Sonntag, 19. Juni 2011

Famous last words: Dialog

Man findet mich heute in einem Zustand extatischer, hysterischer Anspannung vor. Mein neuer Comic ist da, und in wenigen Tagen ist das nette Comicfest in München.

Ich beende die Themenrunde "Dialog" mit ein paar abschließenden Worten.

Ich höre häufig, dass sich Leute darüber beschweren, ihre Dialoge gerieten immer saftlos und unoriginell. Ich glaube, der erste Schritt zu einem erfreulichen Dialog passiert bereits, bevor man das erste Wort geschrieben hat, nämlich mit den Charakteren und in ihrer Beziehung zueinander. Wenn wir zwei Charaktere reden lassen, die einen ausgeprägten Charakter mit ins Gespräch bringen, ihre eigenen Neurosen, seelischen Ballast, ihren inneren emotionalen Sprengstoff, dann wird definitiv auch der Dialog lebhaft sein. Stellt euch vor, irgendetwas muss dringend passieren, und unser Held gerät an einen sehr langsamen und / oder gewissenhaften Charakter, dessen penible Ruhe ihn zum Wahnsinn treibt.

Vielleicht kennen wir alle das Phänomen, dass uns Serien besser vorkommen, je länger wir drin sind. Das kommt vor allem daher, dass wir die Figuren besser kennen, ihre Vorgeschichte und ihre Beziehung zueinander, und je vertrauter wir mit den Figuren sind, desto mehr Subtext schwingt für uns in ihren Gesprächen mit. Und es ist gerade das unausgesprochene, dass uns berührt, weil es uns nicht durchs Gehirn erreicht, sondern durch den Bauch. Wenn wir wissen dass, keine Ahnung, Nathan in Tammy verliebt ist, wissen wir, was er durchmacht, wenn sein bester Freund damit rumprahlt, wie sie im Bett ist. Je menschlicher und tiefgründiger die Figuren gestaltet sind, desto menschlicher und fühlbarer wird auch der Dialog. Nach meiner Erfahrung hängen 99 % aller Storyprobleme an farblosen oder undefinierten Figuren / Charakteren.

Wenn wir jetzt auch noch aus den Figuren heraus schreiben, und nicht aus dem Bedürfnis heraus, für unsere schöne Sprache bewundert zu werden, sindwa inhaltlich schon mal in trockenen Tüchern.

Jetzt haben wir also den tollen Dialog in Scriptform. Der nächste Schritt wäre, ihn dynamisch zu takten. Wichtigere Sätze bekommen mehr Raum.

Wie stehen die Personen zueinander? Wie können wir ihr Verhältnis über ihre Positionen und ihre Körpersprache unterstreichen?

Vielleicht können wir den Dialog in eine Handlung einbetten, die dem Gespräch eine zusätzliche Schicht verleiht.

Im ersten Dialog der Folge DIE UNSICHTBARE FRAU von Six Feet under, Staffel zwei erzählt Brenda ihrem Freund Nate, dass sie ein Buch schreiben möchte. Er ist erstmal verduzt, weil sie vor einer Woche noch eine Galerie eröffnen wollte. Und während sie über Brendas Pläne sprechen, diskutieren sie gleichzeitig unterschwellig ihre Beziehung, und die Inszenierung nimmt das Motiv auf: Brenda, die gerade ihr Frühstück zubereitet, ist ständig in Bewegung; Nathan steht ruhig und passiv da. Ab und zu muss Brenda ihn wegschieben, weil sie an irgendeinen Schrank muss, und die unterschwellige Botschaft ist du steht mir im Weg. Ich will Veränderung, du bist der Stillstand. Am Schluss setzt sich Brenda auf die Anrichte, Nate steht ihr gegenüber. Er sagt, dass er hofft, auch in dem Buch vorzukommen. Sie antwortet vielleicht … wenn du irgendwann mal was interessantes machst. Nate senkt den Kopf. Das Gespräch war ein Zweikampf, und er gibt sich geschlagen.

Es können auch kleine Gesten sein, die den Charakter weiter erläutern. Der Film DIE MUTTER handelt von einem unscheinbaren kleinen Muttchen in ihren Sechzigern, die eine Affäre mit dem Geliebten ihrer Tochter (Daniel Craig) anfängt. Nachdem sie im Bett waren, nimmt Daniel Craig eine Pille aus einer Dose und schluckt sie. Die Mutter fragt, was er da nimmt. Er weiss es nicht, er hat es im Schrank seiner Freundin gefunden und nimmt es einfach. Und genauso geht er in seinem Leben mit Menschen um.

