Dienstag, 21. Juni 2011

Story versus Anekdote: Die große Frage dahinter.

Ich erzählte schonmal davon: Comiczeichner hören immer mal wieder den Satz "da müsstest du mal einen Comic raus machen", und meistens sind die Comiczeichner, wenn sie die Story gehört haben, nicht dieser Meinung.

Vor einiger Zeit erzählte mir eine Freundin eine Begebenheit ihres Freundes, der durch Ungeschicklichkeit die Wut eines Türstehers auf sich zog. Um der Prügel zu entgehen, legte er sich einfach auf den Boden und blieb reglos liegen, bis es dem Türsteher langweilig wurde und er den Typ in Ruhe ließ.

Ich würde sowas vielleicht nicht Geschichte oder Story nennen. Eher Anekdote. Eine amüsante Begebenheit. ANEKDOT, interessanterweise, ist das russische Wort für Witz. Man lacht drüber und vergisst es.

Und irgendwie mag ich Geschichten lieber, die man nicht vergisst. Aber welche Geschichten hallen denn nun nach, und warum?

Vor einigen Wochen ärgerte ich mich. Ich fragte einen Freund, ob er mit mir in BLACK SWAN geht.

"Da geht’s um Ballett, oder? Nee, danke."

Letztendlich war ich dann alleine drin, und natürlich *GING* es nicht um Ballett. Es ging um den Preis des Ehrgeizes, des Erfolges, und besonders den Preis der Perfektion. Und Ballett war die perfekte Kulisse für dieses Thema. Die Prämisse des Plots: Eine Tänzerin ist ausserordentlich begabt und hat extrem hart gearbeitet. Aber was sie nicht leisten kann, ist die komplette Hingabe, den Verlust jeglicher Kontrolle, der nötig ist, um den schwarzen Schwan zu tanzen. Der Film stellt dar, wie ein Mensch mit dem Druck umgeht, der von allein Seiten auf ihn einströmt. Und am Schluss stehen viele Fragen im Raum: Welchen Preis zahlen wir für unseren Erfolg? Für unseren Ehrgeiz? Für das Streben nach Perfektion? Und ist dieser Preis nicht zu hoch?

Der Film gibt keine Antwort auf diese Fragen, und es kann auch keine geben. Aber der Film hat einen enormen Nachhall (zumindest bei mir), und ich glaube, dieser Nachhall ist damit begründet, dass hinter der Geschichte eben eine große, fundamentale Frage steht.

Das ist das, was der Autor Hanif Kureishi meint, wenn er versucht, dem Wesen des Erzählens auf den Grund zu gehen und schreibt:

In the end there is only one subject for an artist, What is the nature of human experience? What is it to be alive, suffer and feel? What is it to love or need another person? To what extent can we know anyone else? Or ourselves? In other words, what it is to be a human being. These are questions that can never be answered satisfactorily but they have to be put again and again by each generation and by each person.

Eine große Frage, zu groß um sie zu beantworten.

Für mich trennt genau das eine "Story", von einer Anekdote, die einmal erzählt wird, unterhält und sich danach verweht wie ein Konfettiregen. Es gibt viele gute und unterhaltsame Filme, die interessante und überraschende Plots haben. Die Geschichte über erfindungsreiche Trickbetrüger wie Catch me if you can oder der wirklich amüsante I love you, Phillip Morris fallen mir ein. Man ist überrascht, amüsiert und unterhalten, und danach geht man seiner Wege. Daran ist nichts verkehrt. Aber wenn eine Geschichte mir etwas über das Leben erzählt, und mich dabei zwangsläufig auf mich selbst zurückwirft, bewirkt es etwas in mir, und macht mich aufmerksamer für mein Leben und die Menschen um mich herum.

100 Bullets: Wie weit würde ich gehen?

Watchmen: Welche Mittel rechtfertigen welchen Preis ?

Box Office Poison: Ist mein Leben, und das Unglück darin, nicht meine eigene Schuld, und Verantwortung?

