Sonntag, 31. Juli 2011

Plot Toolbox, die dritte: Enthüllungen, Abfolgen, Perspektiven



Enthüllungen

Sehr beliebt bei Thrillern, Krimis und Noirs. Unterscheidet sich von der „Erkenntnis“ (siehe hier) dadurch, dass sie einen immer überaschend trifft. Niemand konnte wissen, dass Darth Vader Lukes Vater ist. Man kann es allerdings auch übertreiben und zum Klischee mutieren lassen - in Lewis Trondheims Parodie "Intriganten" jagt eine Enthüllung die nächste, und auch am Ende des Filmes "Prestige" von Enthüllungsplotschreiber Chritopher Nolan stapeln sie die Enthüllungen bis zur Absurdität. Wie Homöppathie scheint die Enthüllung in kleineren Dosen am besten zu wirken.

Chronologie

Szene: Ein bulliger, extremst angespannter Polizist in einem Verhörraum. Er dampft vor Wut, weil er seinem Gefangenen kein Geständnis entlocken kann. „Sie sind wirklich der KALTBLÜTIGSTE Bastard, der mir JE untergekommen ist. Erst haben sie eine AFFÄRE mit Kulakows Frau, und dann bringen sie sie auch noch um! Haben Sie eine Ahnung, mit wem sie sich da angelegt habe? Kulakow gehört quasi die Stadt. Er ist der Boss der Mafia hier. Sind sie komplett LEBENSMÜDE?“

Blick auf den Gefangenen: Pino, klein, schmächtig, Brillengläser wie Backsteine, Pickel, zu großer Pulli. Er hat keine Ahnung, wovon der Beamte spricht.

Nächste Szene: „Eine Woche zuvor“

Nächste Szene: „Zwei Wochen zuvor“

Und natürlich war alles ganz anders.

Die Darstellung von Ereignissen in umgekehrt chronologischer Reihenfolge oder als – scheinbar - willkürliche Abfolge hat besonders durch die sehr erfolgreichen Filme MEMENTO und PULP FICTION viele Autoren ihrerseits zu Experimenten mit Chronologie inspiriert. Bis dahin war das bekannteste Beispiel das Theaterstück THE BETRAYAL von Harold Pinter, u.a. parodiert in einer Episode von „Seinfeld“. Das Spiel mit de Chronologie ist für den Leser / Betrachter ein extrem spannendes Katz-und-Maus-Spiel, und kann, wie in MEMENTO, zu extrem verbüffenden Ergebnissen führen. Das Prinzip funktioniert allerdings nicht nur in Genregeschichten, Krimis oder Action. Das Film 5x2 von Francois Ozon zeigt fünf Szenen einer Beziehung, beginnend mit dem Unterzeichnen der Scheidungspapiere, und endend mit dem Kennenlernen der Beiden. Ein Werkzeug, das bei weitem noch nicht ausgereizt ist, und bei einem smart ausgearbeiteten Plot ungeheure Energie – und Ironie - entfalten kann. Viele Leben erhalten eine bittere Ironie, wenn man auf sie zurückblickt. Jedes Leben beginnt mit einem Blick voller Hoffnung und Vertrauen in die Welt. Die ersten Wunden werden geschlagen, man verrückt

Auf eine ganz spezielle Weise in umgekehrter Chronologie erzählt ist ein alter Comic von Alan Moore aus der Stipserie 2000AD, in der ein Mann sein Leben rückwärts erlebt.

Blickwinkel

Eine der großen Errungenschaften im Storytelling der letzten Jahrzehnte ist die Erkenntnis, dass Größen wie „richtig“ und „falsch“ und „gut“ und „böse“ sehr relativ sind. Der überführte zehnfache Mörder, der im Gericht dem Polizisten droht, der ihn überführt hat, denkt in seiner verschwurbelten Wahrnehmung, ihm sei Unrecht widerfahren.

Ebenso wie das Spiel mit der Chronologie lässt sich eine Story aus verschiedenen Blickwinkeln erzählen. Wenn der Plot gut durchdacht ist, fügt jeder Blickwinkel eine Facette zur Story hinzu, bis sich irgendwann das komplette Bild vor uns ausbreitet. Eine Technik, die ebenfalls bei weitem noch nicht ausgereizt ist.

Ein besonderes Spiel mit Chronologie UND Blickwinkeln bietet der bemerkenswerte Comic THE DEAD AND THE DYING, auf Deutsch GRABGESANG, von Ed Brubaker und Sean Phillips aus der „Criminal“-Reihe. Die Geschichte ist aufgeteilt in drei Episoden, erzählt aus drei verschiedenen Blickwinkeln.

[Ab jetzt hagelt es Spoiler, deswegen ist meine Empfehlung, diese bemerkenswerte Geschichte erst zu kaufen und zu lesen, bevor ihr hier weiterlest]

Verschiedenen Plotlinien ziehen sich durch diesen Noir-Comic, aber eines der Geschichten ist eine Dreiecksbeziehung zwischen zwei Männern und einer Frau. Die beiden Jungs wachsen gemeinsam als Freunde auf, aber irgendwann trennen sich ihre Wege: der - weiße – Sebastian ist der Sohn von Walt Hyde, dem mächtigsten Gangsterboss der Stadt. Der schwarze Jake Brown, Sohn von Clevon Brown, der rechten Hand Walt Hydes, erlebt die Jugend mit Sebastian noch auf Augenhöhe, doch irgendwann wird aus Sebastian der Sohn des Bosses, und Jake zieht sich komplett aus der Kriminalität zurück. Er verliebt sich in Danica, aber als er mitbekommt, dass auch Sebastian Interesse hat, macht er bei Danica Werbung für seinen Freund, und bringt die beiden quasi zusammen. Er hat das Gefühl, Sebastian, oder seinem Vater, etwas schuldig zu sein. In der ersten Story sieht er sie nach vielen Jahren wieder (Walt Hyde hat sie aus der Stadt entführen lassen), und muss ihr trauriges Schicksal mit ansehen. Am Schluss liegt auch sein eigenes Leben in Trümmern.

Die zweite Geschichte erzählt die Perspektive von Teeg Lawless. Dem Mörder von Danica.

Die dritte Geschichte erzählt die Perspektive von Danica, und durch unser Vorwissen ist diese Geschichte durchtränkt mit bitteren ironischen Erkenntnissen. Dass sie Jake zuerst liebte, aber das Gefühl hatte, Jake habe kein Interesse an ihr und wolle sie mit Sebastian verkuppeln.

