Sonntag, 22. Mai 2011

Sag bloß: Das Takten (Pacing) von Sätzen

Diese Woche geht’s ein bisschen mehr in die Mikroebene des Pacings: Wörter und Sätze, also den gefühlten Unterschied zwischen:

und

Welchen Einfluss hat das Aufteilen der Sprache und Rhythmus der Szene? Und wie bringen wir unseren Dialog am wirkungsvollsten rüber?

Von der Zügelung des Wortes

Der erste Schritt wäre erstmal, bei Schreiben selber die Zügel im Zaum zu halten. Wir alle sind zutiefst verliebt in unsere schönen Wortgebilde und sehen schon zukünftige Generationen auf unseren Gräbern heulen: Er schrieb so schön. Und am Computer macht es ja nun wirklich keinen Unterschied, ob man einen Inhalt mit zwei Worten oder zehn rüberbringt. Ist ja beinahe dieselbe Mühe. Aber es macht einen großen Unterschied beim Lesen.

Das ist einer der Vorteile des Handletterings: wenn es nervt einen Text zu schreiben, nervt es bestimmt auch, ihn zu lesen. So beschränkt man sich von vornherein auf die Worte, die nötig und dienlich sind, und schenkt sich Ausschmückungen hier und koketten Wendungen da, die den Comic schwerer lesbar machen und die Wirkung, die wir erzielen wollen, nur verwässern.

Natürlich gibt es Gelegenheiten, wo Schwadronieren und Ausschmücken Sinn macht; aber in der Mehrzahl der Fälle geht es um uns und unser Ego. Und Ego ist (fast) immer im Weg, besonders beim Geschichtenerzählen.

Streß oder Zen: das Tempo der Szene

Auch wenn eine Szene ein dynamisches Pacing hat, und mal schneller und langsamer läuft, hat sie immer noch eine Grundstimmung, und der Text passt sich der Grundstimmung an. Je introspektiver, ruhiger, quasi literarischer ein Moment ist, desto mehr Text kann er ab. Gedanken in längerem Text ist kein Problem. Wir sind schon im Ruhe-Modus.



Je mehr Tempo, Bewegung Action es hat, desto kürzer sollte man sich fassen, auch deswegen, weil die Wahrnehmung des Geschehens unmittelbarer ist:

Hier ist die Einheit zwischen Bild und Text stimmig. Wir lesen ja nicht L-a-u-f- w-e-g und so weiter. Wir nehmen den Text ebenso wahr wie das Bild: in einem Blick, und die Wirkung von Bild und Text ist direkt und unmittelbar. Je länger der Text wird, desto mehr schalten wir in den "Lesemodus": Der Text läuft erstmal durch unser Gehirn, und unser Gehirn sagt uns dann, was wir fühlen sollen. Das gewünschte Gefühl kommt an, aber sehr viel schwächer. Wenn der Text so lang ist, dass wir in den Lesemodus verfallen und den Text nicht mehr mit dem Bauch erfassen, sondern mit dem Verstand, haben wir eine Menge Wucht verloren.

Antiwortflutargument 1:
Blöcke schrecken ab und bremsen die Geschichten stark aus

Zeitungstext und viele Sachtexte sind in schmalen Spalten layoutet, weil zu lange Zeilen nachweislich nerven und ermüden. Und so geht es zumindest mir auch mit Sprechblasen. Ich habe kein Problem mit 500 Seiten Fliesstext beim Romanen, abe ich hole bereits tief Luft, wenn eine Sprechblase mehr als fünf, sechs Zeilen hat. So sind viele Texter dazu übergegangen, ihre längeren Texte zu splitten.

Antiwortflutargument 1:
Zu langer Text versaut das Layout des Panels.

Text ist schnell im Weg; alle Letterer verwenden viel Zeit darauf, die Dialoge in die Bilder einzupassen, ohne dass die Komposition oder die Information des Bildes leidet. Kyle Baker geht so weit, die Bilder komplett in Ruhe zu lassen und den Text einfach darunter zu setzen. Andere setzen auf den Splittingeffekt, den ich "die Raupe nenne".


Wann bietet es sich also an zu splitten, und wie?

Es gibt kein Rezept. Das ganze funktioniert sehr intuitiv. Aber wir können genauer identifizieren, was genau wir mit dem Splitten von Dialog erreichen.

Angenommen wir haben einen Text wie diesen hier:

Chef, wir müssen REDEN. Ich bin länger dabei als alle anderen hier, ich ARBEITE härter als alle anderen hier ... und ich verdiene mehr, als das, was Sie mir geben.

1. wir lenken das Tempo des Sprechers. Redetempo? Charakter? Stressfaktor? Oft kann man sagen, dass in eine Sprechblase das passt, was man in einem Atemzug sagen kann. Und bei plapperhaften Leuten und bei Stress - kann das eine ganze Menge sein.

Vielleicht ist der Angestellte verunsichert und ängstlich. Er will seinem Chef sagen, dass er mehr Geld will, aber er will es auch schnell hinter sich bringen.

Vielleicht ist er selbstbewusst und lässt sich Zeit.

Noch einen Tick dramatischer ....

... und wir haben das Gefühl, der Typ zieht gleich eine Knarre.

2. wir lenken durch das Splitten die Dramaturgie des Gesagten.

In diesem Beispiel kann man sich auch gut vorstellen, wie das Gesagte unterstützt würde, wenn wir die Sätze auf mehrere Panels aufteilen.

3. wir lenken das Gewicht des Gesagten.

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