Es gibt hunderte Bücher über Plot und Konstruktion von Geschichten, und viele Autoren argumentieren, es seien eh schon alle Geschichten erzählt worden, und kommen mit Klischeeversatzstücken um die Ecke, weil das ja angeblich "gut verkauft". Aber ich glaube, erst wenn alle Fragen des Lebens beantwortet sind, sind alle Geschichten erzählt.

Und das wird nie passieren.

Sonntag, 19. Juni 2011

Famous last words: Dialog

Man findet mich heute in einem Zustand extatischer, hysterischer Anspannung vor. Mein neuer Comic ist da, und in wenigen Tagen ist das nette Comicfest in München.

Ich beende die Themenrunde "Dialog" mit ein paar abschließenden Worten.

Ich höre häufig, dass sich Leute darüber beschweren, ihre Dialoge gerieten immer saftlos und unoriginell. Ich glaube, der erste Schritt zu einem erfreulichen Dialog passiert bereits, bevor man das erste Wort geschrieben hat, nämlich mit den Charakteren und in ihrer Beziehung zueinander. Wenn wir zwei Charaktere reden lassen, die einen ausgeprägten Charakter mit ins Gespräch bringen, ihre eigenen Neurosen, seelischen Ballast, ihren inneren emotionalen Sprengstoff, dann wird definitiv auch der Dialog lebhaft sein. Stellt euch vor, irgendetwas muss dringend passieren, und unser Held gerät an einen sehr langsamen und / oder gewissenhaften Charakter, dessen penible Ruhe ihn zum Wahnsinn treibt.

Vielleicht kennen wir alle das Phänomen, dass uns Serien besser vorkommen, je länger wir drin sind. Das kommt vor allem daher, dass wir die Figuren besser kennen, ihre Vorgeschichte und ihre Beziehung zueinander, und je vertrauter wir mit den Figuren sind, desto mehr Subtext schwingt für uns in ihren Gesprächen mit. Und es ist gerade das unausgesprochene, dass uns berührt, weil es uns nicht durchs Gehirn erreicht, sondern durch den Bauch. Wenn wir wissen dass, keine Ahnung, Nathan in Tammy verliebt ist, wissen wir, was er durchmacht, wenn sein bester Freund damit rumprahlt, wie sie im Bett ist. Je menschlicher und tiefgründiger die Figuren gestaltet sind, desto menschlicher und fühlbarer wird auch der Dialog. Nach meiner Erfahrung hängen 99 % aller Storyprobleme an farblosen oder undefinierten Figuren / Charakteren.

Wenn wir jetzt auch noch aus den Figuren heraus schreiben, und nicht aus dem Bedürfnis heraus, für unsere schöne Sprache bewundert zu werden, sindwa inhaltlich schon mal in trockenen Tüchern.

Jetzt haben wir also den tollen Dialog in Scriptform. Der nächste Schritt wäre, ihn dynamisch zu takten. Wichtigere Sätze bekommen mehr Raum.

Wie stehen die Personen zueinander? Wie können wir ihr Verhältnis über ihre Positionen und ihre Körpersprache unterstreichen?

Vielleicht können wir den Dialog in eine Handlung einbetten, die dem Gespräch eine zusätzliche Schicht verleiht.

Im ersten Dialog der Folge DIE UNSICHTBARE FRAU von Six Feet under, Staffel zwei erzählt Brenda ihrem Freund Nate, dass sie ein Buch schreiben möchte. Er ist erstmal verduzt, weil sie vor einer Woche noch eine Galerie eröffnen wollte. Und während sie über Brendas Pläne sprechen, diskutieren sie gleichzeitig unterschwellig ihre Beziehung, und die Inszenierung nimmt das Motiv auf: Brenda, die gerade ihr Frühstück zubereitet, ist ständig in Bewegung; Nathan steht ruhig und passiv da. Ab und zu muss Brenda ihn wegschieben, weil sie an irgendeinen Schrank muss, und die unterschwellige Botschaft ist du steht mir im Weg. Ich will Veränderung, du bist der Stillstand. Am Schluss setzt sich Brenda auf die Anrichte, Nate steht ihr gegenüber. Er sagt, dass er hofft, auch in dem Buch vorzukommen. Sie antwortet vielleicht … wenn du irgendwann mal was interessantes machst. Nate senkt den Kopf. Das Gespräch war ein Zweikampf, und er gibt sich geschlagen.