Der Comic endet mit einer Danica, die nach großen Verletzungen und Demütigungen, nachdem Walt Hyde sie zu einer Abtreibung gezwungen hat und sie aus der Stadt entführen ließ, nach vielen Jahren in ihre Heimatstadt zurückkehrt, um sich zu rächen. Sie ist mutig, und hungrig, und ohne Angst, bereit den Kampf erneut aufzunehmen.

Was zu einem weiteren großen Fass führt, dem Umgang mit Wissen. Demnächst in diesem Theater.

Samstag, 23. Juli 2011

Niemandes Leistung, niemandes Schuld: Plot Toolbox II: Zufälle, Unfälle, Katastrophen

Eine Geschichte, die wir seinerzeit bei Panik Elektro abgelehnt haben, macht sehr schön deutlich, wo das Problem bei Plotwendungen liegt, die durch Einwirkungen von aussen vollzogen werden.

In der Geschichte stehen zwei Freunde nachts auf einem Feld und betrachten ein Gewitter. Plötzlich schlägt der Blitz in einen der Freunde ein und verwandelt ihn in ein Monster. Danach war eine Verfolgungsjagd über fünf Seiten geplant.

Und am Schluss verwandelt sich der Freund auch in ein Monster und tötet seinen verwandelten Kumpel.

Abgesehen davon, dass der Autor hier keine Geschichte erzählen, sondern eine Monsterjagd zeigen wollte, macht diese Geschichte sehr schön deutlich, wo der Wurm liegt bei Storywendungen, die auf Zufällen, Unfällen oder generell Einwirkungen von aussen beruhen. Menschen lieben es, sich in Geschichten zu verlieren, und wir nehmen viel hin; Okay, der Blitz schlägt ein, und verwandelt einen der Freunde in ein Ungeheuer. Warum nicht. Gregor Samsa wacht auch als Käfer auf und keiner weiss, warum. Geht von uns aus klar.

Ich hätte die Geschichte interessant gefunden, wenn der Freund äusserlich verwandelt worden wäre, aber seine Persönlichkeit beibehalten hätte, wie in einer sehr amüsanten Episode der Comicserie BARRY WEEN, in der sich Barrys Kumpel in einen Dinosaurier verwandelt, aber Persönlichkeit – und Frisur – beibehält. Aber nun je.

Die Verfolgungsjagd hätte man noch interessant gestalten können, wobei ich eine solche Sequenz in der Animation besser aufgefunden finde als in einem statischen Erzählmedium wie Comic.

Und den Schluss fanden wir alle ausnehmend unbefriedigend und dämlich.

Am ehesten akzeptieren wir zufällige und unglückliche Wendungen von aussen, wenn sie am Anfang einer Geschichte passieren. Jemand findet einen Koffer mit einer Million. Jemand trifft seine alten Jugendliebe wieder. Eine Frau verliert ihren Mann durch einen Unfall. Aliens überfallen die Erde. Eine Explosion oder Naturkatastraophe zerstört das Haus einer Familie.

Aber eine solche Wendung am Schluss einer Geschichte erscheint und ärgerlich und unbefriedigend. Ein Mann sucht verzweifelt nach der Liebe, und am schluss fällt sie ihm wie zufällig in den Schoß? Jemand muss einem Mafioso Geld zurückzahlen und findet am Schluss zufällig einen Koffer mit der Summe auf der Straße?

In Steven Spielbergs Film erstem Film, DUELL, merkt ein Autorfahrer, dass er von einem riesigen Truck verfolgt wird, der es offensichtlich darauf angelegt hat, ihn umzubringen. Wer diesen Truck fährt, und woher seine schlechte Laune rührt, wird nie geklärt. Aber im Laufe der Geschichte wandelt sich das Bewusstsein des Autofahrers. Er will nicht mehr reden, oder Frieden schliessen. Er hebt den Fehdehandschuh auf.

Ein unbefriedigendes Ende wäre, wenn

  • der Truck plötzlich abdrehen und verschwinden würde
  • plötzlich ein Flugzeug vom Himmel fiele und den Truck zerstören würde
  • der Truck plötzlich einen PLATTEN hätte und nicht mehr weiterfahren könnte

Das tatsächliche Ende ist, dass der Truck plötzlich das gejagte Auto wie auf dem Servierteller vor sich sieht, und darauf losjagt. In letzter Sekunde fährt das Auto weg und offenbart den Abgrund, vor dem es stand. Der Truck stürzt in eine Schlucht. Der Autofahrer hat ihn überlistet.

Krieg der Welten zeigt die Invasion von Ausserirdischen auf der Erde. Alles sehr unterhaltsam und spannend. Am Schluss kommt aus dem Irgendwoher ein Virus und tötet alle. Das Problem ist, dass jede noch so ausgeklügelte, intelligente, emotionale Story einen schalen Nachgeschmack hinterlässt, wenn ein willkürliches, unmotiviertes Ende geliefert wird. Zu Zeiten der aristotelschen Tragödie wurde der Begriff DEUX EX MACHINA geprägt. Wenn eine Dramenautor sich „an die Wand gepinselt hatte“ und am Schluss vor einem Scherbenhaufen ungelöster Konfikte stand, ließ er einfach Götter vom Himmel kommen, die die Streithähne versöhnten und / oder alle Probleme wieder ins Lot brachten. Aristoteles fand diese Art von Wendung doof, und das tun die meisten Leser / Zuschauer von Stories auch heute noch.

Eine Kunst für sich, und eine schicke Ausnahme von der Zufallsregel, sind zwei Plots, die sich auf tragische oder komische Weise überkreuzen. Die Plots laufen beide logisch vor sich hin, und ergeben zusammen eine amüsante und überraschende Wendung. Viele Plots von Guy Richie sind voll von Plotkollisionen dieser Art.

Sonntag, 17. Juli 2011

Plot Toolbox: Werkzeuge der Erzählung

Der Logik nach wären jetzt andere Themen dran, aber ich möchte jetzt mal grade ein paar TOOLS erwähnen, die bei Plotbacken nützlich sind. Habe grade die "Poetik" von Aristoteles nochmal gelesen. Und bin noch sehr beseelt von der Erfahrung, einen Text zu lesen, de tausende von Jahren überdauert hat und heute noch genauso relevant ist wie zu der Zeit Aristoteles. Und einige seiner grundlegenden Erkenntnisse möchte ich reinpacken in eine Toolbox von "Werkzeugen", mit denen man an seinem Plot schrauben kann. Die meisten dieser Techniken wenden wir an, ohne darüber nachzudenken; aber ich denke, es schadet nicht, zu wissen, was man da grade macht. Einige Tools werden sicher auch gute Anregungen liefern.

