Sonntag, 21. August 2011

Intermezzo: Geschichten versus das Leben


„Es ist gut, malen zu können was man sieht. Aber es ist besser, zu sehen, was sich zu malen lohnt.“
Oscar Wilde

„Dass du in der Schule keine Freunde hattest, rechtfertigt nicht die Veröffentlichung eines Buches.“
-Fran Lebowitz

„Wenn du die Aufmerksamkeit einer fremden Person in Anspruch nimmst, sorge dafür, dass sie es nicht bereut.“ - Kurt Vonnegut

Ich muss mich doch sehr wundern.

Noch vor wenigen Jahren hätte ich sogenannte „Mainstream“-Comics nicht mit der Kneifzange angefasst. Was mich faszinierte, war die Intimität und die Wahrhaftigkeit, die gute Autorencomics zum Ausdruck bringen können.

Vor ein paar Wochen las ich parallel eine ältere Anthologie deutscher Avantgarde / Independent / Autorencomics und die Noir-Serien „Criminal“ und „Sleeper“ von Ed Brubaker und Sean Phillips von DC/Vertigo, auf deutsch von Pannini.

Und am Ende waren die DC-Comics in jeder Beziehung die dankbarere und bessere Erfahrung
für mich.

Nick Hornby hat vor einigen Jahren einige Bücher mit Buchrezensionen veröffentlicht. Das erfrischende daran war, dass er nicht, wie normale Kritiker, seine Meinung verkauft wie eine absolute Wahrheit, wie eine Tatsache. Ein normaler Kritiker wird schreiben „diese Platte/dieses Buch IST schlecht / gut / irrelevant“. Eine anmaßende und falsche Position. Nick Hornby schrieb darüber, welche Gefühle die Bücher in ihm hervorrufen.

Ich werde es jetzt so ähnlich machen, und die Bücher beschreiben, als wären es Begegnungen. Und ebenso wie Nickt Hornby, werde ich nur die Bücher namentlich benennen, die mir gefielen.

1. Anthologie deutscher Independent- / Avantgard- / Autorencomics mit vielen Beiträgen der „Hamburger Schule“
Ich sitze im Bus auf dem Weg nach hause, als sich ein junger Mann neben mich setzt. Er hat ungesunde Haut und sieht unglücklich und erschöpft aus. Er riecht nach Babypuder und altem Kohl.

Er schaut mich traurig an:
„Mir geht’s viellecht scheisse.“ sagt er.

„Mein ganzes Leben. Alles scheisse. Alles sinnlos. Ich habe nie Glück erfahren dürfen, weisst du? In der Schule hatte ich keine Freunde, weil ich im Unterricht immer aus der Nase gegessen habe. Das fanden die ekelig.“

Er seufzt und isst aus seiner Nase.

„Aber so wird man, wenn man immer alleine ist. Meine Eltern haben mich nie verstanden.“
Er schaut mich wieder traurig an.

„Ich hatte letzte Woche eine schwere OP. Gallenblase. Willst du die Operationsnarbe sehen?“

Nein, will ich nicht.

Er zeigt sie mir trotzdem.

„Guck mal, das ist irgendwie nicht richtig geheilt. Da ist überall Eiter und SCHORF drauf.“
Es reicht mir. Eigentlich müsste ich noch eine Station fahren, aber ich drücke auf den Halteknopf, sage dass ich aussteigen muss, und fliehe aus dem Bus.

Der Bus fährt weiter, und der junge Mann schaut mich traurig und anklagend an. Jetzt geht es ihm noch schlechter als vorher. Und er gibt mir die Schuld dafür.

Ich setze mich an die Haltestelle. Ich bin eine Station zu früh ausgestiegen und warte jetzt einfach auf den nächsten Bus.

Ed Brubaker / Sean Phillips: Criminal 1-5, Sleeper 1-2. Vertigo / Pannini

Ein Typ kommt auf mich zu. Wir kennen und nur vom Sehen und Grüßen, aber ich finde ihn sympathisch. Er setzt sich zu mir.

„Ich habe eine unglaubliche Geschichte erlebt. Hast du einen Augenblick Zeit?“
Ich bejahe.