Es können auch kleine Gesten sein, die den Charakter weiter erläutern. Der Film DIE MUTTER handelt von einem unscheinbaren kleinen Muttchen in ihren Sechzigern, die eine Affäre mit dem Geliebten ihrer Tochter (Daniel Craig) anfängt. Nachdem sie im Bett waren, nimmt Daniel Craig eine Pille aus einer Dose und schluckt sie. Die Mutter fragt, was er da nimmt. Er weiss es nicht, er hat es im Schrank seiner Freundin gefunden und nimmt es einfach. Und genauso geht er in seinem Leben mit Menschen um.

Ein nächster Gedanke wäre, ob man einen Ort wählen kann, der dem Gespräch zusätzliche Energie verleiht. Wenn sich ein Liebespaar zum letzten Mal trifft, weil sie sich trennen müssen, ist nach der Trennung das naheliegendste, dass es, wie immer, anfängt zu regnen, wenn jemand trauert. Aber was für eine Atmosphäre entstünde, wenn das Gespräch auf einer Party stattfindet, und unser verlassener Held steht mit seiner Trauer mitten in eiem rauschenden Gelächter? Oder, ganz bitter, auf dem Rummelplatz, umgeben von hysterischer Humpa-Musik und Clownsfratzen?

Wenn man jetzt so cool ist und die Kunst der Perspektive beherrscht, kann man sich noch ruhig zurücklehnen und überlegen, welcher Blickwinkel für welches Panel am geschicktesten wäre.

(BTW, ich habe gestern endlich mal SLUMDOG MILLIONAIRE gesehen, und ich habe noch nie einen Film gesehen, der aus jedem Augenblick den schönsten und atmosphärischsten Blickwinkel herausholt. Ich meine, der Kameramann hätte sogar einen Oskar für seine Arbeit bekommen.)

Perspektive, genau. Ich musste noch kürzlich dran, denken, als ich einen traumhaften Dialog in SCALPED las, der in jeder Beziehung alle Register zieht

Ein verottetes Indianerreservat in den USA. Der Chief des Reservates, das alte, autoritäre Alphatier RED CROW, hat ein Casino gebaut, um dem Reservat eine Einnahmequelle zu bescheren. Dafür hat er sich einige Millonen von JOHNNY TONGUE geliehen, Anführer einer asiatischen Drogengang aus der großen Stadt. Die Gang, Hmongs aus Laos, sind extrem gewalttätige und brutale Soziopathen. Um sicherzustellen, dass das Casino gut geführt wird, schickt Johnny Tongue ein paar seine Leute unter der Leitung des alten BRASS zu Red Crow. Sie nisten sich bei ihm ein und bringen wahllos Leute um. Irgendwann reicht es Red Crow, er erschießt zwei der Hmongs und steckt ihren Anführer, Brass, in den Knast.

Er ruft Johnny Tongue an. Johnny Tongue ist die Sorte, die sofort maßlos ausrastet, wenn sie ihren Willen nicht kriegt. Er wirft einen Tisch voll Kokain um und kräht in den Hörer, dass er Red Crow gerne mal die Freuden des Analverkehrs nahe bringen würde, wünschenswerterweise vor den Augen seiner, Red Crows, Mutter.

Johnny: I’m gonna fuck you in front of your mother! She dead yet? I hope the fuck not, cause I want that BITCH to see this shit.

Red Crow: My mother’s dead.