Charaktere / Figuren

Für mein Empfinden sind die handelnden Figuren das wichtigste "Werkzeug", um die Handlung voranzutreiben. Wenn eine Figur keine Eigenschaften hat und / oder nichts will, sind unsere Handlungsmöglichkeiten sehr eingeschränkt. In Gilbert Sorrentinos Roman "Mulligan Stew" kommt die Handlung nicht in die Gänge, weil die Hauptfigur einfach faul zuhause sitzen und nix tun will, bis ihn der Autor nach einem langen Streitgespräch quasi zur Tür raus schiebt.

Überraschende und amüsante Wendungen wirken immer sehr authentisch, wenn sie aus dem Charakter einer Person heraus passieren. Unsere Reaktionen und Handlungen sind impulsiv, emotional, leichtsinnig, unverantwortlich und absurd, und dementsprechend fallen dann auch die Reaktionen aus. Und ruckzuck haben wir einen Schnellball an Handlungen, die aus der Logik des Charakters heraus motiviert sind, und auf die man logisch niemals käme. Die Zeitungen sind voll von "Wer macht denn SOWAS?"- Geschichten. Antwort: Menschen machen sowas. Menschen erschiessen andere Menschen wegen 10 Euro. Menschen jagen sich mit selbstgebastelten Raketen bei 10.000 km/h in die nächste Wand. Menschen pinkeln auf Hochspannungsmaste. Unsere Geschichten sind immer besser, wenn Menschen darin herumlaufen, und keine Stereotypen.

2. Peripetie

Vielleicht habe ich es bisher versäumt zu erwähnen, aber Aristoteles war ein verdammtes Genie. Aus seiner Poetik, obwohl für eine andere Zeit und ein anderes Medium geschrieben, ließe sich noch heute ein komplettes Storytelling-Lehrbuch backen.

Die „Peripetie“ hat er nun nicht erfunden, aber identifiziert und benannt, und es ist ein geniales und unermesslich nützliches Tool. Einfach formuliert: Man will etwas erreichen, und ergreift eine Maßnahme, um sein Ziel zu erreichen. Und diese Maßnahme hat Konsequenzen, die man nicht vorhersehen konnte.

Sandra ist in Tommy verliebt und will ihn eifersüchtig machen, indem sie auf der Party mit André flirtet. Tommy sieht das, und geht davon aus, dass Sandra was mit Tommy hat und lässt sich von einer anderen Frau abschleppen.

Für Aristoteles war die Geschichte des Ödipus die perfekte Geschichte: Einem Paar wird vorhergesagt, ihr (grade geborener) Sohn werde seinen Vater umbringen und seine Mutter heiraten. Also geben sie einem Sklaven den Auftrag ihren Sohn umzubringen. Der bringt ihn aber nicht um, sondern setzt ihn nur aus. Und viele Jahre später kommt Ödipus zu seinem Geburtsort zurück, und den Rest kann man sich denken. Denn tragischeweise WEISS Ödipus nicht, wer seine Eltern sind.

Peripetie-Mechanismen funktionieren deshalb so großartig, weil der Protagonist selbst etwas ingange setzt, was dann in eine unerwartete Richtung zurückschlägt oder viel weitreichendere Folgen hat, als die Person jemals vorhersehen konnte.

Es gibt viele Spielarten von Peripetie, wie zB dass man in der Vergangenheit einen Fehler oder eine Unachtsamkeit begeht, die dann, Jahrzehnte später, meist unangenehme Folgen hat.

(Moment der) Erkenntnis (Anagorisis)

Auch dieses Werkzeug wurde von Aristoteles zuerst benannt und bezeichnet den Moment, in dem dem Held die Schuppen von den Augen fallen und er plötzlich versteht:

- er selbst hat all dieses Leid verusacht

- sein bester Freund ist der Verräter, der ihn ausgeliefert hat

- eigentlich war ich die ganze Zeit in meine beste Freundin verliebt, wollte es nur nie wahrhaben

Auch diesen Moment gibt es in Ödipus, als der Held erfährt, was er getan hat. In einer perfekten Anagorisis bekommt der Protagonist und mit ihm der Leser Schritt für Schritt kleine Puzzleteilchen hingelegt, und gegen Schluss erkennen wir plötzlich das Bild, was sich daraus ergeben hat. Perfekt angewandt wird diese Technik in der Graphic Novel MAIL ORDER BRIDE von Mark Kalesniko. Immer wieder tauchen auf den Seiten einzelne Wörter aus Zeitungen und Gesichter von Frauen auf. Am Schluss wird klar, wie alles zusammenhängt. Und dann gibt es einen Riesenzoff.

Es muss allerdings kein Wendepunkt sein, an dem diese Erkenntnis passiert. Auch das Leben, das man führt, ist wie ein Puzzle, von dem wir immer nur die Teile sehen, die direkt vor unserer Nase liegen. Erst später, mit Abstand, verstehen wir die Geschichte, die unser Leben erzählt.

In dem Film VENUS von Roger Michell spielt Peter O’Toole einen greisen Schauspieler, der aber immer noch den Frauen hinterhersteigt. Die Liebe seines Lebens war Valerie (Vanessa Redgave), doch er konnte ihr nicht treu sein. Er hat sie immer wieder aufs neue verlassen. In einer sehr kleinen sehr bewegenden Szene besucht Maurice Valerie, die inzwischen auch eine alte Frau ist. In einem bewegenden Moment schaut er sie an und bricht in ihrem Schoß zusammen, weil ihm klar wird, welches Leid er verursacht, und welches Glück er sich versagt hat.

Eine meiner Lieblingsgeschichten ist sehr aristotelisch, nämlich THE DEATH OF SPEEDY von Jaime Hernandez. Speedy schläft mit Esther, weil er Maggie nicht kriegt. Speedy schläft mit Branca, um sich an Esther zu rächen. Und nach den kosmischen Gesetzen der Peripetie haben alle seine Handlungen tragische Folgen, die er nicht vorhersehen konnte. Am Schluss versteht er, ähnlich wie Ödipus, wie viel Leid und Unheil er verursacht hat, und kann mit dieser Erkenntnis nicht weiter leben.

