Sonntag, 10. Juli 2011

To cut a long story short: Die kurze Geschichte in der langen.



Wir können hier viel über Aristoteles und die drei Akte-Struktur schreiben, aber die Gegebenheiten für Comic in Deutschland bleiben arg und bitterlich. Für die allermeisten von uns bleibt eine Comicgeschichte etwas, das wir neben dem Tagesgeschäft erledigen. Und wiederum die allerwenigsten von uns haben die Zeit, oder die Geduld, eine komplette Drei-Akt-Geschichte umzusetzen, auch wenn sie sie um Kopf schon zuende erzählt haben. Deswegen macht es eine Menge Sinn, aufzuzeigen, wie man aus einer längeren Geschichte eine kürzere extrahiert.

Die Theorie der drei Wendepunkte kommt wiederum von Kino, wo man einfach dramaturgisch Wendungen braucht, damit die Leute nicht einpennen. Beim Comic bestimmt der Leser, wie viel und wie schnell er lesen will - daher können wir die Dramaturgie viel freier handhaben.

Ein sehr viel realitätsnäheres Konzept wäre eines mit zwei Wendepunkten:

Beziehung: Zwei Menschen treffen aufeinander und werden zusammen glücklich. Nach 10 Jahren Beziehung gibt es eine Krise (Wendepunkt 1), einer geht fremd, die beiden machen eine harte Zeit durch, und für einige Zeit steht die Beziehung auf der Kippe. Aber die beiden raufen sich wieder zusammen (Wendepunkt zwei) und finden zu neuem Glück.

Dasselbe mit Karriere: Erfolg – Rückschlag(WP 1) – Neubeginn (WP 2).

Familie: Harmonie – Krankheit / Todesfall (WP 1) – Neubeginn (WP 2).

Als Beispiel die Geschichte einer Ehe. Zwei Menschen lernen sich kennen, verlieben sich, leben viele Jahre glücklich. Doch dann kommt eine Wende. Der Mann verliert seinen Job, kann keinen neuen finden, und langsam bröckelt sein Selbstwertgefühl und sein Selbstbewusstsein. Eines Tages erzählt im seine Frau, dass sie während einer Zugfahrt einen blinden alten Mann kennengelernt hat. Sie beginnt eine „Brieffreundschaft“ mit dem Mann, indem die beiden über Kassettenaufnahmen korrespondieren. Das geht einige Zeit so, der Mann hat immer noch keinen Job, und das Verhältnis seiner Frau zu diesem Blinden ist ihm sehr suspekt.

Und dann kommt der Blinde zu Besuch.

Der Mann ist vollkommen überfordert mit der Situation, und als die Frau die beiden im Wohnzimmer alleine lässt, ist er vollends hilflos. Verunsichert und unfähig zu einem Gespräch, schaltet er den Fernseher an. Es läuft ein Bericht über Kathedralen. Er fragt den Blinden, ob er weiss, wie eine Kathedrale aussieht, und versucht, sie zu beschreiben. Schließlich bittet der Blinde, ein sehr höflicher, zuvorkommender Mensch, den Mann, eine Kathedrale aufzuzeichnen und dabei die Hand des Blinden auf dem Blatt zu führen. Das gelingt dem Mann recht gut, und zusammen zeichnen sie eine Kathedrale und die Leute darin, beide mit geschlossenen Augen.

Es ist der Moment, in dem der Mann wieder Mut und Selbstvertrauen fasst. Jetzt wird seine Leben eine Wendung zum Besseren nehmen.

Die Geschichte ist von Raymond Carver, einem der renommiertesten Kurzgeschichtenautoren Amerikas. Allerdings beschreibt seine Geschichte nur die Begegnung des Mannes mit dem Blinden. Die Vorgeschichte wird bestenfalls angedeutet. Der Rest ist eine Erfindung von mir. Es soll zeigen, dass in einer langen Geschichte viele kurze Geschichten stecken.

Gute Momente um eine eine kürzere Geschichte aus einer längeren zu extrahieren, sind die Wendepunkte, und/ oder die Momente kurz davor.