Johnny: PISS on that fucking whore then! Put Brass on the phone! Right fucking now!

Red Crow geht zurück in die Zelle. Während er den Weg zurückgeht, zeigt die Kamera ihn konstant von oben. Die Perspektive der Niederlage. Offensichtlich hat sich Red Crow doch der schieren Gewalt von Johnny Tongue gebeugt.

Er kommt in der Zelle an und reicht Brass den Hörer. Dann schiesst er ihm in den Schädel. Und dabei sehen wir ihn von unten.

Johnny Tongue: What the fuck happened?! What was that?

Red Crow nimmt den Hörer auf: „Er kann dich nicht hören.“ – „Du dummer Hurensohn!!! Wehe, er ist tot!!“

„Er ist nicht tot.“

POW KPUM POWOM

„JETZT ist er tot.“

Red Crow beendet das Gespräch mit wüsten Drohungen und Beschimpfungen in Richtung Johnny Tongue und geht seiner Wege.

Ach genau, eine schöne dramaturgische Wendung ist auch immer eine nette Sache. Einer meiner Lieblingssätze von Robert McKee ist „Erfülle die Erwartungen deines Publikum, aber auf unerwartete Weise.“

Das nächste Mal berichte ich vom Comicfest in München. Ich und meine geliebten Kollegen AE und Sarah Burrini werden am Stand 39 neben Zwerchfell verkaufen, plaudern und signieren.

Be good!

Sonntag, 12. Juni 2011

Die geneigte Person: Ein Schlaglicht auf Körpersprache

In eigener Sache: Ich schreibe dies in einem Zustand gesteigerter Hysterie; Ein Comic liegt hinter mir, und zwar das wohl hin-ge-drosch-endste Machwerk der Comicgeschichte, deren Seite so voller Flecken und Verwischungen sind (Linkshänder halt), dass es dem Drucker TRÄNEN in die Augen treiben wird. Dafür kommt dann zum Comicfest München, so Gott will, ULFUR GORDUNG raus, erhältlich an dem Stand von PONY X PRESS, den ich zusammen mit meinen lieben Freunden und Kollegen Sarah Burrini und Andreas „AE“ Eikenroth betreue.

VOR mir liegt auch ein Comic, und zwar eine Auftragsarbeit. Für GELD. Aufwendig. Mit Uniformen und Helikoptern. Noch zehn Tage zur Deadline. Daher kann ich diese Woche das schöne Thema KÖRPERSPRACHE leider nicht so ausführlich behandeln, wie ich das gerne täte. Und keine Bilder zur Illustration. Hole ich bei Gelegenheit nach.

Also, Körpersprache. Zunächst einmal muss ich sagen, dass für mein Empfinden im Comic Körpersprache oft übertrieben wird, ähnlich wie in Animationsfilmen. Jede Aussage wird mit rudernden Armen begleitet, noch in der alten Tradition verhaftet, dass eine visuellen Erzählung auch ohne Text verständlich sein muss, weil die Leser sie sonst nicht kapieren. Schliesslich lesen ja nur Kinder Comics. Viele Comiczeichner besonders der frankobelgischen Tradition „überanimieren“ für mein Gefühl immer noch sehr stark, und dadurch wirkt es auf mich, nun ja, etwas kindlich und anachronistisch und unrealistisch; Wenn eine Figur nicht damit einverstanden ist, was jemand anderes über sie sagt, ruft sie „Das stimmt doch gar nicht!“ , hebt den Kopf, zieht die Augenbrauen hoch, verzieht Nase (hoch) und Mundwinkel (runter), verschränkt die Arme und dreht ihren Körper weg. Im „wahren Leben“ würde eine Person vielleicht eine Augenbraue senken, und gut wär.