[Wird fortgesetzt]

Sonntag, 10. Juli 2011

To cut a long story short: Die kurze Geschichte in der langen.



Wir können hier viel über Aristoteles und die drei Akte-Struktur schreiben, aber die Gegebenheiten für Comic in Deutschland bleiben arg und bitterlich. Für die allermeisten von uns bleibt eine Comicgeschichte etwas, das wir neben dem Tagesgeschäft erledigen. Und wiederum die allerwenigsten von uns haben die Zeit, oder die Geduld, eine komplette Drei-Akt-Geschichte umzusetzen, auch wenn sie sie um Kopf schon zuende erzählt haben. Deswegen macht es eine Menge Sinn, aufzuzeigen, wie man aus einer längeren Geschichte eine kürzere extrahiert.

Die Theorie der drei Wendepunkte kommt wiederum von Kino, wo man einfach dramaturgisch Wendungen braucht, damit die Leute nicht einpennen. Beim Comic bestimmt der Leser, wie viel und wie schnell er lesen will - daher können wir die Dramaturgie viel freier handhaben.

Ein sehr viel realitätsnäheres Konzept wäre eines mit zwei Wendepunkten:

Beziehung: Zwei Menschen treffen aufeinander und werden zusammen glücklich. Nach 10 Jahren Beziehung gibt es eine Krise (Wendepunkt 1), einer geht fremd, die beiden machen eine harte Zeit durch, und für einige Zeit steht die Beziehung auf der Kippe. Aber die beiden raufen sich wieder zusammen (Wendepunkt zwei) und finden zu neuem Glück.

Dasselbe mit Karriere: Erfolg – Rückschlag(WP 1) – Neubeginn (WP 2).

Familie: Harmonie – Krankheit / Todesfall (WP 1) – Neubeginn (WP 2).

Als Beispiel die Geschichte einer Ehe. Zwei Menschen lernen sich kennen, verlieben sich, leben viele Jahre glücklich. Doch dann kommt eine Wende. Der Mann verliert seinen Job, kann keinen neuen finden, und langsam bröckelt sein Selbstwertgefühl und sein Selbstbewusstsein. Eines Tages erzählt im seine Frau, dass sie während einer Zugfahrt einen blinden alten Mann kennengelernt hat. Sie beginnt eine „Brieffreundschaft“ mit dem Mann, indem die beiden über Kassettenaufnahmen korrespondieren. Das geht einige Zeit so, der Mann hat immer noch keinen Job, und das Verhältnis seiner Frau zu diesem Blinden ist ihm sehr suspekt.

Und dann kommt der Blinde zu Besuch.

Der Mann ist vollkommen überfordert mit der Situation, und als die Frau die beiden im Wohnzimmer alleine lässt, ist er vollends hilflos. Verunsichert und unfähig zu einem Gespräch, schaltet er den Fernseher an. Es läuft ein Bericht über Kathedralen. Er fragt den Blinden, ob er weiss, wie eine Kathedrale aussieht, und versucht, sie zu beschreiben. Schließlich bittet der Blinde, ein sehr höflicher, zuvorkommender Mensch, den Mann, eine Kathedrale aufzuzeichnen und dabei die Hand des Blinden auf dem Blatt zu führen. Das gelingt dem Mann recht gut, und zusammen zeichnen sie eine Kathedrale und die Leute darin, beide mit geschlossenen Augen.

Es ist der Moment, in dem der Mann wieder Mut und Selbstvertrauen fasst. Jetzt wird seine Leben eine Wendung zum Besseren nehmen.

Die Geschichte ist von Raymond Carver, einem der renommiertesten Kurzgeschichtenautoren Amerikas. Allerdings beschreibt seine Geschichte nur die Begegnung des Mannes mit dem Blinden. Die Vorgeschichte wird bestenfalls angedeutet. Der Rest ist eine Erfindung von mir. Es soll zeigen, dass in einer langen Geschichte viele kurze Geschichten stecken.

Gute Momente um eine eine kürzere Geschichte aus einer längeren zu extrahieren, sind die Wendepunkte, und/ oder die Momente kurz davor.

Angenommen, wie haben eine kriminelle Karriere eines Jungen vor uns. Er erledigt kleinere Geschäfte für die Gang in der Nachbarschaft, und arbeitet sich langsam herauf. Eine gute Kurzgeschichte innerhalb der Erzählung wäre der Moment, wo sein Leben endgültig die Richtung der Kriminalität einschlägt. Zum Beispiel der Moment, in dem er seine erste Schusswaffe bekommt. Wir können beschreiben, wie sehr er sich im Ritual der Übergabe geehrt fühlt, und wie stolz und übermütig er daraufhin in die Welt geht. Er wird es allen zeigen.

Ein zweiter guter Wendepunkt könnte der Moment sein, in dem der Junge, inzwischen ein Mann, dreissig Jahre älter, genug hat von einem Leben im Schatten und auf der Flucht. Ein Überfall ist schiefgelaufen, er hat vielleicht im Chaos einen seiner Leute getötet, und setzt sich jetzt einfach in eine Ecke, senkt den Kopf, während er hört, wie die Sirenen immer lauter werden.

Ein Moment – ein Charakter – Ein Leben

Eine weitere Möglichkeit, aus einer langen Geschichte eine kürzere zu extrahieren, ist, einen Moment einzufangen, der beispielhaft für den Charakter und das Schicksal der Figur ist. Alles hängt mit allem zusammen, wenn wir in unserer Arbeit nachlässig und schlampig sind, werden wir das vielleicht auch in anderen Bereichen unseres Lebens sein. Manchmal braucht man nur zu zeigen, wie ein Mensch sich die Zähne putzt, um zu wissen, wie er tickt. Und manchmal braucht man nur einen Satz, um den Charakter eines Menschen erahnen zu können.

Es gibt eine Anekdote aus der Antike, zwei Jungs prügeln sich. Einer erweist sich als schlechterer Kämpfer, und als er zu verlieren droht, fängt er an, seinen Gegner zu beissen. Der lässt sofort von seinem Gegner ab.

„Du beisst ja, wie ein Mädchen!“

„Nein. Wie ein Löwe.“

Der Junge, der diesen Satz sagt, wird der Welt später als Julius Cäsar in Erinnerung bleiben.

Meeting across the river, ein Song von Bruce Springsteen, fängt einen Moment ein, in dem wir nicht nur den Charakter einer Figur kennenlernen. Der Moment gibt uns eine Ahnung von dem ganzen Leben dieses Typen.