„Cool. Ich hole uns erstmal n Kaffee.“

Er holt uns zwei Kaffee und setzt sich wieder. Er erzählt seine Geschichte, und sie ist spannend, bewegend, in Momenten amüsant, ironisch, tragisch. Die Geschichte handelt von Menschen. Wie sie falsche Entscheidungen treffen, die ihr Leben in eine falsche Bahn lenken. Von Menschen, die faule, feige Kompromisse eingehen. Die die Macht über ihr eigenes Leben verlieren. Mein unbekannter Freund ist ein großartiger Erzähler, und er lässt lebhafte Bilder vor meinen Augen entstehen. Die Geschichte fesselt mich.

Die Geschichte endet mit einem Paukenschlag und wird noch einige Zeit in mir nachhallen. Jetzt kommt mein Bus. Ich danke meinem unbekannten Freund für den Kaffee und die Geschichte. Er bedankt sich für meine Aufmerksamkeit.

Ich steige in den Bus, bewegt, amüsiert, beeindruckt. Was für eine gute Geschichte, was für ein wunderbarer Erzähler. Ich freue mich auf das nächste Mal, dass ich ihm begegne.

= = = =

Ein Freund von mir wohnt in der Nähe einer Partymeile hier in Köln. Und jedesmal zu Karneval ist es dasselbe: Er schliesst die Haustür auf, und musst feststellen, dass jemand in den Hausflur gekotzt hat. Mal wieder. Immer dasselbe.

Und genau diese Gefühle lösen inzwischen viele Autorencomics in mir aus: Eine Mischung aus Verstörung und Langeweile. Die Geschichte ist nie gut erzählt, selten gut gezeichnet, und am Ende der Geschichte habe ich den Wunsch, eine Schachtel Zigaretten auf Ex zu rauchen und danach lange zu duschen.

Eine meiner Lieblingsbücher war – und ist – Alex Robinsons BOX OFFICE POISON, die die Schicksale einer Gruppe von Zwanzigplussern über mehrere Jahre hinweg verfolgt. Es hat 600 Seiten, und war eine Initialzündung für mich. So was möchte ich machen, dachte ich, einfach eine unspektakuläre Abbildung des echten Lebens.

Was mir damals nicht bewusst war: Das schöne an B.O.P war nicht nur die Glaubwürdigkeit der Charaktere und die Wahrhaftigkeit des Tons.

BOX OFFICE POISON wimmelt tatsächlich von sehr interessanten, großartig erzählten Momenten und Geschichten.

Ich habe lange geglaubt, Plot sei etwas vulgäres, etwas was nur Thrillerautoren und Popcorn-Blockbuster benutzen. Ich glaubte immer, wichtiger sei Authentizität, eine ehrliche und wahrhaftige Abbildung des Lebens.

Das glaube ich auch weiterhin.

Aber inzwischen denke ich, ein guter Plot ist ein Zeichen, dass der Autors mich als Leser respektiert. Plot ist nicht der Feind. Es ist der Verbündete.

Ein weiteres Zitat, eine Szene aus dem Film Adaptation, die in einem Drehbuchseminar spielt:

Charlie Kaufman:
Was ist denn, wenn man eine Geschichte hat, in der nichts passiert? Menschen leiden, und nichts klärt sich auf. Eher so wie in der wirklichen Welt.

Robert McKee:
die wirkliche Welt, hm?

Erstens, eine Geschichte ohne Konflikte wird dein Publikum zu Tränen langweilen.

Zweitens, „nichts passiert in der Welt“? Hast du sie noch alle? Jeden Tag werden Menschen umgebracht. Es gibt Völkermorde, Verbrechen, Korruption. Jeden verdammten Tag opfert irgendwo auf der Welt ein Mensch sein Leben, um einen anderen zu retten. Jeden verdammten Tag trifft ein Mensch die bewusste Entscheidung, einen anderen Menschen zu zerstören. Menschen finden Liebe, Menschen verlieren Liebe. Ein Kind muss mitansehen, wie seine Mutter auf den Stufen einer Kirche zu Tode geprügelt wird. Jemand hungert. Ein anderer verrät seinen besten Freund wegen einer Frau.

Wenn du diese Geschichten nicht im Leben findest, dann verstehst du nichts vom Leben.

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