Sonntag, 29. Mai 2011

Wie steh ich denn jetzt da? Stellung, Blickwinkel und Perspektiven bei Dialogen

Heute geht’s ein bisschen über Cinematograhie, oder weniger großspurig gesagt die Inszenierung einer Szene allgemein und eines Dialoges im Besonderen. Ein Moment kann unterschwellig und unausgesprochen viel kommunizieren, allein dadurch, wie Personen zueinander stehen und aus welchem Blickwinkel sie betrachtet werden.

Von nah und fern: Kameraterminologie und die Anwendungsgebiete und Subtexte der Einstellungen

Bevor wir dazu kommen, noch ein bisschen Diskurs über „Kamera“-Einstellungen aus dem Blickwinkel Weit versus Nah, und wann diese Einstellungen angewandt werden. Eine schöne Zusammenfassung liefert der Wikipediaartikel zu den Einstellungsgrößen.

Supertotale / Totale / Halbtotale:

Hier sehen wir Städte, Gebäude, Straßenszenen. Alles ,was „total“ ist, wird eingesetzt, wenn der Ort hervorgehoben werden soll oder wenn Godzilla ins Bild kommt.

Besonderer Fall: Der Establishing shot

Der Establishing Shot verdient eine besondere Erwähnung. Während ich das hier schreibe, sitzen hunderte von angehenden Autoren vor ihren Rechnern, öffnen ein neues Word-Dokument und schreiben

Szene eins. Establishing Shot. Ein Restaurant am frühen Abend.

… und während sie ESTABLISHING SHOT schreiben, läuft ihnen ein Schauer über den Rücken, weil sie sich ausdrücken können wie die PROFIS. Also das Wort unbedingt merken, wenn man auf DICKE HOSE machen will. Ich persönlich bevorzuge ORTSBEFINDUNGSVERDEUTLICHUNGSBILD, aber ich bin da auch der einzige.

Der Establishing Shot befindet sich häufig links oben auf einer Comicseite und verdeutlicht (was sehr wichtig ist) wo in GOTTES NAMEN wir uns eigentlich befinden. Der Klassiker ist zB die Totale eines Restaurants, um zu klären wo man ist, und danach sieht man zwei Leute an einem Tisch, und der Hintergrund braucht sich ab jetzt nur noch auf ein Minimum zu beschränken, weil der Standort ja geklärt wurde. Auch bei Serien ist das erste Bild einer neuen Szene oft die Totale eines Gebäudes, Raumschiffes oder was auch immer.

BTW: Man kann die Leser ein bisschen baumeln lassen, indem man den Effekt umkehrt, und zunächst nur Details zeigt, erst vielleicht eine Hand mit einem Glas, dann die Person, die es hält, dann zwei Sprecher, während der Leser sich fragt, wo wir uns eigentlich befinden. Bis wir ihm diese Information schliesslich liefern.

Halbnahe Einstellungen:


Hier geht’s um die Figuren, zum Beispiel im Gespräch, wenn neben Mimik die Gestik, die Position und die Körpersprache eines Sprechers wichtig sind.


Nahe Einstellungen (Close-ups)





Je wichtiger die Mimik einer Person wird, desto näher gehen wir heran, und generell kann man sagen, näher bedeutet fast immer auch eine Steigerung der Intensität. Extreme Close-Ups auf zB nur die Augen oder nur den Mund (seltener: nur die Nase) werden eingesetzt, um besonders intensive Sätze zu unterstreichen. Wenn wir so was sehen:





....denken wir unwillkürlich, dass der Typ etwas ganz anderes, wichtigeres vorhat, als einfach Zigaretten zu holen.

Wie steh ich denn jetzt da: Die Stellung der Sprecher zueinander

1. Die Sprecher sind einander zugewandt

Das ist wohl die häufigste Position, die Menschen einnehmen, wenn sie mit einander reden. Sie schauen sich in die Augen und tauschen sich aus. Diese neutrale Sprechposition wird gerne mit dem sogenannten „Schulterschuss“ inszeniert: Man sieht von der einen Person den Hinterkopf, von der anderen das Gesicht und schwenkt wieder zurück.





Adrian Tomine ist einer der Autoren, die sich sehr viel mit Cinematographie befasst haben, und setzt den Schulterschuss oft ein. Generell sind viele Dialog von Adrian Tomine Lehrstücke in Inszenierung. Diese Seite zum Beispiel: Wer will die Kommunikation, wer verweigert sie?