MEETING ACROSS THE RIVER

Hey Eddie, leihst du mir was Geld

Und kannst du uns für heut Nacht n Wagen besorgen?

Ich muss rüber, durch den Tunnel

Ich treff mich da mit nem Typ von der anderen Seite

Und dieser Kerl, Eddie, der meint’s ernst,

also wenn du mitkommen willst, musst du mir versprechen, nicht zu reden

Weil der Typ macht keine Späßchen

Und es heisst, das hier ist unsere letzte Chance

---

Wir müssen heut nacht cool bleiben, Eddie,

wir haben uns das hier selber eingebrockt

Und wenn wirs diesmal vergeigen

Werden sie nicht nur nach mir suchen.

Wir brauchen ja nur unseren Teil vom Deal zu erfüllen

Hier, steck dir das in die Tasche, dann sieht es aus als trügst du ne Knarre

Und denk dran, nicht lächeln

Und zieh n frisches Hemd an - heute nacht haben wir Stil

---

Cherry sagt sie geht, weil sie raubekommen hat, dass ich ihr Radio versetzt habe

Aber Eddie, die kapierts nicht, ich hab doch die zwei Mille schon so gut wie in der Tasche

Heute wird’s genau so sein, wie ich gesagt hab

Und wenn ich dann durch die Tür gehe, werde ich einfach das Geld aufs Bett werfen

Dann sieht sie, diesmal war es nicht zu Gerede

Und dann geh ich erstmal ne Runde - hey Eddie, kannst du uns n Wagen besorgen?

Natürlich *wissen* wir nicht, wie das Leben von diesem beherzten jungen Mann weitergehen wird. Wir denken nur unwillkürlich eijeijeijei, wenn das mal gut geht. Der Gute ist unzuverlässig, charakterlos und stümperhaft. Und er hat sich mit Leuten eingelassen, die zehn Nummern zu groß für ihn sind. Vielleicht kann er sich noch eine Weile durchschlawinern, aber in nicht allzu langer Zeit landet der Knabe wohl entweder im Knast oder in der Grube.

Mittwoch, 6. Juli 2011

Des Plots neue Kleider: Plotstrukturen adaptieren

Laut Statistik sind die Beiträge zum Plot mit die meistgelesendsten hier, deswegen werden die nächsten Beiträge hier im Blog erstmal davon handeln. Heute werfe ich mal einen ausufernden Blick darauf, wie man einen existierenden Plot an- und ausziehen kann wie eine Kleiderpuppe.

Man kann einen Plot betrachten wie ein Skelett, und ebenso wie ein Skelett durch Haut, Kleidung, Charakter undwasweissichnoch erst zu einem Mensch wird, wird auch eine Plotstruktur erst durch Charaktere, Themen, und spezifische Ereignisse zu der unverwechselbaren, berührenden, authentischen Erfahrung, die wir anstreben.

Während meines Storytelling-Unterrichts gab es eine Übung, die beliebter war als jede andere: eine Plotstruktur mit Inhalt füllen. Ich nehme dafür jetzt mal einen sehr generischen Plotverlauf, sagen wir, eine Boy-meets-girl- Highschool-love Story.


Sagen wir also, ein Junge verknallt sich in ein Mädchen. Plan: er muss sie beeindrucken. Der erste Versuch scheitert (1), der zwei Versuch scheitert (2) der dritte Versuch scheitert zwar, aber durch eine zufällige Wendung wird unserem Jungen eine Heldentat zugeschrieben, die er nicht begangen hat (3). Das Mädchen seiner Träume sieht ihn nun mit anderen Augen, und die beiden nähern sich an. Bis sie dann schliesslich, in Hollywood ganz klassisch ca. eine Viertelstunde vor Ende, erfährt, dass ihr Typ gar nicht der Held ist, für den sie ihn gehalten hat. Sie verpasst ihm einen Tritt und schickt ihn in die Wüste (4).

Jetzt ist erstmal Trübsal angesagt. Doch unser Junge zieht sich an seinen eigenen Haaren wieder hoch, und als er eine Chance bekommt, sich vor den Augen seiner Angebeteten zu bewähren, nimmt er sie wahr (5). Happily every after.

Jetzt nehme ich das Gerüst dieser Story und hänge ein anderes Genre, andere Charaktere, andere Ereignisse daran, wie Unterhosen an eine Wäscheleine. Ich nehme absichtlich etwas komplett konträres. Eine Abenteuergeschichte.

Okay, London 1724. Ein Bücherwurm und Uhrmacher hat seine Geliebte an eine Krankheit verloren, die nur durch die Tinktur XY heilbar ist. Die befindet sich aber in Händen des argen Freibeuters Gromka, der grade mit seiner Crew und seinem Piratenschiff vor Anker liegt. Unser Bücherwurm versucht nun, sich in die Mannschaft und/oder auf das Schiff zu schmuggeln, doch alle seine Bemühungen scheitern. Er kriegt aufs Maul, wird beleidigt und gedemütigt und muss Frauenkleider tragen (1) (2). Als er in tiefster Verzweiflung am Boden liegt, fällt ihm das Glück in den Schoß (3): er wird irrtümlich für einen verschollenen Mannschaftsgenossen gehalten, dessen Rolle er nun spielen muss. Das kriegt er auch halbwegs hin, bis ein unglücklicher Zufall seine Fassade platzen lässt (4). In einer subtileren Variante könnte sich herausstellen, dass Gromka die ganze Zeit gewusst hat, wen er vor sich hat, und ihn für seine Zwecke instrumentalisiert hat. Auf jeden Fall steht er jetzt knietief im Ärger. Doch durch die Hilfe Verbündeter und durch den eigenen Mut kann er sich selbst aus der Patsche ziehen (5), alle retten, die gerettet werden sollen, und pfeifend mit seiner Geliebten in den Sonnenuntergang segeln.

Diese Plots sind jetzt nur Skizzen, die ich innerhalb von 10 Minuten hingeschrieben habe. In der Klasse saßen wir zu zehn, zwölf Mann, mit angespannten Zehenspitzen, und warfen uns die Ideen zu. Der eine kam mit einer interessanten Figur. Ein anderer kam mit einem interessanten Setting oder eine originellen Ziel oder Wunsch.

