Sonntag, 4. September 2011

Gute Struktur, böse Struktur: Wieviel Planung ist gut für den Plot?


Die Malerin Jeanne Carbonetti berichtet von zwei Arten von Schülern: Die einen schäumen über vor Ideen und Enthusiasmus, fangen voller Elan dutzende von Bildern an, die dann halbfertig in der Ecke stehenbleiben, weil eine neue Idee um die Ecke kam, die *dringend* umgesetzt werden musste.

Die zweite Art Schüler geht sehr planvoll und zielgerichtet vor: Sie formulieren das Motiv stufenweise aus, schaffen ein solides Fundament in der Komposition und der Wahl der Farben und nähern sich dann Schritt für Schritt dem fertigen Bild.

Soweit, so gut.

Der Haken: es macht überhaupt keinen Spass.

Meet the two sisters of creation: Chaotina and Orderella
Chaotina ist die spaßige, originelle, die vor Ideen sprudelt, witzige und neue Zusammenhänge erkennt und eine grenzenlose Phantasie an den Tag legt. Sie ist voller Enthusiasmus und findet alles toll. Ihr Leben ist in jeder Beziehung eine Baustelle.

Orderella ist die aufgeräumte, zielstrebige, die alle Aufgaben sofort erledigt. Verheiratet, zwei Kinder. Sie ist nicht unbedingt die Partykanone, aber sie ist sehr verlässlich und findet für alles eine Lösung. Sie hat den Wunsch, und die Gabe, Dinge zu betrachten und zu beurteilen.
Es ist nicht so ganz einfach mit den beiden. Sie lieben sich und beneiden einander insgeheim höllisch, aber man sollte sie nie gemeinsam zum Tee einladen. Sie keifen sich nur an.

Und das ist das, was viele Autoren tun. Sie schreiben einen Satz, und und lassen ihn durch ihre innere Beurteilungsbehörde laufen, bewerten, kritisieren und verbessern. Und dann den nächsten, und den nächsten. Ein quälendes Hin und Her, jeder Satz und jede Idee wird infrage gestellt und diskutiert, bis alle frustriert mit aufgeriebenen Nerven am Boden liegen.
Also, warum nicht tatsächlich beide nacheinander herbeiholen, damit jeder ungestört das machen kann, was er kann.

Man beginnt seine Geschichte mit dem Festlegen einer einfachen Struktur. Und improvisiert später wild darüber wie ein Jazzer über eine Akkordfolge.

Oder man beginnt mit einer Idee, und lässt sie einfach eine Weile wachsen. Und schaut dann später, ob man Strukturen oder Muster erkennen kann, auf die man dann hinarbeiten kann.




Der erste Entwurf ist immer Kacke ist eine oft postulierte Tatsache, vielleicht nicht immer in diesem Wortlaut. YOU WILL MAKE A MESS, schreibt Jerry Cleaver in seinem genialen Buch Immediate Fiction. Stephen King empfiehlt in seinem grandiosen VOM LEBEN UND VOM SCHREIBEN, einfach draufloszuschreiben, ohne inneren Kritiker, alles hinzuwerfen, was einen zu einer Idee oder einem Thema einfällt. Einfach eine Idee fertigzuspinnen.

Dann lässt man sie ein paar Wochen liegen, und kehrt mit einem frischen, analytischen Blick zurück.

Egal, ob man mit Chaos oder mit Ordnung beginnt. Ich denke, man kommt am besten voran, wenn man jede der Schwestern in Ruhe ihren Job machen lässt, anstatt sich auf einen inneren Zickenkrieg einzulassen.

Kreativität kommt aus der Freiheit, in jede Richtung abschwirren zu können, die abwegigsten Dinge zu kombinieren und die wildesten Wege zu beschreiben. Oft kommt uns das zusammenphantasieren von Stories vor wie Rumträumen, eine surreale Erfahrung, die uns von der Realität löst und in einen komischen Zustand von *Bliss* ohne Raum und Zeit versetzt. Ein unglaublich glücklicher Zustand. Die Kunstbewegung der Fluxisten hatte das erklärte Ziel, diesen beseelten Zustand möglichst lange im Leben zu erhalten.