Angenommen, wie haben eine kriminelle Karriere eines Jungen vor uns. Er erledigt kleinere Geschäfte für die Gang in der Nachbarschaft, und arbeitet sich langsam herauf. Eine gute Kurzgeschichte innerhalb der Erzählung wäre der Moment, wo sein Leben endgültig die Richtung der Kriminalität einschlägt. Zum Beispiel der Moment, in dem er seine erste Schusswaffe bekommt. Wir können beschreiben, wie sehr er sich im Ritual der Übergabe geehrt fühlt, und wie stolz und übermütig er daraufhin in die Welt geht. Er wird es allen zeigen.

Ein zweiter guter Wendepunkt könnte der Moment sein, in dem der Junge, inzwischen ein Mann, dreissig Jahre älter, genug hat von einem Leben im Schatten und auf der Flucht. Ein Überfall ist schiefgelaufen, er hat vielleicht im Chaos einen seiner Leute getötet, und setzt sich jetzt einfach in eine Ecke, senkt den Kopf, während er hört, wie die Sirenen immer lauter werden.

Ein Moment – ein Charakter – Ein Leben

Eine weitere Möglichkeit, aus einer langen Geschichte eine kürzere zu extrahieren, ist, einen Moment einzufangen, der beispielhaft für den Charakter und das Schicksal der Figur ist. Alles hängt mit allem zusammen, wenn wir in unserer Arbeit nachlässig und schlampig sind, werden wir das vielleicht auch in anderen Bereichen unseres Lebens sein. Manchmal braucht man nur zu zeigen, wie ein Mensch sich die Zähne putzt, um zu wissen, wie er tickt. Und manchmal braucht man nur einen Satz, um den Charakter eines Menschen erahnen zu können.

Es gibt eine Anekdote aus der Antike, zwei Jungs prügeln sich. Einer erweist sich als schlechterer Kämpfer, und als er zu verlieren droht, fängt er an, seinen Gegner zu beissen. Der lässt sofort von seinem Gegner ab.

„Du beisst ja, wie ein Mädchen!“

„Nein. Wie ein Löwe.“

Der Junge, der diesen Satz sagt, wird der Welt später als Julius Cäsar in Erinnerung bleiben.

Meeting across the river, ein Song von Bruce Springsteen, fängt einen Moment ein, in dem wir nicht nur den Charakter einer Figur kennenlernen. Der Moment gibt uns eine Ahnung von dem ganzen Leben dieses Typen.

MEETING ACROSS THE RIVER

Hey Eddie, leihst du mir was Geld

Und kannst du uns für heut Nacht n Wagen besorgen?

Ich muss rüber, durch den Tunnel

Ich treff mich da mit nem Typ von der anderen Seite

Und dieser Kerl, Eddie, der meint’s ernst,

also wenn du mitkommen willst, musst du mir versprechen, nicht zu reden

Weil der Typ macht keine Späßchen

Und es heisst, das hier ist unsere letzte Chance

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Wir müssen heut nacht cool bleiben, Eddie,

wir haben uns das hier selber eingebrockt

Und wenn wirs diesmal vergeigen

Werden sie nicht nur nach mir suchen.

Wir brauchen ja nur unseren Teil vom Deal zu erfüllen

Hier, steck dir das in die Tasche, dann sieht es aus als trügst du ne Knarre

Und denk dran, nicht lächeln

Und zieh n frisches Hemd an - heute nacht haben wir Stil

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Cherry sagt sie geht, weil sie raubekommen hat, dass ich ihr Radio versetzt habe

Aber Eddie, die kapierts nicht, ich hab doch die zwei Mille schon so gut wie in der Tasche

Heute wird’s genau so sein, wie ich gesagt hab

Und wenn ich dann durch die Tür gehe, werde ich einfach das Geld aufs Bett werfen

Dann sieht sie, diesmal war es nicht zu Gerede

Und dann geh ich erstmal ne Runde - hey Eddie, kannst du uns n Wagen besorgen?

Natürlich *wissen* wir nicht, wie das Leben von diesem beherzten jungen Mann weitergehen wird. Wir denken nur unwillkürlich eijeijeijei, wenn das mal gut geht. Der Gute ist unzuverlässig, charakterlos und stümperhaft. Und er hat sich mit Leuten eingelassen, die zehn Nummern zu groß für ihn sind. Vielleicht kann er sich noch eine Weile durchschlawinern, aber in nicht allzu langer Zeit landet der Knabe wohl entweder im Knast oder in der Grube.

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