Die Plotwendungen kosten in meiner Erfahrung die meiste Zeit. Die ersten zwei, drei Ideen sind die naheliegendsten, Varianten oder Kopien von Stories die wir kennen, oder schlicht die einfachste und auf der Hand liegendste Lösung. Wenn wir tiefer graben, auch innerhalb der Geschichte und der Logik der Figuren, kommen wir auf neuere, originellere Ideen. Wir leben in keiner perfekten Welt; wir jonglieren eine Reihe von Verpflichtungen und Bedürfnissen, Deadlines und Termine. Manchmal nehmen wir dann einfach Idee Nummer sieben, wenn Idee Nummer 15 perfekt gewesen wäre. Hier lauert sie Gefahr, zu früh zufrieden zu sein. Ich habe es schon an anderer Stelle erwähnt, gute Autoren haben haben nicht nur gute Ideen. Sie haben hunderte von schlechten Ideen. Der Trick ist, dass sie sie verwerfen und warten, bis sie eine gute, neue, originelle Idee haben.

In meinen Klasse war das Bekleiden von Plotskeletten, wie gesagt, mit die beliebteste Übung. Genre gewählt, Protagonist gewählt, und los ging es. Innerhalb einer halben Stunde hatten wir komplette, sehr amüsante und erzählenswerte Plots.

Natürlich ist auch dieses System mit Vorsicht zu genießen, und funktioniert nicht für jede Geschichte. Aristoteles, ebenso wie Vogler oder Syd Field, gehen von einem Medium aus, dass den Zuschauern vorgeführt wird, und deswegen berücksichtigen müssen, wie man am besten mit der Aufmerksamkeitsspanne eines Zuschauers umgeht. Aber auch die Filme von Tim Burton oder Charlie Kaufman sind oft sehenswert und dynamisch, ohne sich an irgendwelchen Konzepten zu orientieren. Filme, die Stimmungen oder eine Lebensgeschichte erzählen, funktionieren wiederum auf ihre eigene Weise. Für viele, die eine längere Geschichte planen und zuviel Respekt vor der Länge der Geschichte haben, ist es aber vielleicht eine gute Empfehlung, sich einen Film zu schnappen, den sie mögen, und dessen Plotstruktur mit ihren eigenen Figuren und Ereignissen zu bevölkern. Wenn sich herauskristallisiert, dass die Geschichte ihre eigene Plotdynamik wie von selbst findet - umso besser. Es gibt Geschichten, die aufgebaut sind wie ein Klavierkonzert, ein Kreislauf oder wie ein Mah-Jongg-Spiel. Für mich selbst war es eine große Erleichterung, Plot als Abfolge von Schritten und Ereignissen zu sehen, anstatt als großes, unüberquerbares Meer.


Sonntag, 3. Juli 2011

It would be mental: Gedanken zu Erfolg und zum Erreichen von Zielen

Wenn mir der Mut sinkt, gibt es einige Stellen, Bücher, Worte, von verschiedenen Musikern und Autoren, die mich bewundere, zu denen ich immer wieder zurückkehre, und die mich wieder auf die Spur bringen. Und als ich die Tage darüber nachdachte, entspann sich quasi von selbst eine Art Gesprächsfaden aus den Ideen dieser verschiedenen Personen. Es schien die natürlichste Form, diese Ideen in der Form eines Gesprächs zu präsentieren. Wenn ich irgendwas dazwischenzuquaken habe, dann tue ich das kursiv.

Ich begrüße hierzu in einer neuen virtuellen Interview-Runde Steve Vai (Gitarrist), Alan MOORE(Comicautor) und Steven Pressfield (Romanautor und Publizist).

Zu den Personen:

Steve Vai
Bevor ich kein Geld mit Comics machte, machte ich kein Geld mit Musik, und einer meiner Vorbilder war der Gitarrist Steve Vai. Und auch wenn ich heute andere Musik höre als damals, kehre ich immer mal wieder zu Vai zurück, als zu einem Menschen, der sein Leben kompromisslos, mutig und integer lebt, und seine Ziele verfolgt und erreicht. In den letzten Jahren hat er angefangen, Workshops zu geben, und er lehrt Technik weitaus weniger als die mentale Einstellung zu dem, was man tut.

Steven Pressfield
ist der Autor u.a. des Romanes "Die Legende von Bagger Vance". Sein bemerkenswertes Buch THE WAR OF ART über ein Leben in Kreativität ist ein großer Aufruf zum Mut, Konsequenz und Widerstand gegen jede Art von innerem Schweinehund. Empfohlen wurde mir (und tausenden anderen) dieses Buch von David Mack, der darüber in seiner grafischen Erzählung THE ALCHEMY berichtet.

Alan Moore
bedarf keiner Vorstellung, denke ich?

DCIK: Also erstmal herzlichen Dank in die Runde.

VAI: Hallo.

MOORE: Hallo.

PRESSFIELD: Hallo.

DCIK: Es geht heute also mal um das Formulieren und Erreichen von Zielen allgemein.

VAI: Vor allem anderen ist es wichtig, für sich selbst so klar wie möglich zu definieren, was GENAU wir erreichen wollen. Was genau der Wunsch ist, der uns antreibt. Denn egal was es ist, früher oder später wird genau das auch zum Vorschein kommen.

Dieser Punkt bringt mir sehr, sehr viel. Viele von uns haben eine recht schwammige Perspektive im Kopf, und möchten „irgendwas kreatives“ oder „irgendwas mit zeichnen“ machen. Mir hilft es sehr, mir genau vorzustellen, wie dieser Tag aussehen kann, an dem ich mein Ziel erreicht habe. Ich sehe das Bild auf meinem Schreibtisch genau vor mir. Ich sehe die Farben und die Formen. Je konkreter und klarer wir das Bild vor uns sehen, desto genauer können wir wissen, wie wir von A nach B nach Z kommen. Also stellen wir uns, so genau wir können, vor, was auf unserem Schreibtisch liegt. Für die einen ist es vielleicht eine ausgearbeitete Illustration für ein Kinderbuch. Ein großes Gemälde mit einem Fantasy-Motiv. Ein anderer beendet gerade die letzte Seite für seine Graphic Novel. Je klarer wir das Ziel sehen, desto klarer können wir den Weg dorthin sehen, und beschreiten.

Die falschen Ziele und die Demut vor dem Handwerk


Auf der vergangen Comicmesse hatte ich viele Gespräche zum Zeichenhandwerk, als Ratsuchender und als Ratgebender, und ich fand es bezeichnet, dass ich das Wort Demut aus dem Mund von Timo Würz hörte - einem der virtuosesten Zeichner der Szene.

