Sonntag, 17. Juli 2011

Plot Toolbox: Werkzeuge der Erzählung

Der Logik nach wären jetzt andere Themen dran, aber ich möchte jetzt mal grade ein paar TOOLS erwähnen, die bei Plotbacken nützlich sind. Habe grade die "Poetik" von Aristoteles nochmal gelesen. Und bin noch sehr beseelt von der Erfahrung, einen Text zu lesen, de tausende von Jahren überdauert hat und heute noch genauso relevant ist wie zu der Zeit Aristoteles. Und einige seiner grundlegenden Erkenntnisse möchte ich reinpacken in eine Toolbox von "Werkzeugen", mit denen man an seinem Plot schrauben kann. Die meisten dieser Techniken wenden wir an, ohne darüber nachzudenken; aber ich denke, es schadet nicht, zu wissen, was man da grade macht. Einige Tools werden sicher auch gute Anregungen liefern.

Charaktere / Figuren

Für mein Empfinden sind die handelnden Figuren das wichtigste "Werkzeug", um die Handlung voranzutreiben. Wenn eine Figur keine Eigenschaften hat und / oder nichts will, sind unsere Handlungsmöglichkeiten sehr eingeschränkt. In Gilbert Sorrentinos Roman "Mulligan Stew" kommt die Handlung nicht in die Gänge, weil die Hauptfigur einfach faul zuhause sitzen und nix tun will, bis ihn der Autor nach einem langen Streitgespräch quasi zur Tür raus schiebt.

Überraschende und amüsante Wendungen wirken immer sehr authentisch, wenn sie aus dem Charakter einer Person heraus passieren. Unsere Reaktionen und Handlungen sind impulsiv, emotional, leichtsinnig, unverantwortlich und absurd, und dementsprechend fallen dann auch die Reaktionen aus. Und ruckzuck haben wir einen Schnellball an Handlungen, die aus der Logik des Charakters heraus motiviert sind, und auf die man logisch niemals käme. Die Zeitungen sind voll von "Wer macht denn SOWAS?"- Geschichten. Antwort: Menschen machen sowas. Menschen erschiessen andere Menschen wegen 10 Euro. Menschen jagen sich mit selbstgebastelten Raketen bei 10.000 km/h in die nächste Wand. Menschen pinkeln auf Hochspannungsmaste. Unsere Geschichten sind immer besser, wenn Menschen darin herumlaufen, und keine Stereotypen.

2. Peripetie

Vielleicht habe ich es bisher versäumt zu erwähnen, aber Aristoteles war ein verdammtes Genie. Aus seiner Poetik, obwohl für eine andere Zeit und ein anderes Medium geschrieben, ließe sich noch heute ein komplettes Storytelling-Lehrbuch backen.

Die „Peripetie“ hat er nun nicht erfunden, aber identifiziert und benannt, und es ist ein geniales und unermesslich nützliches Tool. Einfach formuliert: Man will etwas erreichen, und ergreift eine Maßnahme, um sein Ziel zu erreichen. Und diese Maßnahme hat Konsequenzen, die man nicht vorhersehen konnte.

Sandra ist in Tommy verliebt und will ihn eifersüchtig machen, indem sie auf der Party mit André flirtet. Tommy sieht das, und geht davon aus, dass Sandra was mit Tommy hat und lässt sich von einer anderen Frau abschleppen.

Für Aristoteles war die Geschichte des Ödipus die perfekte Geschichte: Einem Paar wird vorhergesagt, ihr (grade geborener) Sohn werde seinen Vater umbringen und seine Mutter heiraten. Also geben sie einem Sklaven den Auftrag ihren Sohn umzubringen. Der bringt ihn aber nicht um, sondern setzt ihn nur aus. Und viele Jahre später kommt Ödipus zu seinem Geburtsort zurück, und den Rest kann man sich denken. Denn tragischeweise WEISS Ödipus nicht, wer seine Eltern sind.

Peripetie-Mechanismen funktionieren deshalb so großartig, weil der Protagonist selbst etwas ingange setzt, was dann in eine unerwartete Richtung zurückschlägt oder viel weitreichendere Folgen hat, als die Person jemals vorhersehen konnte.

Es gibt viele Spielarten von Peripetie, wie zB dass man in der Vergangenheit einen Fehler oder eine Unachtsamkeit begeht, die dann, Jahrzehnte später, meist unangenehme Folgen hat.

(Moment der) Erkenntnis (Anagorisis)

Auch dieses Werkzeug wurde von Aristoteles zuerst benannt und bezeichnet den Moment, in dem dem Held die Schuppen von den Augen fallen und er plötzlich versteht:

- er selbst hat all dieses Leid verusacht

- sein bester Freund ist der Verräter, der ihn ausgeliefert hat

- eigentlich war ich die ganze Zeit in meine beste Freundin verliebt, wollte es nur nie wahrhaben

Auch diesen Moment gibt es in Ödipus, als der Held erfährt, was er getan hat. In einer perfekten Anagorisis bekommt der Protagonist und mit ihm der Leser Schritt für Schritt kleine Puzzleteilchen hingelegt, und gegen Schluss erkennen wir plötzlich das Bild, was sich daraus ergeben hat. Perfekt angewandt wird diese Technik in der Graphic Novel MAIL ORDER BRIDE von Mark Kalesniko. Immer wieder tauchen auf den Seiten einzelne Wörter aus Zeitungen und Gesichter von Frauen auf. Am Schluss wird klar, wie alles zusammenhängt. Und dann gibt es einen Riesenzoff.

Es muss allerdings kein Wendepunkt sein, an dem diese Erkenntnis passiert. Auch das Leben, das man führt, ist wie ein Puzzle, von dem wir immer nur die Teile sehen, die direkt vor unserer Nase liegen. Erst später, mit Abstand, verstehen wir die Geschichte, die unser Leben erzählt.

In dem Film VENUS von Roger Michell spielt Peter O’Toole einen greisen Schauspieler, der aber immer noch den Frauen hinterhersteigt. Die Liebe seines Lebens war Valerie (Vanessa Redgave), doch er konnte ihr nicht treu sein. Er hat sie immer wieder aufs neue verlassen. In einer sehr kleinen sehr bewegenden Szene besucht Maurice Valerie, die inzwischen auch eine alte Frau ist. In einem bewegenden Moment schaut er sie an und bricht in ihrem Schoß zusammen, weil ihm klar wird, welches Leid er verursacht, und welches Glück er sich versagt hat.

Eine meiner Lieblingsgeschichten ist sehr aristotelisch, nämlich THE DEATH OF SPEEDY von Jaime Hernandez. Speedy schläft mit Esther, weil er Maggie nicht kriegt. Speedy schläft mit Branca, um sich an Esther zu rächen. Und nach den kosmischen Gesetzen der Peripetie haben alle seine Handlungen tragische Folgen, die er nicht vorhersehen konnte. Am Schluss versteht er, ähnlich wie Ödipus, wie viel Leid und Unheil er verursacht hat, und kann mit dieser Erkenntnis nicht weiter leben.

[Wird fortgesetzt]

1 Kommentar:

  1. der kleine klugscheisser korregiert, daß tommy wohl davon ausgeht, daß sandra was mit andre hat und nicht mit tommy, weil, das tut er ja selber am sein...
    aber ansonsten ist ihr blog wie immer vorzüglich geschrieben und verbreitet erhellende wahrheiten...

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