Dienstag, 19. April 2011


Charakter und Figur: Ein (vorläufig) letzter Heuler

Dieser Text beendet die erste Runde zur Wichtigkeit von ausgeprägten Charakteren für Dialoge und Plots. Auf vielfachen vereinzelten Wunsch habe ich einige Comicbeispiele dazugepackt.

Charakter und Dialog

Vor einigen Wochen sprach ich mit einem jüngeren Comiczeichner, der sich beschwerte, dass seine Dialoge immer klischeehaft und unoriginell geraten. Es stellte sich heraus, dass die Charaktere seiner Geschichten noch überhaupt nicht ausgearbeitet waren, und daran lag es dann wohl auch, dass ihre Repliken so unterwürzt waren.

Stellt euch einen Rucksacktouristen vor.

Und jetzt stellt euch vor, der Rucksack beinhaltet nicht die übliche verschwitzte Unterwäsche und die zerdrückte braune Banane, die natürlich GANZ UNTEN LIEGT, sondern Charaktermerkmale. Die Backstory der Figur. Ihre Wünsche. Träume. Ziele. Ideale. Ihr Bild von der Welt und den Menschen.


Und dieser Rucksack ist, Steampunk Style, verbunden mit dem Schädel der Figur, und färbt seinen Blick auf die Welt, und alles was er sagt und tut. Frei nach Schulz von Thun sind Worte gefärbt durch ...
  • was, und auf welche Weise, geben wir von uns preis? Wie stellen wir uns selbst dar?
  • was wollen wir (wirklich) vom Gegenüber? Anerkennung? Akzeptanz? Dass sie uns mit nach hause nimmt und mit uns schläft?
  • welche Beziehung, persönlich oder hierarisch, haben wir zum Gesprächspartner, und wie drücken wir diese Beziehung aus?
Ein Beispiel aus der Alltagswelt: Ich gehe mittags in eine Kantine, und bin, humanistischer Gutmensch der ich bin, immer bemüht, dem Kantinenpersonal gegenüber höflich und zuvorkommend aufzutreten. Wenn ich also eine blutige Haxe bestelle, sage ich "Ich hätte gerne eine blutige Haxe, bitte. Mit Pürree, bitte". Wenn ich sie dann gereicht bekommen, lächle ich, weil ich mich freue zu bekommen was ich mir wünsche, und sage ein herzliches "Danke!".

Hinter mir steht oft die Brigade einer Gebäudereinigungsfirma, und die Mitarbeiter sehen aus, als hätten sie grade LACHEND ein Massengrab geschaufelt. Sie schauen den Koch an und sagen

"SchkrischHaxemitPommes"

... und die RESPEKTLOSIGKEIT, die sie dem Koch damit entgegenbringen, treibt einen Dolch direkt in mein sensibles Empathikerherz.

Wieso sind nur alle ausser mir so unhöflich: Strip meines lieben Kollegen AE.

Ein Beispiel für sehr unterhaltsames Reden aus dem Charakter heraus, aus der Welt des laufenden Bildes, ist die erfreuliche MIRANDA BAILEY aus Grey's Anatomy. Miranda "The Nazi" Bailey ist einer meiner liebsten ausdachten Menschen, und ein extrem gewissenhafter, fähiger, fleissiger Mensch. Wenn sie redet, gibt sie Anweisungen oder sagt ihren Assistenzärzte auf sehr sarkastische und direkte Weise, sie sollen


a. ihre Zeit nicht verschwenden und
b. die Klappe halten und endlich ihre verdammte Arbeit machen, Herrgottnochmal.

Stop waistn' ma TAHM: Miranda Bailey, Working class Hero

Ihr direkter Sarkasmus ist eine andauernde Quelle der Freude in GREY'S ANATOMY. Der folgende Youtube-Clip liefert ein Best of ihrer Momente, und mein Favourite kommt ab Minute 2:30, wo Meredith (und alle anderen Assistenzärzte) sie darum bittet, statt der üblichen Betreuerungsjobs doch mal bei einer OP dabeisein zu dürfen. Baileys Antwort geht dann in etwas ...

Das ist nicht euer Job. Wisst ihr was euer Job ist? Euren Vorgesetzen glücklich zu machen. SEHE ICH GLÜCKLICH AUS? NEIN. WARUM? Weil meine Assistenzärzte RUMJAMMERN.
Wisst ihr was mich GLÜCKLICH machen würde? Wenn meine Assistenzärzte einfach mal ihre ARBEIT erledigen würden! Niemand rührt hier ein Skalpell an, bis ich so glücklich bin wie Mary "§$% Poppins.

Ein kleines Best of Miranda Bailey auf Youtube

... und so weiter, und so fort. Einen Großteil des Humors der Serie kommt aus dem Charakter von Bailey, und der Art, wie sie sich verhält. Wie Kyle Baker mal sagte: Puns are not funny. Character is funny. Es gibt ähnliche Figuren bei HOUSE und SCRUBS, die ebenso für Humor sorgen.

A character to remember: "Nicole" von Peter Bagge

Peter Bagge ist für mich DER Maestro der Charaktergestaltung. Ich habe keine Ahnung, wie der Typ das macht, aber seine Figuren wirken extrem authentisch, komplex, real und lebendig. Bei BUDDY liegt es nahe, dass viele der Figuren reale Personen wiederspiegeln, aber auch und grade die Personen in SWEAT SHOP waren großartig, und es ist umso tragischer, dass die Serie nie fortgeführt wurd.