Moore: Wenn du schreibst oder zeichnest um reich und berühmt zu werden, dann wird daraus wohl nichts werden. Und was bedeutet letztendlich Ruhm, oder Reichtum? Besonders heutzutage. Du kannst einigermaßen reich und berühmt werden, wenn du bei BIG BROTHER mitmachst. Ist das eine Leistung? Beweist das irgendwas?

PRESSFIELD: Erfolg und Reichtum kommt oder kommt nicht, aber es ist immer nur ein Nebenprodukt der Arbeit. Und es ist die Arbeit, aus der wir das Glück und die Motivation ziehen sollten.

Moore: Wenn du etwas kreatives tun möchtest, sei es zeichnen oder schreiben, dann tu es, weil du es liebst, und den Wunsch hast, besser und besser darin zu werden.

PRESSFIELD: Das ist der Punkt. Besser werden. Wir haben kein *Recht* auf Anerkennung oder Erfolg. Wir haben nur ein Recht darauf zu lernen. Es sind die Amateure, die ihr aufgeblasenes Selbstbewusstsein vor sich hertragen und das Gefühl haben, sie könnten schon alles. Tiger Woods gilt als der beste Golfspieler der Welt, und er nimmt immer noch jeden Tag Unterricht, und hört genau zu, was sein Lehrer ihm zu sagen hat.

MOORE: Schreib eine Geschichte, oder mal ein Bild, und dann schau es dir genau an, so reflektiert und objektiv wie du kannst. Es wird Stellen geben, mit denen du zufrieden bist, die du gelungen findest, und andere Stellen, an denen du denkst „da hätte ich mehr raus machen können“. Und das nächste Mal machst du mehr daraus, arbeitest feiner, subtiler, vielschichtiger. Selbst ein kleines bisschen Talent reicht aus, wenn du daran arbeitest. Irgendwann wird deine Arbeit ein Niveau erreicht haben, dass über das hinausgeht, was alle andere tun. Und es wird Menschen geben, die das bemerken.

PRESSFIELD: Und das ist eine Tatsache. Es ist eine Energie des Universums. Es sieht dein Bemühen, und wenn du lange genug dran bleibst, werden irgendwelche Kräfte in Gang kommen, die dir helfen. Möglichkeiten und Chancen werden sich ergeben.

DCIK: Es klingt wie metaphysischer Humbug, aber ich selbst, und viele andere, haben es genauso erlebt. Ich hatte nach "Tara" einen halben Burn-Out. Dann kam der ICOM-Preis, Leute lesen mein Interview im Jahrbuch, und plötzlich ergeben sich neue Möglichkeiten und Perspektiven.

Die viele, viele Arbeit.

DCIK: Als ich noch in der Schule war, hätte ich einen Satz wie „unser einziges Recht ist das Recht zu lernen“ gehasst. Und ich denke, das ist es, was viele abschreckt, eine „künstlerische“ Karriere anzustreben. Das Lernen, die Paukerei, die endlose Quälerei des Lernens. Die viele Arbeit, die damit verbunden ist.

VAI: Ich habe in meinem ganzen Leben noch keinen Tag gearbeitet.

Jede Übung, jedes Lernen kann ein Genuss sein, wenn man sich klar macht, dass jede Note, die wir da spielen, jeder Strich den wir zeichnen, ein kleiner Schritt auf dem Weg zu unserem Ziel ist.

Und auch das war für mich ein Gedanke, der erst mal durchsickern musste. Wir alles sind immer wieder versucht, irgendwelche Schritte hinzuhuschen, weil wir es nicht erwarten können, so schnell wie möglich zum nächsten Schritt überzugehen. Wir nehmen uns nicht genug Zeit für die Ausarbeitung unserer Charaktere. Für die Worte, die sie sagen. Für die Gestaltung unserer Seiten. Am Schluss haben wir eine schnelle Geschichte, die aber bei weitem nicht so gut ist, wie sie hätte sein können. Wenn ich versucht bin, irgendwas zu huschen oder eine Abkürzung zu nehmen, hilft es mir, mir bewusst zu machen dass ich ja schon genau das tue, was ich tun möchte. Weshalb also sollte ich es eilig haben?

Was hindert uns?

PRESSFIELD: Ich schreibe in meinem Buch über eine Kraft, die ich Resistance nenne. Wir alle wissen, dass nicht die Kreativität das Schwierige ist. Nicht das Schreiben selbst. Sondern sich jeden Tag hinzusetzen und seine Arbeit machen.

DCIK: Ich sitze oft morgens auf dem Bett, nach dem Aufstehen, und trinke meinen Kaffee. Um die Ecke ist mein Arbeitszimmer. Und ich spüre diese „Resistance“ fast körperlich, wie ein Magnetfeld. Irgendwas sagt mir Geh da nicht rein! Und ich verspüre den Drang, diesen Schritt immer weiter aufzuschieben. Erst noch mal Mails lesen. Noch ein Kaffee. Und irgendwann überwinde ich mich, und gehe in mein Arbeitszimmer, und alles ist plötzlich halb so schlimm.

PRESSFIELD: Genau das ist eines der Gesichter der Resistance. Man schleicht um seinem Arbeit herum wie die Katze um den heissen Brei. Aber sie hat viele Gesichter. Resistance ist auch die Vernunft, die uns sagt, dass wir mit dem Roman warten sollten, bis die Zeiten besser sind. Bis nach der Ausbildung. Bis nach dem Umzug. Bis die Kinder älter sind. Bis es dann irgendwann zu spät ist. Das perfide ist, dass die Vernunft oft gute Argumente hat.

MOORE:Als ich gerade meinen Job aufgegeben hatte, sagte mir meine Frau, dass sie schwanger sei. Mein Arbeitgeber bot mir daraufhin an, meine alte Stelle wieder anzutreten. Ich sagte mir es wäre IRRSINN, in dieser Situation einen sicheren Job aufzugeben. Und ich tat es trotzdem. Ich dachte daran, welches Signal ich damit meinem Kind geben würde. Man schaut seine Eltern an und denkt sich „bin ich das in zwanzig Jahren?“ Ich wusste, unser Kind würde nicht verhungern. Aber ich wollte ihm mehr geben als Sicherheit. Ich wollte ihm das Gefühl vermitteln, dass man ALLES erreichen kann, wenn man wirklich will. Die meisten Menschen leben in dem Bewusstsein, dass das Leben ist wie ein Raum mit einer Decke, einer Begrenzung nach oben. Ich erinnere mich daran, wie mein Vater mit mir sprach: „Ich mache 15 Pfund die Woche, aber du erreichst später mal viel mehr! Du machst dann 18 Pfund die Woche.“ Ich wollte meinen Kindern das Bewusstsein geben, dass es keine Grenzen gibt.

