkeren Sog beim Leser. Ein weiteres Beispiel aus HEROES, weil es grade so praktisch ist.




Azarello und Risso sind Genies dieser Technik und setzen sie in ihrem 100 BULLETS kräftig ein. Die ganze Serie ist ein Lehrwerk in Seitenlayout. Man sieht nur ein kleines Detail, eine Fliege an der Decke, ein leeres Glas auf einer Theke, und Schritt für Schritt wird die Szene aufgelöst. So kann man mit der Information und den Erwartungen des Lesers spielen, aber gerade beim Einführen der Personen oder ihrer Konflikte sollte man sich nicht zuviel Zeit lassen. Die Aufmerksamkeitsspanne der Post-MTV-Generation ist inzwischen auf drei Sekunden gesunken. Und wichtiger als die ganzen Wers, Wanns und Wos ist die erste Frage, die sich ein Leser unbewusst stellt, die nach dem Weshalb - Weshalb sollte mich das hier interessieren?


Erstmal Stimmung, dann der Rest: Visuelle Einstimmungen


Viele Autoren entscheiden sich dafür, erst einmal eine Stimmung zu erzeugen, bevor Personen oder die Handlung eingeführt werden, und hier kommt die Stärke des Erzählens in Bildern zum Tragen. Ein Bild sagt tausend Worte, heißt es. Das ist nach meiner Erfahrung bei weitem nicht immer so. Viele Bilder sagen mir nur ein Wort: Haus. Baum. Straße.


Aber mit Licht, Blickwinkel und Komposition können wir jedem Bild, mit dem wir eine Geschichte einleiten, eine Stimmung verleihen. Ein Haus kann mehr sein als ein Haus. Es kann für eine Idee stehen, für ein Gefühl. Ich erwähnte bereits David Mamets Prinzip des visuellen Erzählens. Er geht von einer Idee aus, einer abstrakten Kategorie wie Ungeduld, Ungewissheit, Bedrohung, Harmonie - und sucht dann nach Bildern, die diese Idee wiedergeben. Möglichst, ohne in Klischees zu versinken.Bilddatenbanken haben die Kategorie des „Konzeptes“, die der „Idee“ bei Mamet sehr nahekommt.

So sehen wir mehr als ein Haus. Wir sehen, und fühlen vor allem, die Idee des Bildes: Harmonie, Macht, Autorität. Unser Verstand nimmt das Motiv wahr, aber unser Bauch fühlt die Idee des Bildes. Die Situation hat tiefere, emotionale Ebene. Deswegen lohnt es sich, am Anfang einer Geschichte oder einer Szene zu überlegen, mit welcher Stimmung wir in die Geschichte treten möchten, und wie wir diese Stimmung visuell wiedergeben können. Manchmal ist eine Haus wirklich nur ein Haus. Manchmal ist es mehr.


[Dasselbe und doch anders: Motiv Haus.]




Einige Archetypischen Anfänge:


Klassisch: Wer, wo, wann, was.
Man sieht ein Haus, dann ein Zimmer, eine Familie am Tisch. Gespräch, das die Figuren einführt.


„Hier entlang, bitte“
Wir werden gemeinsam mit der Figur in die Umgebung eingeführt. Der Wagen einer Familie fährt in ein Dorf ein; ein Ehepaar besichtigt zum ersten Mal sein zukünftiges Haus. Ein neuer Schüler wird der Klasse vorgestellt. Ein Anwalt wird zur Zelle seines Mandanten geführt.


Erstmal die Leiche. Den Rest klären wir später.
Der Whodunnit, die Krimistory, in es darumgeht, "wer es getan hat", redet, speziell im Comic nicht groß drumrum: Im ersten Bild von David Laphams MURDER ME DEAD hängt direkt mal eine Frau von der Decke. Ähnliche Anfänge liefern zum Beispiel BLACKSAD oder der Edel-Whodunnit WATCHMEN.


Die drohende Gefahr
Eine Frau betritt eine dunkle Gasse. Erste Schatten. Dann Bedrohung und Rettung durch den Helden. Der archetypische Beginn einer (Super)Heldengeschichte, in einer Variation zu finden in V FOR VENDETTA und mit einem ironischen Schlenker in THE MAXX.


(wird fortgesetzt)

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