Sonntag, 14. August 2011

Diese Stadt war so dreckig wie die Ratten, die sie beherrschten: Anfänge


Jeder, der schon ein Comicbuch herausgebracht hat, kennt die Situation: ein potentieller Leser tritt an den Stand und nimmt sich zögernd ein Buch. Vielleicht liest er den Text auf der Rückseite, vielleicht blättert er quer, aber in gefühlten neun von zehn Fällen, schlägt er das Buch auf und liest die ersten drei, vier Seiten.



Aufgrund des Anfangs trifft er die Entscheidung, das Buch zu kaufen oder nicht.


Ganze Bücher sind über die Bedeutung des Anfangs geschrieben worden, Und tatsächlich ist die erste Begegnung mit einer Geschichte so bedeutsam wie die erste Begegnung mit einem Menschen.

Heute geht’s also um Anfänge, ihre Formen und ihre Bedeutung.



1. Ein Anfang stimmt ein auf Ton und Tempo der Geschichte.
In Seth's CLYDE FANS gleitet die Kamera auf den ersten Seiten über die Häuser einer Stadt, langsam geht die Sonne auf, wir nähern uns einem Geschäft namens CLYDE FANS. Ein alter Mann wird wach, zieht sich an, setzt sich in einen Sessel und beginnt, in aller Ruhe, uns seine Geschichte zu erzählen.

In David Laphams MURDER ME DEAD hängt im ersten Bild direkt mal eine Leiche von der Decke.

Und in beiden Fällen haben wir bereits einen guten Eindruck, was uns weiter im Buch erwartet.

Die „Stimmung“ in Einstimmung

Ich persönlich mag es sehr gerne, wenn ich erste eine Stimmung vermittelt bekomme, bevor eine Handlung beginnt. Okay, das erste Bild ist eine Kirche. Also zeigen wir einfach eine Kirche. Aber welche Stimmung soll sie vermitteln? Autorität? Feierlichkeit? Traurigkeit? Endlichkeit?
In Bilderdatenbanken wie „Gettyimages“ kann man nach Bildinhalten ebenso suchen wie nach „Konzepten“. Gesucht wird ein Bild mit einer Frau in einem Bett. „Konzept“ bedeutet in diesem Fall die Stimmung, die das Bild kommunizieren soll. Wir sehen eine Frau in einem Bett. Aber was fühlen wir? Einsamkeit? Ruhe? Geborgenheit?


Der Regisseur David Mamet spricht in seinem genialen „Die Kunst der Filmregie“ von der „Idee“ eines Momentes oder einer Szene. Wenn wir also etwas ruhiger unterwegs sind, und nicht sofort mit einem Knalleffekt beginnen müssen, lohnt es sich, darüber nachzudenken, in welcher Stimmung wir die Geschichte beginnen wollen, und wie wir diese Stimmung visuell erzählen können. Ich werde auf das Konzept der „Idee“ / Stimmung noch später ausführlicher schreiben.


2. Ein Anfang macht neugierig und verleitet zum weiterlesen
Im Vergleich zu Buchautoren haben wir es eigentlich leicht, denn die Gestaltung eines Comics sagt dem Leser eigentlich schon auf den ersten Blick, ob der Stil, die „Stimme“ des Buches, ihm gefällt. Ein Buch, egal ob von Dostojewskij oder von Grisham hat ausser einem Cover nichts zu bieten als ein paar Dutzend Buchstaben. Aber gerade deshalb sind Autoren oft sehr gut darin, sich ihre Leser mit den ersten paar Sätzen direkt zu krallen.


„Ich war nach dem Unfall ein anderer Mensch.“


„Es ist die traurigste Nacht, denn ich gehe, und ich kehre nicht zurück.“

In WATCHMEN „hören“ wir die grimmige Stimme von Rorschach, während wir einen Smiley in einer Blutlache finden. Die Kamera steigt langsam höher, bis wir einen Mann sehen, der von einem Fenster aus auf die Straße hinabblickt. „Geht ja echt tief runter“. Ich kann mir schwer vorstellen, dass man nach einem solchen Anfang nicht weiterblättern will.


Der archetypischste Anfang eines Actioncomics, tausendmal vor- und nachgetanzt von aussprebenden Superheldencomiczeichnern: Wir erleben eine Frau / ein Kind / einen alten Mann, der in eine gefährliche Situation gerät. Plötzlich sieht sich die Frau umzingelt von Böseswichtern.


Und grade als es wirklich brenzlig wird, kommt natürlich der Held herbei.