PRESSFIELD: Fast alle Menschen leben zwei Leben, ihr faktisches, reales Leben, und ein inneres Leben, in dem sie der Mensch sind, der sie sein wollen, und das tun, was sie tun wollen. Wir rationalisieren unsere „vernünftigen“ Entscheidungen für ein sicheres Leben, und die Industrie um uns herum bewirft uns mit Trostpreisen. Wenn wir das und das Auto haben, das und das Telefon, dann sind wir glücklicher. Aber wir sind es nie, und das Verlangen in uns wird nie aufhören, bis wir das Leben, dass wir in unserem inneren führen, Wirklichkeit werden lassen.

DCIK: Und was passiert, wenn wir den Kampf geben die Resistance verlieren?

PRESSFIELD: Erst, eine leise Unzufriedenheit. Ein Schuldgefühl. Wir sind ruhelos, unerfüllt, unglücklich. Wir hassen uns selbst. Wir wollen weglaufen oder uns verstecken. Später wird die Resistance drückender, und wir fangen vielleicht an, schlechte Eigenschaften zu entwickeln. Drogen, Faulheit, Trägheit. Und dann wird’s klinisch, pathologisch. Depression, Wutausbrüche und greifbare, körperliche Selbstzerstörung. Resistance will uns am Boden sehen. Sie will uns fertig machen, bis wir nicht mehr aufstehen.

Fokus und auf dem Weg bleiben

DCIK: Also, wie erreichen wir denn nun unser Ziel? Wie widerstehen Sie der „Resistance“, Mister Pressfield?

PRESSFIELD: Ich stehe auf, dusche, frühstücke, mache mir einen Kaffee, lese die Zeitung. Dann nehme ich meinen Kaffee und gehe in mein Büro. Es ist übersäht mit Glückbringern aller möglicher Arten. Dann spreche ich mein Gebet …

DCIK: Gebet?!

PRESSFIELD: Der Ruf an die Musen aus Homers „Odysee“. Der Text ist letztendlich nicht wichtig. Wichtig ist das Ritual. Und das man es beendet, und keine Ausrede mehr hat, sich hinzusetzen und seine Arbeit zu machen.

Und danach setze ich mich hin und lege los. Ich mache meine Arbeit. Und nach einigen Stunden, wenn sich die Tipfehler häufen, merke ich, dass meine Energie aufgebraucht ist, und speichere meine Arbeit und schliesse sie ab. Mir ist egal, ob das, was ich zustande gebracht habe „gut“ ist. Was zählt ist, dass ich, für heute, der Resistance widerstanden habe. Und während ich zusammenpacke, weiss ich, morgen wird sie wieder da sein, und ich werde ihr wieder wiederstehen müssen.

DCIK: Der Kampf hört nie auf?

PRESSFIELD: Nein. Und wenn die Schlacht geschlagen scheint, und man FAST fertig ist, ist die Resistance am gefährlichsten.

DCIK: Und es gibt nie Zweifel? Mutlosigkeit?

PRESSFIELD: Ständig.

VAI: Aber wenn das passiert, wenn man den Mut verliert, weil man nicht weiterkommt, hilft es, sich das Gesamtbild vor Augen zu führen. The Big picture. Und wenn du an eine Grenze kommst, die unüberwindbar scheint, und du denkst, dass du das, was du dir vorgenommen hast, niemals schaffen kannst, dann kehr zurück zu dieser Vision in deinem Kopf. Und in deinem Kopf kannst du hören, oder sehen, wie du es tust. Du siehst dich dieses Stück spielen, oder dieses Bild malen.

Also ist es möglich.

MOORE: Es gibt nichts, was wir nicht tun können, wenn wir uns stark genug bemühen.

DCIK: Äh, ja. Vielen Dank.

Ein paar abschliessende Gedanken zum Handwerk.

Vor einiger Zeit kam auf einer Messe ein junges Mädchen an meinen Stand und fragte mich, wie man denn am besten eine Comiczeichnerkarriere angeht. Ich empfahl ihr, zu lernen so viel sie kann, Workshops zu besuchen und Unterricht zu nehmen.

Mädchen: Das will ich nicht.

Ich: Wieso?

Mädchen: Ich hab da so meinen eigenen Stil, und ich will nicht, dass mir den jemand kaputt macht.

Sie war zwölf.

Noch eine Geschichte.

Jahrelang hatte unser Pony X Press in Erlangen seinen Stand neben einen tapferen Einzelkämpfer, der seinen Minicomic verkaufen wollte. Die Figuren in seinen Geschichten waren steif und leblos gezeichnet. Er rannte von Pontius nach Pilatus, um sich selbst zu promoten, und bekam immer wieder zu hören, seine Figuren seien steif und leblos gezeichnet. Er nahm sich jedes Mal vor, an seinem Stil zu arbeiten. Und tat es nicht. Dann kam ihm eine neue Idee für eine Geschichte, und er zeichnete sie. Die Geschichte waren okay, aber die Figuren steif und leblos gezeichnet. Das ging gefühlte sechs Jahre so. Das letzte Mal wandte er sich zu uns und meinte „ich habe jetzt in vier Tagen ein Heft verkauft. Ich gebe auf.“

Und noch eine Geschichte.

Eine Freundin von mir wollte nie etwas anderes, als Comiczeichnerin werden. Speaking of focus. Sie beendete die Schule, machte eine grafische Ausbildung, arbeitete im Trickstudio, besuchte Workshops und lernte und übte, soviel sie konnte. Sie war bereits auf dem Weg, als ich sie vor über zehn Jahren kennenlernte, und hat ihr Ziel nie aus den Augen verloren. Und jedes Jahr war besser als das zuvor.

Vor ein paar Wochen war die Releaseparty ihres Buches. Sie saß an ihrem Tisch und signierte, und vier Stunden lang riss die Schlange nicht ab.

Also, was hindert dich, dasselbe zu tun?

Erstmal n Kaffee.


Links:
Steve Vai
Ein Interview mit Alan Moore
The Art of War