Wie dem auch sei, Körpersprache ist trotzdem ein wunderbares Mittel, eine Persönlichkeit, eine Beziehung oder eine Haltung ohne Worte und zwischen den Zeilen zu zeigen. Es gibt hunderte von Büchern und anderen Resourcen, die sich mit dem Thema auseinandersetzen, von daher werde ich gar nicht erst versuchen, einen kompletten Rundumschlag dieses Themas zu liefern. Aber ich kann hoffentlich ein paar Hinweise geben, wie man einem Dialog oder einer Szene mit ein paar (mehr oder weniger) subtilen Positionen oder Gesten noch zusätzlich Energie verleihen kann.

Betrachten kann man dabei, vom ganzen ins Detail, von oben nach unten:

  • Die generelle Positur einer Person
  • Die Stellung einer Person zu ihrem Gesprächspartner
  • Die Stellung ihres Kopfes und
  • die Arme, ihre Position oder Gesten

Die Körpersprache von Macht

„Macht“ macht sich vor allem erstmal breit. Ein Mensch, der Macht demonstrieren will, nimmt soviel Raum in Anspruch,wie er kann. Er steht aufrecht und breitbeinig, mit vorgestreckter Brust und erhobenem Kinn. Vielleicht macht er sich noch breiter, indem er die Arme in die Hüften stemmt (in Konkurrenz/Konfrontationssituationen), oder verschränkt die Arme, um seine Unumstößlichkeit und Uneinnehmbarkeit zu demonstrieren. Ebenso steht eine "Machtperson" beharrlich in einer Position, während ein unsicherer Sprecher, der sich seines Standpunktes nicht sicher ist, Standbein und Position immer wieder wechselt.

Wenn Machtmenschen sitzen, breiten sie die Arme aus („alles meins“) und spreizen die Beine („guck mal, was für einen enormen SCHLONG ich habe“).

Besonders bemerkenswert, und unangenehm, im Umgang mit „Macht“personen, ist die Tatsache, dass sie sich auch herausnehmen, über den Raum ihrer Gesprächspartner verfügen. Das kann buchstäblich passieren – eine Person betritt den Raum und nimmt ihn „ein“, wie Stringer Bell in dem bereits zitierten Video über Geschlechterkampf, oder im Bezug auf ein Eindringen in unseren „personal space“. Jede Person hat und braucht einen sogenannnten „Wohlfühlabstand“ von ca. einer Armlänge. Sobald dieser Abstand von einer fremdem Person überschritten wird, fühlt man sich etwas bedrängt und unwohl, wie in dieser Episode von SEINFELD über einen „closer talker“. Eine Machtperson bestimmt ganz selbstverständlich über den Raum einer anderen Person. Wenn wir eine Hahnenkampf-Situation haben, in der zwei Männer konkurrieren oder vor einem Kampf stehen, dringen beide in den personal space des anderen ein. Hierbei wird das Kinn gerne an den Hals gedrückt und die Stirn vorgereckt, wie ein Widder oder ein Stier, der seine Hörner zeigt.

Im Gegensatz dazu wird eine ängstliche oder unterwürfige Person eine zusammegekauerte, geduckte Haltung einnehmen, vielleicht die zugeklammerten Hände vor die Brust nehmen und die Beine zusammenklemmen, wie ein Kind, das ausgeschimpft wird.

Die Körpersprache der Sexualität

Während Personen bei Machtspielereien und Konkurrenzkämpfen einander gegenüberstehen wie in einem Duell, kommt alles was mit Sinnlichkeit zu tun hat, eher von der Seite, um nicht bedrohlich zu wirken. Männer verfallen in Imponiergebärden, ziehen ihren Bauch ein und demonstrieren Kraft und Viriltät.

Frauen schauen gerne über die Schulter oder vollziehen sogenannte autoerotische Gesten – sie streichen sich durchs Haar oder über den Nacken oder legen die Hand auf die Hüfte. Sehr, sehr viele Modelposen arbeiten mit flirtender Körpersprache, verspielten Gesten, entblößtem Nacken und geheimnisvoll wirken(sollen)dem Blick. Wenn die Frau geneigt ist, ist es auch ihr Kopf. Die Standardcomicpositur bei einer sinnlichen Situation ist der Blick von unten nach oben oder über die Schulter, während die Hand durch die Haare streift.

