Dienstag, 21. Juni 2011

Story versus Anekdote: Die große Frage dahinter.

Ich erzählte schonmal davon: Comiczeichner hören immer mal wieder den Satz "da müsstest du mal einen Comic raus machen", und meistens sind die Comiczeichner, wenn sie die Story gehört haben, nicht dieser Meinung.

Vor einiger Zeit erzählte mir eine Freundin eine Begebenheit ihres Freundes, der durch Ungeschicklichkeit die Wut eines Türstehers auf sich zog. Um der Prügel zu entgehen, legte er sich einfach auf den Boden und blieb reglos liegen, bis es dem Türsteher langweilig wurde und er den Typ in Ruhe ließ.

Ich würde sowas vielleicht nicht Geschichte oder Story nennen. Eher Anekdote. Eine amüsante Begebenheit. ANEKDOT, interessanterweise, ist das russische Wort für Witz. Man lacht drüber und vergisst es.

Und irgendwie mag ich Geschichten lieber, die man nicht vergisst. Aber welche Geschichten hallen denn nun nach, und warum?

Vor einigen Wochen ärgerte ich mich. Ich fragte einen Freund, ob er mit mir in BLACK SWAN geht.

"Da geht’s um Ballett, oder? Nee, danke."

Letztendlich war ich dann alleine drin, und natürlich *GING* es nicht um Ballett. Es ging um den Preis des Ehrgeizes, des Erfolges, und besonders den Preis der Perfektion. Und Ballett war die perfekte Kulisse für dieses Thema. Die Prämisse des Plots: Eine Tänzerin ist ausserordentlich begabt und hat extrem hart gearbeitet. Aber was sie nicht leisten kann, ist die komplette Hingabe, den Verlust jeglicher Kontrolle, der nötig ist, um den schwarzen Schwan zu tanzen. Der Film stellt dar, wie ein Mensch mit dem Druck umgeht, der von allein Seiten auf ihn einströmt. Und am Schluss stehen viele Fragen im Raum: Welchen Preis zahlen wir für unseren Erfolg? Für unseren Ehrgeiz? Für das Streben nach Perfektion? Und ist dieser Preis nicht zu hoch?

Der Film gibt keine Antwort auf diese Fragen, und es kann auch keine geben. Aber der Film hat einen enormen Nachhall (zumindest bei mir), und ich glaube, dieser Nachhall ist damit begründet, dass hinter der Geschichte eben eine große, fundamentale Frage steht.

Das ist das, was der Autor Hanif Kureishi meint, wenn er versucht, dem Wesen des Erzählens auf den Grund zu gehen und schreibt:

In the end there is only one subject for an artist, What is the nature of human experience? What is it to be alive, suffer and feel? What is it to love or need another person? To what extent can we know anyone else? Or ourselves? In other words, what it is to be a human being. These are questions that can never be answered satisfactorily but they have to be put again and again by each generation and by each person.

Eine große Frage, zu groß um sie zu beantworten.

Für mich trennt genau das eine "Story", von einer Anekdote, die einmal erzählt wird, unterhält und sich danach verweht wie ein Konfettiregen. Es gibt viele gute und unterhaltsame Filme, die interessante und überraschende Plots haben. Die Geschichte über erfindungsreiche Trickbetrüger wie Catch me if you can oder der wirklich amüsante I love you, Phillip Morris fallen mir ein. Man ist überrascht, amüsiert und unterhalten, und danach geht man seiner Wege. Daran ist nichts verkehrt. Aber wenn eine Geschichte mir etwas über das Leben erzählt, und mich dabei zwangsläufig auf mich selbst zurückwirft, bewirkt es etwas in mir, und macht mich aufmerksamer für mein Leben und die Menschen um mich herum.

100 Bullets: Wie weit würde ich gehen?

Watchmen: Welche Mittel rechtfertigen welchen Preis ?

Box Office Poison: Ist mein Leben, und das Unglück darin, nicht meine eigene Schuld, und Verantwortung?

Es gibt hunderte Bücher über Plot und Konstruktion von Geschichten, und viele Autoren argumentieren, es seien eh schon alle Geschichten erzählt worden, und kommen mit Klischeeversatzstücken um die Ecke, weil das ja angeblich "gut verkauft". Aber ich glaube, erst wenn alle Fragen des Lebens beantwortet sind, sind alle Geschichten erzählt.

Und das wird nie passieren.

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