Subtext: Konkurrenz

Nur ein, zwei geschickte Zutaten, und wir haben eine schöne Konkurrenz / Duell-Situation. Das kann durch Perspektive geschehen, wenn eine Figur auf die andere „herabschaut“, oder durch Körpersprache, zB durch verschränkte oder in die Hüften gestütze Arme oder das Eindringen in den personal Space des anderen. Besonders häufig wird die Duell /Konkurrenzsituation im Comic inszeniert, indem wir abwechselnd das das eine Gesicht sehen, dann das andere, dann wieder das eine.


2. Die Sprecher stehen Schulter an Schulter

Schulter an Schulter hat zuallermeist einen gelassenen Charakter. Es kommuniziert, dass sich die beiden Sprecher so gut kennen, dass sie einander nicht anzuschauen brauchen, um zu kommunizieren. Wenn sie beide in die selbe Richtung schauen, „sehen sie die Sache gleich“.

Subtext: Scheideweg

Man kann sich ein Paar vorstellen, die im Bett sitzen und einen Rückschlag in ihrer Beziehung zu verdauen haben. Beide sitzen Schulter an Schulter, sehen in dieselbe Richtung.

Sie: Ich will nicht, dass wir uns trennen.

Er. Ich auch nicht.

Je weiter die Blicke auseinandergehen, desto weiter entfernen sich auch die Sichtweisen der Sprecher.

In CHASING AMY erwischt Banky seinen engen Freund Holden mit Alyssa im Bett, einer – vormals- lesbischen – Freundin Holdens, die er immer als Gefahr gesehen hat. Er geht raus und setzt sich auf die Treppe vor der Tür. Holden folgt ihm kurze Zeit später. Während die beiden sich unterhalten, schauen sie zumeist in verschiedene Richtungen. Es wird klar, dass sie jetzt, zumindest privat, getrennte Wege gehen werden.

Vermaledeiterweise ist das einzige Bild, das das Internet davon hergibt genau der Moment, wo sie einander zugewandt sind. But you het the idea.


3. Beide Sprecher sind abgewandt

Wenn beide wegschauen, gibt es zumindest kein Machtgefälle. Es kann eine gelassene, souveräne Situation ebenso wiedergeben wie eine Distanz, die aber von beiden gewollt ist. Auch hier ist die Körpersprache sehr wichtig.

4. Ein Sprecher ist abgewandt: Subtext Macht und Abhängigkeit

Ungleiche Machtverhältnisse und damit Spannung signaliseren Stellungen, in denen ein Sprecher die Kommunikation, den Augenkontakt sucht, den der andere Sprecher verweigert.

Wenn die beiden hintereinanderstehen, fühlen wir mehr mit der Person, die uns näher steht und oder uns anschaut. Es hat die starke Konnotation, dass er einen (neuen) Weg einschlägt, auf dem ihm der zurückbleibende Sprecher nicht folgen kann oder soll.

Vergleicht mal diese beiden Panels. Mit wem identifizieren wir uns jeweils? Verlassen wir, oder werden wir verlassen?


























Spezialfall: Der rechter Winkel

Wenn beide Sprecher in einem rechten Winkel zu zueinander stehen, sind die Machtverhältnisse ambivalenter: Der Kontaktsuchende kann der Bittende sein, der in einer schwächeren Position ist und dem der Blickkontakt verweigert wird, um zu demonstrieren, wer hier dominiert. Oder verweigert die andere Person den Blickkontakt, weil sie einer Wahrheit nicht ins Gesicht sehen will und etwas zu verbergen hat?

Hier ein Dialog aus BATTLESTAR GALACTICA, an den ich öfter denke. Neben der Inszenierung ist für mich das Beeindruckende, wie der Dialog mit Rollen spielt, hinter denen sich die Figuren veschanzen.

Die Vorgeschichte: Commander Adama hatte zwei Söhne. Er selbst ist Soldat mit Leib und Seele, und wünschte sich auch für seine Söhne einen militärische Karriere. Sein Sohn Lee war dafür geeignet und ist ein profilierter Pilot. Sein Sohn Zach war für etwas anderes geschaffen; er hat die Laufbahn eingeschlagen, um vor seinem Vater zu bestehen, und ist bei einem Flugmanöver gestorben. Zum Augenblick der Szene ist die Beerdigung bereits zwei Jahre her, und Vater und Sohn sprechen zum erstem Mal wieder miteinander. Es gab eine Ansprache, bei der beide anwesend sein mussten.

Die Veranstaltung ist vorbei, Lee wendet sich zum gehen.