Die Körpersprache der Lügen und Geheimnisse

Die Comics meiner Jugend operierten mit sehr stumpfem Besteck: wenn jemand log, hatte er einen panischen, abgewandten Blick und SCHWEISSPERLEN auf der Stirn. Inzwischen sind die Mittel etwas subtiler geworden, und es ist die Frage, ob man den Leser wissen lassen will, dass jemand lügt. Dann kann man auf das Standardrepertoire zurückgreifen – unsicherer, abgewandter Blick, verkrampfte Körperhaltung, stotternde, unsichere Sprache. Das Gesagte selber kann ein weitaus subtilerer Indikator für Lügen sein: indirekte Antworten, überbetonte Versicherungen, dass es „wirklich so war“ et al. Was die Körpersprache betrifft, ist man inzwischen zu der Erkenntnis gelangt, dass eine lügende Person überraschend oft mit der Hand im Gesicht rumfuchtelt. Scheinbar steckt dahinter der Wunsch, den Mund zu verbergen, aber stattdessen wandert die Hand zur Nase oder zum Kinn. Die Körpersprache Clintons im Lewinsky-Prozess war ein Fest für Analytiker dieses Gebietes.

Übrigens: Die Standardgeste für Lügen bei TV-Krimis ist das Berühren des Ohres.

Eine geschickte Inszenierung der Lüge finden wir mal wieder in den WATCHMEN, als Rorschach Ozymandias von seiner Theorie erzählt, jemand sei gezielt hinter den Mitgliedern der Watchmen her. Ozimandias erwidert, der Mörder könne auch einfach nur hinter Rorschach hergewesen sein, denn der Mann habe ja nun Feinde genug gehabt. Während der ganzen Szene wirkt Ozymandias Körpersprache, als denke er über die Theorie Rorschachs nach, er schaut gedankenvoll aus dem Fenster und auch er hat die Hand immer wieder im Gesicht, als überlege er .

Wenn wir später, nachdem wir wissen [SPOILER], dass Ozymandias selber der Mörder war, zu der Szene zurückkehren, sehen wir sie mit anderen Augen: Ozimandias vermeidet Rorschachs Blick, weil er etwas zu verbergen hat, und seine Gesten sind vielleicht doch eher Ersatzhandlungen eines Lügenden.

Das isses erstmal für heute. Ich danke mal zwischendurch allen, die den Blog lesen, nächste Woche gibt es ein kleines Interludium, bevor ich mit einigen Dialogbeispielen das Thema vorläufig abschliesse. Danach geht’s erstmal wieder um Plot.

BY THE WAY, ich war ja hier immer dran, wie es im Moment kein besseres Storytelling gäbe als in guten TV-Serien, was auch nicht weiter verwunderlich ist, wenn sechs Leute allein mit dem Schreiben und Editieren eines Dialoges beschäftigt sind, aber eine Serie, die ich entdeckt habe, brummt tatsächlich auf Augenhöhe mit einer TV-Produktion: die Vertigo-Serie SCALPED von Jason Aaron, deren siebter Sammelband vor einiger Zeit erschienen ist. Ich glaube, dass sich Aaron viel von HBO et al abgeschaut hat, unter anderem das Prinzip „Präsentiere ein Arschloch als Held, und dann führe Charaktere ein, die den Held wie ein Unschuldslamm erscheinen lassen“, aber Storytelling, Inszenierung, Dialoge, Charaktere, alles bewegt sich auf einem sehr, sehr hohen Niveau. Es ist, als spiele THE SHIELD in einem verkommenden Indianerreservat. Die erste Ausgabe kann komplett online gelesen werden.