Aber wir müssen irgendwo anfangen, und irgendwo aufhören. Früher oder später, und ganz sicher bei Geschichten mit 100+ Seiten, brauchen wir Form, Ordnung und Struktur. Aristoteles lobt bei Homer dessen Fähigkeit, in einem Ereignis wie dem Krieg von Troja nicht einfach die komplette Schlacht zu erzählen, sondern die Geschichten zu erkennen, und zu extrahieren, die in diesem Krieg verborgen liegen. Was sich wie von selbst liest, und leicht und fließend wirkt, ist das Ergebnis von viel Struktur und Organisation.

Viele, viele Autoren bleiben beim ersten Entwurf hängen. Sie stürzen sich mit dem Kopf nach vorn in die Bilderflut ihrer Phantasie und schreiben.

Und schreiben. Und schreiben.

Und wenn es dann an der Zeit wäre, der Geschichte Struktur zu verleihen, die Inhalte zu ordnen und zu verdichten, legen sie sie weg, und fangen die nächste an. Oder machen einfach weiter. Gott allein weiss, wieviele 700seitigen, nie vollendete Epen in den Schubladen dieser Welt herumliegen.

Es wäre mal interessant, zu erfahren, wie oft Adrian Tomine HAWAIAN GETAWAY umgearbeitet hat. Oder Daniel Clowes KARIKATUR.

Gute Struktur, böse Struktur



Aber wie bei Alkohol, Drogen und Schuhen gibt es so etwas wie ein Zuviel an Struktur und Planung.

Und das ist besonders der Haken, wenn man Storytelling-Strukturen aus dem Drehbuchbereich übernimmt. Manche Drehbuchschulen gehen soweit, die Minute vorzugeben, in der sich in der Geschichte ein Wendepunkt vollzieht.

Ganz abgesehen davon, dass eine solche Herangehensweise für jedes Medium absurd ist, sind Comics sehr viel freier als das Kino. Im Kino sitzen die Zuschauer 90 Minuten dem Geschehen ausgeliefert, und seit Jahrzehnten doktert Hollywood an der perfekten Dramaturgie, die für 90 Minuten die Aufmerksamkeit des Publikums am besten bindet. Als Leser eines Comics ist man sehr viel freier. Auch wenn man mit Panelschlagzahl und dem Takt einer Szene viel Einfluss nehmen kann: der Leswer kann den Leserhythmus selbst bestimmen. Er nimmt eine viel aktivere Rolle ein.

Im Storytelling gibt es offenere und geschlossenere Strukturen und Prizipien. Aristoteles spricht davon, dass eine Geschichte Anfang, Mitte und Schluss braucht. Hollywood spricht davon, dass eine Geschichte drei Akte braucht, mit sonundsovielen Plot Points.

Und ich fühle mich weitaus wohler mit den offenen Strukturen.

Nur mal als Beispiel: Welche Vorgaben sind die konstruktivsten?

-keine Vorgaben



-Thema "Neid", Länge 10-20 Seiten
-Thema "Neid", 28 Seiten. Geschichte muss drei Akte haben, mit Wendepunkten auf Seite 3, 18 und 23. Alle sieben Seiten eine Actionszene von ca. zwei Seiten.

Ich glaube, die große Kunst für uns alle, in der Organisation unserer Leben ebenso wie unserer Geschichten, ist herauszufinden, wie wir am besten kreatives Chaos und formgebende Ordnung jonglieren. Ich kenen viele unglaublich kreative Menschen, die rechts und links Baustellen anhäufen und ihre Kraft verpuffen lassen. Und ich kenne einige sehr ordnungsliebende kreative Menschen, deren Ordnungssinn ihrer Kreativität im Weg steht. Aber sie machen ihre Bücher, und gehen ihren Weg. Im Zweifelsfall ist mehr Struktur und Organisation also vielleicht nicht so doof.

Ich weiss, dass wir uns alle für toll und besonders halten, weil wir den göttlichen Segen der Kreativität erhalten haben. Ich weiss aber auch, dass nur Ordnung und Struktur mich dazu bringen können, angefangene Dinge zu beenden.

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