Montag, 2. Mai 2011

Dialog: Von komischen Geräten

Während ich die letzten Wochen in Kommunikationstheorie watete, dachte ich mir immer wieder, wie schick es wäre, ein einfaches Tool zu haben, einen einfachen praxisorientierten Ansatz, den man wie ein Schweizer Messer aus der Tasche ziehen und anwenden kann, wenn einem ein lahmer Dialog über den Weg läuft.

Ich muss an dieser Stelle vielleicht mal das Schweizer Messer erklären: Das gabs in den Achtzigern, und fast jeder hatte so was. Es war wie das iPhone, nur ohne Display und ohne Telefon, und statt PORN FINDER und GPS hatte man Apps wie Zahnstocher und Dosenöffner. Ein einfaches, aber freudiges Gerät


Bild: Ein einfaches Schweizer Messer.

Auf jeden Fall bin ich auf dieses Tool hier verstiegen, das für mein Empfinden gut rüberbringt, worum es mir geht. Tadaaa:

Stellt euch eine Art Farbfächer vor. Der graue / farblose Streifen ist der Dialogsatz, dem man gerne etwas mehr VERVE verleihen würde. Auf diesen Satz kann man jetzt einen oder mehrere farbige Streifen legen, nämlich

  • Charakter
  • Attitüde und
  • (unausgesprochene und ausgesprochene) Ziele

Charakter“ beinhaltet neben Charaktereigenschaften wie Mut, Ängstlichkeit, Arroganz oder Schwatzhaftigkeit auch soziale und kulturelle Färbungen, wie Akzente oder Soziolekte.

Die „Attitüde steht für die Einstellung des Sprechers zu sich selbst, dem Gesprächspartner und dem Thema. Der „Einfallswinkel“, aus dem der Sprechende die Situation betrachtet. Wie ist das Verhältnis der Gesprächspartner, und wie schlägt sich das in der Weise nieder, in der sie sprechen? Nähert er sich dem Gesprächspartner mit Wohlwollen? Zuneigung? Hat das Gespräch einen Subtext von Liebe oder Sexualität? Bei Konkurrenten: von Macht? Hält einer den anderen für dümmer als sich selbst?

Die Ziele, ausgesprochen oder unausgesprochen, sind das, was der Sprechende mit dem Gesagten erreichen will. Ein Wunsch, der ausgesprochen wird („ich will mehr Geld“) oder unausgesprochen mitschwingt – ein Typ erzählt von seinem Auto, und sein unausgesprochener Wunsch ist, finde mich toll, respektiere mich, bewundere mich.

Angenommen, ein Angestellter will mehr Geld. Irgendwann wird dann wohl der Satz Ich will mehr Geld fallen. Aber wie wird die gesamte Situation geprägt durch den Charakter des Sprechers? Seine Attitude?

Angenommen, der Angestellte ist eine verängstigte kleine Maus voller Selbstzweifel. Er klopft an die Tür seines Chefs und tritt ein.

„Entschuldigung, also, störe ich? Ich hätte eine Bitte, also wenn Sie Zeit hätten? Sonst, ich kann auch später wiederkommen …“

Und wie verhält sie der vor Selbstbewusstsein STROTZENDE Schnösel, der sich für ein Geschenk Gottes an die Menschheit hält:

Er klopft und tritt ein. Natürlich ist er mit dem Chef per du.

„Dieter, wir müssen REDEN.“

„Ach, was IST denn, Stefan. Ich habe grade wirklich viel zu tun.“

„Kein Problem. Ich sage einfach was ich will, du sagst ja, und ich bin in zehn Sekunden wieder weg. Ehehehe.“

You get the idea.

Francine Prose schreibt in Reading like a writer:

„Wenn wir Menschen sprechen, kommunizieren wir nicht nur Information. Wir versuchen, einen Eindruck zu machen und ein Ziel zu erreichen. Und manchmal hoffen wir, dass der Zuhörer nicht mitbekommt, was wir nicht sagen, was wie wir befürchten, genauso hörbar ist, wie das was wir sagen. [ …]. Dialog enthält normalerweise genauso viel, oder mehr, Subtext, als er Text enthält. Unterhalb der Oberfläche ist mehr los als auf der Oberfläche. Ein Anzeichen von schlechtem Dialog ist, dass er immer nur – höchstens – eine Sache auf einmal leistet.“

Ich glaube, wenn man den Dialog aus dem Charakter heraus führt, mit einem Blick auf den Charakter, die Ziele und unausgesprochenen Wünsche der Figur, kommt man zu einem Dialog, in dem mehrere Ebenen hörbar sind, und der somit mehr Tiefe und Energie bekommt.


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