Be good, viele Grüße, Spong

Sonntag, 5. Juni 2011

Sei nicht so von oben herab: Ein Schlaglicht auf Perspektive im Dialog und allgemein

Hallo und guten Tag, ich begrüße euch zu einer neuen Folge von DER COMIC IM KOPF, und bei mir im Studio ist heute mein geschätzter Zeichenkollege Leonardo da Vinci. Hallo Leonardo.

Leonardo: Ja Tach.

DCIK: Leonardo, was wäre deiner Meinung nach das erste, was Zeichner lernen sollten?

Leonardo: Perspektive.

DCIK: Ach Kacke. Wieso das denn.

Leonardo: Ich weiss, die meisten schieben Perspektive vor sich her wie einen lästigen Arzttermin ….

DCIK: ...weil Gesichter und Figurenzeichnen soviel interessanter ist …

Leonardo: …. aber nur wenn du Perspektive draufhast, kannst du Personen aus jedem beliebigen Winkel zeichnen. Und das erweitert deinen erzählerischen Horizont beträchtlich.

Mal gucken, was Perspektive im Erzählen für uns tun kann ...

Himmelhoch jauchzend, am Boden zerstört: Perpektiven und ihre Subtexte

Die Perspektive von Macht und Stärke: die Untersicht (Low angle)

Ein typisches Superheldencover, wie dieses hier arbeitet mit Vorliebe mit der Perspektive, die UNTERSICHT genannt wird. Wir nehmen den Blickwinkel von unten ein, als wären wir ein geschlagener Gegner, der vor den Helden auf dem Boden liegt. Die Untersicht lässt Objekte stärker, größer, mächtiger wirken. Den Effekt kann man subtil einsetzen oder überzeichnet, wie es häufig passiert, wenn zB jemand eine Wache auf eine andere Person richtet.

Bild: Der Gunpoint wird sehr gerne von oben eingenommen, damit wir mehr Schiss kriegen.

Die Perspektive der Niederlage: Aufsicht (High angle)

Im Gegensatz dazu lässt ein erhöhter Blickwinkel die betrachtete Person kleiner und schwächer erscheinen. Die nachfolgenden Bilder haben alle denselben Satz, aber verschiedene Subtexte (draufklicken für eine vergößterte Ansicht):


Schiefgelaufen: Die Schrägsicht (dutch angle oder
Batman angle)

Die Schrägperspektive, oder Dutch angle, raubt dem Bild den Horizont, und wird mit Vorliebe für, naja, schräge Gestalten oder Situationen verwendet. Wenn du morgens in die Küche kommst, um die einen Kaffee zu machen, und am Küchentisch sitzt ein riesiges Insekt, wäre das der pefekte Moment für eine Schrägsicht. Dieser Blickwinkel erweckt den Eindruck, als als bekäme der Betrachter etwas wackelige Knie beim Anblick des Gezeigten. Es hat einen Beigeschmack von Verwirrung, Instabilität, Bedrohung und Andersartigkeit.

Bild eins: WIR HABEN SCHON AUF SIE GEWARTET. Ich weiss nicht, wie es euch geht, aber für mich hat diese Perspektive etwas sehr bedrohliches und kafkaeskes.

Natürlich war es auch keine gute Idee, BESOFFEN zum Bewerbungsgespräch zu erscheinen.

Bild zwei: Hier läuft doch was schief. Die schräggestellte Erde hinter der guten Frau suggeriert, dass sie etwas überraschendes, unerwartetes erfährt.

Bild drei ist einfach nur ein Beispiel, wie diese Perspektive das Gefühl der Instabilität und Verwirrung unterstützen kann.


Ganz nebenbei: die entstehenden Diagonalen erzeugen ein starkes Gefühl der Bewegung.

Im Design gelten horizontale und vertikale Linien als ruhig, seriös und konservativ, jede Art von Bewegung, Unruhe und Dynamik wird durch diagonale Linien erzeugt. Die Diagonale spielt eine wichtige Rolle bei der Darstellung von Action und Bewegung, und wird uns dort nochmal begegnen.