Achtung, wichtiges Wort: Der Establishing shot.

Adama wird seinem Sohn während des ganzen Gespräches nie in die Augen schauen. Er bleibt immer abgewandt Die Kamera wechselt zwischen dem abgewandten Gesicht Commander Adamas und dem Gesicht Lees, das im Verlauf des Gesprächs sehr, SEHR emotional wird.

Commander Adama: Willst du … n Kaffee?

Der Commander bietet Kaffee an, giesst er sich etwas eindeutig prozentigeres ins Glas. Er kann die Situation nur mit Alkohol durchstehen.

Lee: Nein, Sir. Danke, Sir.

Lee verharrt in seiner Rolle als Untergebener. Er will ausdrücklich auf dieser Ebene bleiben.

Commander Adama: Gratuliere zur Beförderung [zum Captain]. Tut mir leid, dass ich nicht dabei sein konnte.

Lee: Danke Sir.

Er wendet sich zum Gehen.

Commander Adama: Wie geht’s deiner Mutter?

Lee: Sie heiratet wieder.

Commander Adama: Gut für sie.

Wir haben vor einem Jahr noch mal gesprochen. So richtig von Mensch zu Mensch. Das war gut.

Lee: Freut mich zu hören, Sir. Wäre das dann alles?

Commander Adam: Warum sprichst du nicht mit mir, Lee?

Lee: spöttisch Wo-worüber willst du denn sprechen?

Commander Adama: Irgendwas. Du bist schon über ne Stunde hier.

Lee: Nun, es gibt da nichts was ich zu sagen hätte. Mein Befehl lautete, mich hier zu melden und der Zeremonie beizuwohnen. Also bin ich hier, und nehme an der Zeremonie teil. Meine Befehle sagten nichts über ein Mensch-zu-Mensch-Gespräch mit meinem alten Herrn.







Nachdem seine subtilen Andeutungen ignoriert wurden, macht Lee nochmal ausdrücklich klar, dass er kein persönliches Gespräch mit seinem Vater will.

Commander Adama: Im Militärdienst geschehen nun mal Unfälle.







Distanziert, und sachlich gesprochen, wie aus einem Gesetzbuch zitiert.

Lee: Dad, hör zu, ich …

Commander Adama: All die Sachen dir du mir auf der Beerdigung an den Kopf geschmissen hast ….

Lee: Dad, ich will das hier nicht.

Commander Adama: … all die Worte schallen immer noch in meinem Kopf, nach zwei Jahren.

Lee: Gut! Gut! Denn weißt du was? Das sollten sie auch!

Commander Adama: Zak hatte eine Wahl. Genau wie du.







Lee: „Ein Mann ist kein Mann, bis er das Abzeichen eines Viper-Piloten trägt“. Kommt dir das irgendwie bekannt vor?

Commander Adama: Das ist nicht fair, Sohn.

Lee: Nein, FAIR ist das nicht. Denn EINER von uns war nicht für die Uniform geschaffen.







Commander Adama: Er hat sich sein Abzeichen verdient. Wie wir alle.

Lee: EINER VON UNS war nicht zum Piloten geschaffen! EINER VON UNS hätte noch nicht mal die AUFNAHMEPRÜFUNG zur Flugschule geschafft, wenn sein alter Herr, sein VATER, nicht ein paar Kontakte hätte spielen lassen.







Commander Adama: Das ist übertrieben. Ich habe nichts für ihn getan, was ich nicht für jeden anderen auch getan hätte.

Lee: Hörst du mir überhaupt zu? Du willst es nicht verstehen, oder? Wann dringt das endlich mal zu dir durch: Zak hatte in diesen Flieger nichts VERLOREN! Er hätte da nicht sein dürfen! Er tat es nur für dich!







Das mach dir klar. Du hast ihn getötet.

Auch wenn Lee spricht, zeigt die Kamera auf Commander Adama, der diese schwerwiegende Anschuldigung annehmen muss. Und wir wollen sehen, wie er sie aufnimmt. Aber er kann dieser Tatsache nicht ins Gesicht sehen. Genausowenig wie seinem Sohn. Deswegen bleibt er abgewandt. He can't face it.







Der Commander holt Luft, seine Miene verhärtet sich, und er rettet sich zurück in die Rolle des Vorgesetzten.

Commander Adama: Das wäre dann alles, Captain.









Das wäre dann alles. Für diese Woche. Be good, und macht euch glückliche Zeiten. Es ist Sommer.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen