Sonntag, 28. August 2011

Ich bin dann mal zuende: Gute, und nicht ganz so gute Arten eine Geschichten abzuschliessen



Ich erwähnte ja schonmal KRIEG DER WELTEN. Die Alien überfallen die Erde, alles sieht aussichtslos aus. Und am Schluss fangen sie sich irgendeinen Virus und sterben von selbst.
Man hat das Gefühl, es ist vorbei, aber man hat nicht das Gefühl eines befriedigenden Abschlusses. Keinen SENSE OF CLOSURE.


Andere Story: Stefan wettet, dass er Tina ins Bett kriegt. Er schafft es schliesslich auch, und die beiden verlieben sich. Ca. 10 Seiten vor Schluss erfährt Tina, dass sie nur eine Wette war, und beendet die Beziehung.

Gutes Ende wäre: Stefan beweist durch irgendeinen heroischen Akt, dass seine Liebe echt ist. Wäre nicht neu, aber würde Sinn machen.

Doofes Ende wäre: Stefans Mutter wird von Aliens entführt, und seine Oma gewinnt im Lotto.

Ich habe nochmal bei Aristoteles nachgelesen, und für ihn war das perfekte Ende ein Ende, dass überraschend kommt, und trotzdem konsequent und logisch aus der Story folgt. Wir haben den Zug am Anfang abfahren sehen. Und sind trotzdem überrascht, wenn er plötzlich auf uns zurast.

Das Ende folgt aus dem Charakter der Figur, oder dem Verlauf der Ereignisse. Es macht komplett Sinn, aber wir haben es trotzdem nicht kommen sehen.

Am Ende von THE WRESTLER hat der Held die Chance, ein neues Leben zu beginnen. Er ist sehr krank, er hat einen Bypass, und er hat die Wahl. Er kann den anstehenden Kampf absagen, und Glück finden mit der Frau, die er schon lange liebt, mit der er nie zusammen war. Doch aus einem „Ich bin der, der ich bin“ Punkrock-Geist heraus, lehnt er all das ab. Die letzte Szene zeigt ihn, wie er seinen Gegner bezwungen hat und sich anschickt, sich auf ihn zu werfen. Er hat einen Bypass, der Aufprall wird sein sicherer Tod sein. Er springt, und das ist das letzte Bild, das wir sehen.

Das bittere Ende ist am Schluss die Konsequenz aus seinem Charakter, und aus dem Leben, dass er geführt hat.

In THE DEATH OF SPEEDY verursacht Speedy, ohne Absicht, durch seine impulsiven und rücksichtslosen Taten, viel Leid bei allen Menschen, die er liebt. Am Schluss kommt ihm die Erkenntnis, dass all das Leid von ihn ausging, und er weiss keinen anderen Ausweg als den Selbstmord.

Je weiter die Story fortschreitet, desto schwerer fällt es uns, Fremdeinwirkungen zu akzeptieren.

Wenn wir eine lange Geschichte über die Entstehung einer Liebe gelesen haben, werden wir schwer akzeptieren, dass


  • in der letzten Minute ein Auto kommt, und einen der beiden tötet.


  • Sich die Frau im letzten Moment trennt und sich einen anderen Partner nimmt
Wir akzeptieren diese Enden allerdings ohne Murren, wenn

  • wir wissen, dass einer von beiden Dreck am Stecken hatte, und ihn eine Schuld aus der Vergangenheit, in Form dieses Wagens, wieder einholt, oder


  • wenn wir wissen, dass die Bindungsunfähigkeit der Frau schon immer ein Problem war. Sie hat ihren Mann sehr geliebt, doch am Schluss kommt ihre wahre Natur wieder durch.

Wenn man sich also die Elemente eines Plotverlaufs vorstellt wie ein Werkzeugkasten, dann sollten alle Werkzeuge, die Fremdeinwirkungen beinhalten, möglichst nicht am Ende verwendet werden. Keine glücklichen Zufälle auf der letzten Seite. Keine Katastrophen ohne Vorankündigung.

Natürlich passiert das alles genauso im Leben. Ein Paar verliebt sich, heiratet, kauft ein Haus, zieht an. Das Haus brennt nieder. Jemand findet Geld auf der Straße oder gewinnt im Lotto.

Aber wenn wir diese willkürlichen Wendungen in einem Comic / Film / Buch sehen, treten wir aus der Story heraus. Die Blase der Illusion platzt.

Ich glaube, dass wir uns alle wünschen, dass Dinge Sinn machen, dass es immer Ursache und Wirkung gibt, und wir glauben eine Geschichte besonders dann, wenn wir den Sinn der Ereignisse sehen. Auch wenn es eine Illusion ist.

Toolbox Chart
Charts und Schemata im Zusammenhang mit Storytelling sind immer heikel. Kurt Vonnegut würde mir jetzt und hier auf den Teppich kotzen. Ich versuche trotzdem mal, die Werkzeuge des Storytelling, die Wendungen in der Handlung hervorbringen, in den Verlauf einer Geschichte einzuordnen.

Handlungsverläufe und Wendungen, die durch die Figur hervorgerufen werden, sind immer glaubhaft und werden immer akzeptiert. Sehr, sehr viele Geschichten haben eine „Character Arc“, die Entwicklung einer Persönlichkeit, die parallel und gespiegelt zur Handlung verläuft. Der Charakter einer Figur wird durch die Ereignisse geprägt; er bekommt vielleicht mehr Verständnis und Einsicht in sich selbst und wird zu einem bewussteren Menschen. Oder er verweigert sich jeder Einsicht und bleibt starr. In dem Fall endet die Geschichte meistens bitter bis böse für den Helden. Oder die Ereignisse verändern ihn negativ: Die Person die ein Verbrechen begeht, um ein Unrecht wiedergutzumachen, endet vielleicht als Verbrecher.

Peripetie, die hier schon mal diskutiert wurde (der Protagonist will etwas, aber aus seiner Handlung erwachsen Resultate, die er nicht wollte und nicht vorhersehen konnte) ist ein sehr mächtiges Tool, funktioniert aber am besten am Anfang einer Geschichte, weil der schicksalhafte Verlauf oft Zeit zum reifen braucht. Ein kleiner Fehler, eine impulsive Handlung, eine Unachtsamkeit setzt Ereignisse in Gang, die niemand wollte und die niemand vorhergesehen hat. Und diese Ereignisse brauchen Zeit, um zu kulminieren. In DEATH OF SPEEDY schläft Speedy, ohne es zu wissen, mit der Freundin eines verfeindeten Bandenchefs und richtet so riesigen Schaden an. In GRABGESANG ist Jake in Danica verliebt, überlässt sie aber seinem Freund Sebastian und ruiniert so, ohne es zu wollen, ihr Leben.

Enthüllungen können überraschen und Spaß machen, solange sie gut eingebettet sind und nicht zu willkürlich oder klischeehaft wirken. Klassischerweise geschehen sie


  • am Anfang der Geschichte: Ein Mann erfährt, dass er eine Tochter hat


  • im letzten Drittel: in einem klassischen Thrillerplot stellt sich jetzt heraus, dass der treue Kamerad des Helden die ganze Zeit für seinen Feind gearbeitet hat


  • am Ende der Geschichte: zum Beispiel als immer wieder gerne genommenes TWIST ENDING: Die Brüder streiten sich um das Erbe ihrer sterbenden Mutter, am Ende sind alle irgendwie tot, und die Haushälterin, die all das geplant hatte, sitzt mit einem Koffer voller Geld im Flieger.

  • Zufälle und Unfälle akzeptiert man in einer Geschichte vor allem am Anfang. Später nur dann, wenn sie sehr gut in die Story eingebettet sind. Wenn die Geschichte zwei Handlungsstränge hat, die sich schicksalhaft kreuzen und der Geschichte eine überraschende positive oder negative Wendung geben, ergibt eine weitaus bessere und glaubhaftere Geschichte als die positive Wendung , die dem Helden plötzlich in den Schoß fällt. Wenn das Haus eines glücklichen Paares am Ende ohne jede Vorankündigung zusammenbricht, ist das ungefähr so realistisch wie ein Monty Python-Sketch. Wenn im Verlauf der Story immer wieder angedeutet wurde, dass das Haus nicht mehr das fitteste ist, wirkt diese Wendung am Schluss glaubhaft.

    The good, the bad, the abgefahren: Arten von Schlüssen

    Das positive Ende: Alles wird abgeschlossen, alle finden ihr Glück, auss den Bösen, die kriegen alle, was sie verdienen.

    Das negative Ende:
    Die Helden haben ihr bestes gegeben, aber es hat nicht gereicht. Sie haben die Schlacht verloren.