Diese Art von Anfang ist nicht von ungefähr zum Klischee geworden: es ist sehr effektiv, eine Geschichte so zu beginnen. THE MAXX beginnt so, V FOR VENDETTA beginnt so. Der Moment erzeugt Spannung, animiert zum Weiterlesen, und


3. Der Protagonist wird eingeführt.
Das große, immer wieder angestimmte Tantra des Erzählens ist „Show, don't tell“. Erzähl es nicht, zeig es. Wenn wir etwas lesen, geht es in unser Gehirn. Wenn wir etwas sehen, erleben, geht es direkt in unseren Bauch. Das erzeugte Gefühl ist stärker und eindringlicher, und wir nehmen direkt sehr viel mehr Anteil an der Geschichte.


Angenommen, unsere Hauptfigur ist ein maskierter Beschützer. Natürlich können wir dann einfach erzählen, wie's ist.


„Mein Name ist schwarzer Blitz. Ich mache heldenhafte Sachen“.


Aber wenn wir sehen, wie unser Held jemanden rettet, ist das trotzdem sehr viel effektiver, und unmittelbarer ...

Arten von Anfängen

Klassische Exposition: Langsame Einführung in die Örtlichkeit, dann die Figur, eventuell ein Erzähler, der uns an der Hand führt. „Das hier ist unsere Schule. Sie gilt als die strengste in der Stadt. Und das hier, das bin ich.“ Oft kommt als nächstes eine sprechende Szene, die uns den / die Hautpfigur vor Augen führt, oft in einer Situation, die seinen Charakter zum Vorschein bringt.Die Wichtigkeit eines solchen Momentes ist nicht zu unterschätzen. Auch wenn wir literarischer unterwegs sind und nicht sofort einen Toten von der Decke baumeln lassen wollen – es ist sehr, sehr, sehr wichtig, dass der Leser schnell erfährt, mit welchen Figuren er es zu tun hat – und warum er an ihnen Anteil nehmen sollte.


In Medias Res: Direkt mittenrein
Bei Anfängen „in medias Res“, die den Leser ohne Einführung direkt mitten in eine Situation versetzen, ist das schicke, dass der Leser gleichsam ins Wasser geworfen wird, und sich seine Kerninformationen – wo bin ich, wer ist das, was soll das – selber zusammensuchen muss. Literatur kann so etwas perfide gut. Ein typischer populärer Roman könnte zB so beginnen:


„Spinnst du?“

Karin sah mich mit großen, zornigen Augen an.


Man ist sofort mittendrin und hat das natürliche Bedürfnis, sich zu orientieren.


Also liest man weiter.


Beim Erzählen mit Bildern ist es sehr viel schwerer, dem Leser vorzuenthalten, wo er sich befindet, und wer da grade was sagt. Aber es ist eine schöne Herausforderung, den Leser am Anfang etwas baumeln zu lassen, und seine Fragen erst später zu beantworten. „100 Bullets“ von Brian Azarello und Eduardo Risso ist voll von solchen kleinen In Medias -Momenten. Wir sehen nur eine Hand, ein Gesicht, ein Glas. Und erst am am Ende der Seite erfahren wir, wo zum Henker wir uns befinden.


Nämlich, im Fall von "100 Bullets" zumeist in einer spackigen, abgerockten Kneipe.


Wie konnte das passieren: Der Teaser

In einem Hollywoodplot, speziell bei Action, gibt es 10/20 Minuten vor Schluss immer eine Situation, in der alles verloren scheint. Der ausgesprochen erfreuliche LIMITLESS (dt ohne Limit) beginnt mit einem Mann, der auf der Kante eines Dachs steht. Seine Verfolger kommen näher, und es bleibt ihm nur noch der Sturz als Ausweg.


In einer Comicgeschichte ist die Dramaturgie weitaus weniger festgelegt als in Hollywoodfilmen, aber das Spiel mit der Chronologie der Geschichten findet immer öfter auch in Comics statt. Auf der ersten Seite von Y- THE LAST MAN hält sich eine Frau die Waffe an die Schläfe und sagt „alle Männer sind tot“. Nächste Szene „Brooklyn, New York, vor 29 Minuten“. Nächste Szene „Washington, D.C. Vor 24 Minuten.“ Auch die exzellenten Serien CRIMINAL und speziell SLEEPER von Ed Brubaker und Sean Phillips machen sehr stark, und effektiv, Gebrauch von Teaser-Momenten.

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