Ein nächster Gedanke wäre, ob man einen Ort wählen kann, der dem Gespräch zusätzliche Energie verleiht. Wenn sich ein Liebespaar zum letzten Mal trifft, weil sie sich trennen müssen, ist nach der Trennung das naheliegendste, dass es, wie immer, anfängt zu regnen, wenn jemand trauert. Aber was für eine Atmosphäre entstünde, wenn das Gespräch auf einer Party stattfindet, und unser verlassener Held steht mit seiner Trauer mitten in eiem rauschenden Gelächter? Oder, ganz bitter, auf dem Rummelplatz, umgeben von hysterischer Humpa-Musik und Clownsfratzen?

Wenn man jetzt so cool ist und die Kunst der Perspektive beherrscht, kann man sich noch ruhig zurücklehnen und überlegen, welcher Blickwinkel für welches Panel am geschicktesten wäre.

(BTW, ich habe gestern endlich mal SLUMDOG MILLIONAIRE gesehen, und ich habe noch nie einen Film gesehen, der aus jedem Augenblick den schönsten und atmosphärischsten Blickwinkel herausholt. Ich meine, der Kameramann hätte sogar einen Oskar für seine Arbeit bekommen.)

Perspektive, genau. Ich musste noch kürzlich dran, denken, als ich einen traumhaften Dialog in SCALPED las, der in jeder Beziehung alle Register zieht

Ein verottetes Indianerreservat in den USA. Der Chief des Reservates, das alte, autoritäre Alphatier RED CROW, hat ein Casino gebaut, um dem Reservat eine Einnahmequelle zu bescheren. Dafür hat er sich einige Millonen von JOHNNY TONGUE geliehen, Anführer einer asiatischen Drogengang aus der großen Stadt. Die Gang, Hmongs aus Laos, sind extrem gewalttätige und brutale Soziopathen. Um sicherzustellen, dass das Casino gut geführt wird, schickt Johnny Tongue ein paar seine Leute unter der Leitung des alten BRASS zu Red Crow. Sie nisten sich bei ihm ein und bringen wahllos Leute um. Irgendwann reicht es Red Crow, er erschießt zwei der Hmongs und steckt ihren Anführer, Brass, in den Knast.

Er ruft Johnny Tongue an. Johnny Tongue ist die Sorte, die sofort maßlos ausrastet, wenn sie ihren Willen nicht kriegt. Er wirft einen Tisch voll Kokain um und kräht in den Hörer, dass er Red Crow gerne mal die Freuden des Analverkehrs nahe bringen würde, wünschenswerterweise vor den Augen seiner, Red Crows, Mutter.

Johnny: I’m gonna fuck you in front of your mother! She dead yet? I hope the fuck not, cause I want that BITCH to see this shit.

Red Crow: My mother’s dead.

Johnny: PISS on that fucking whore then! Put Brass on the phone! Right fucking now!

Red Crow geht zurück in die Zelle. Während er den Weg zurückgeht, zeigt die Kamera ihn konstant von oben. Die Perspektive der Niederlage. Offensichtlich hat sich Red Crow doch der schieren Gewalt von Johnny Tongue gebeugt.

Er kommt in der Zelle an und reicht Brass den Hörer. Dann schiesst er ihm in den Schädel. Und dabei sehen wir ihn von unten.

Johnny Tongue: What the fuck happened?! What was that?

Red Crow nimmt den Hörer auf: „Er kann dich nicht hören.“ – „Du dummer Hurensohn!!! Wehe, er ist tot!!“

„Er ist nicht tot.“

POW KPUM POWOM

„JETZT ist er tot.“

Red Crow beendet das Gespräch mit wüsten Drohungen und Beschimpfungen in Richtung Johnny Tongue und geht seiner Wege.

Ach genau, eine schöne dramaturgische Wendung ist auch immer eine nette Sache. Einer meiner Lieblingssätze von Robert McKee ist „Erfülle die Erwartungen deines Publikum, aber auf unerwartete Weise.“

Das nächste Mal berichte ich vom Comicfest in München. Ich und meine geliebten Kollegen AE und Sarah Burrini werden am Stand 39 neben Zwerchfell verkaufen, plaudern und signieren.

Be good!

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