    Das ambivalente Ende.
    Eine sehr kraftvolle, nachhallende Variante, denn diese Geschichten enden nicht mit einer Antwort. Sie enden mit einer Frage. Der Mann, der nach oben will, hat es endlich geschafft. Zu welchem Preis? Der Gerechte, der die Bösen mit ihren eigenen Waffen geschlagen hat, ist dadurch selbst zu einem Verbrecher geworden. Ein egoistischer Mensch lernt seine Lektion, aber zu spät. Kurt Vonnegut vergleicht Hollywood-Geschichten und Märchen mit Shakespeare, und kommt zu dem Schluss, dass das Gut-Schlecht-Raster bei Shakespeare nicht funktioniert. Und das tut es auch im Leben nicht. Diese Enden hallen lange nach.

    Das ironische Ende
    Eng verwandt, und/ oder eine Variante des ambivalenten Endes. Man hat, was man wollte, aber ist unglücklicher als zuvor. Ein Mann kämpft für Gerechtigkeit, und schafft dadurch noch mehr Unrecht.

    Das Twist Ending
    Wenn die Enden Geschwister wären, wäre der TWIST als Abschlussform die punkige jüngste Schwester mit den rosa Haaren. Besonders beliebt, und effektiv, bei Krimis, Thrillern und generell Ganstergeschichten.
    Ein Twist-Ende haut uns von den Socken, weil wir die ganze Geschichte plötzlich mit anderen Augen sehen. Angenommen, eine totkranke, alte Frau ruft ihre drei Söhne zu sich aufs Anwesen, um den Koffer mit ihrem Erbe zu verteilen. Die drei Söhne kriegen sich gewaltig in die Haare, und als am Schluss auch die alten Dame stirbt, erfahren wir, dass sie nie krank war. Ihre Haushälterin und treue Dienerin hat das alles inszeniert, und sitzt nun mit dem Koffer im Flugzeug. Im besten Fall tanzt die Wahrheit direkt vor unserer Nase, aber wir sehen sie nicht. Im Nachhinein sehen wir die ganze Geschichte mit anderen Augen. THE SIXTH SENSE und FIGHT CLUB sind sehr bekannte Beispiele für Twist Endings, und Christopher Nolan arbeitet sehr viel damit. Ebenso speziell Noir-Autoren wie David Lapham, Brian Azzarello oder Ed Brubaker.
    In THE FILTHY RICH begeht der Held immer größere Verbrechen, bis zum Mord, um seine Geliebte, die Tochter eines reichen Industriellen, zu beschützen und zu retten. Erst am Schluss – klassisch Noir – erfährt er (und wir), dass die Frau ihn nur benutzt hat, um ihre Feinde und ihren Vater loszuwerden. Er ist jetzt ihr Gefangener und wird seine Zukunft als ihr Chaffeur zubringen.


    Die Kirsche auf der Sahnehaube: Das kleine Ende nach dem großen Ende

    Sehr oft und gerne wird das eigentliche Ende noch durch einen kleinen abschliessenden Moment getoppt. Wir kennen es aus Tom und Jerry: Tom versucht Jerry zu fangen, und am Schluss ist sein Plan gescheitert. Er guckt frustriert in die Kamera.

    Und dann scheisst ihm noch eine Taube auf den Kopf.

    Man kann es sich vorstellen wie ein Satz: der eigentliche Inhalt wird mit einem kleinen Punkt abgeschlossen. Wie der Nachhall eines Schlussakkordes.

    In Adrian Tomines SLEEPWALK geht es um eine Begegnung zweier Menschen, die mal ein Paar waren. Sie hat sich lange nicht gemeldet, und möchte mit ihrem Ex einen Neuanfang als Freunde versuchen. Doch er ist noch nicht soweit, er ist weiterhin verliebt und will eine Beziehung, und der Abend endet abrupt. Aber er endet nicht beim Abschied der beiden. Er fährt mit dem Wagen ziellos auf die Autobahn, und baut einen Unfall. Das Schlussbild zeigt ihn bei seinem Wagen, mitten in der Nacht, ohne eine Menschenseele, wie er darauf wartet, dass vielleicht, irgendwann, ein Abschleppdienst kommt. Ein Schlussbild, das das Gefühl der Entwurzelung und Einsamkeit mit sehr viel mehr Wucht ausdrückt, als es das traurige Gesicht des Mannes nach seinem gescheiterten Date gekonnt hätte.




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