Ein Traum von einem SHOWCASE ist die Figur der Nicole aus BUDDY BITES THE BULLET.

Nicole, erzähl uns dochmal, wie du so drauf bist.
















Nicole ist immer überall befördert worden, weil sie "Disorganisation" nicht ertragen kann, und eine Verbesserung notfalls über den Kopf ihrer Vorgesetzten hinweg durchsetzt. Vor dem Date mit Buddy, erstellt sie eine Auswahlliste mit Restaurants, und für später noch eine Liste mit möglichen Filmen, inklusive Laufzeiten. Sie hat keine zehn Sätze gesagt, aber wir haben schon eine ziemlich gute Vorstellung von Nicole. Ordnungsfreak, Kontrollfreak, Perfektionistin.

Das folgenden Gespräch - und der Sex mit ihr - wird für Buddy zu einem grotesken Erlebnis. Die Musik muss nicht gut sein, sondern modern, der Sex wird zu einer emotionslosen Sportveranstaltung, bei der sie Buddy durchrüttelt wie ein Dampfhammer, ohne selbst auch nur einen Laut von sich zu geben. Nicole will nicht, dass man sie nackt sieht, duscht vorher und nachher und hat nicht viel Vergnügen am Sex, aber sie tut es offensichtlich, um an die guten Sachen ranzukommen: Nähe, Nestwärme, echte, einfache Zuneigung. Als sie Buddy nach dem Sex fragt, ob er über Nacht bleibt, und er verneint, fängt sie an zu weinen, wird danach sehr aggressiv und während sie sich anzieht, sagt sie Und du vergiss bloss nicht, mich morgen anzurufen, sonst hast du GEWALTIGEN Ärger am Hals. Buddy lässt den Kopf in die Hände sinken und denkt Gott, what have I gotten myself into?

What indeed, Buddy.

Charakter und Plot: The Death of Speedy

Ein sehr, sehr gutes Beispiel für einen Plot, der durch den Charakter einer Figur angetrieben wird, ist gleichzeitig einer der besten "realistischen" Comicstories überhaupt: THE DEATH OF SPEEDY, eine Sternstunde von Jamie Hernandez.

Eulalio "Speedy" Ortiz ist ein junger Mexican American in einem kleinen Nest in Kalifornien. Im Verlauf des Buches erfahren wir, woher Eulalio seinen Spitznamen hat, denn "it seems like all the boy ever does is run". In seinen Zwanzigern *rennt* Speedy vielleicht nicht mehr überall hin und rum, aber sein Charakter ist immer noch sehr impulsiv, und wenn er etwas will, dann will er es sofort. Er ist impulsiv, hat, wie ein kleines Kind, nur sein eigenes momentanes Bedürfnis im Auge, ist aufbrausend und unkontrolliert, und nimmt sich spontan, was er will, ohne sich über die Folgen seiner Handlungen Gedanken zu machen.

Und dieser Charakterzug ist es, der ihn, und einige seiner engsten Freund, wie in einer Sturzflut ins Unglück treibt.

SPOILER AHEAD: Bitte nur lesen, wenn du die Story kennst, oder auf keinen Fall vorhast, sie zu lesen.

Speedy liebt Maggie, aber er kann Maggie nicht haben. Also nimmt er sich das Maggie-ähnlichste, was er finden kann. Ihre Schwester Esther. Die allerdings hat einen entscheidenen Nachteil: Sie ist die Freundin von ROJO, dem Chef der befeindeten Gang aus dem Nachbardorf. Dairytown. Rojo will mit Speedy reden, aber der lässt nicht mit sich reden. Und tritt damit eine neue Eskalation im Bandenkrieg zwischen den Dörfern Dairytown und Hoppers los.



Und als auch Esther mal nicht sofort zur Verfügung steht, schläft Speedy mit Blanka, um sich zu "rächen". Blanka nun ist davon überzeugt, dass Speedy sie liebt und ihr fester Freund ist. Und auch sie kriegt mit, dass da eine Chascarillo an Speedy interessiert ist. Aus ihrem Blickwinkel versucht da ein fremdes Mädchen, sich an IHREN Freund ranzumachen. Sie trommelt ein paar Freundinnen zusammen und bedroht Esther. Maggie stellt sich schützend vor sie und wird verdroschen.

Auf dem Weg nach Hause begegnen Maggie und Esther ein paar ihrer Freundinnen, die fragen, wer Maggie Nase blutig geschlagen hat. Maggie will es nicht verraten, aber Esther, die ebenso töricht, impulsiv und gedankenlos ist wie Speedy, gibt Blanka preis.

Unterdessen ist die Gang von Dairytown in Hoppers unterwegs, um Speedy einen Denkzettel zu verpassen. Tito, ein Freund Speedys, gibt sich als Speedy aus, um endlich zu erfahren, weshalb alle Welt Speedy sucht, und wird ins Gesicht geschossen.

Er wird ein Auge verlieren.

Maggie erfährt von dem Unglück, das Tito wiederfahren ist, und eilt ins Krankenhaus, um zu erfahren, wie es um ihn steht.

Während sie wartet, sieht sie, wie Blanka in einer Bahre ins Krankenhaus getragen wird.

Ihr wurde so zugesetzt, dass sie künstlich beatmet werden muss.

Am Ende der Geschichte sieht Speedy den riesigen Scherbenhaufen, den er verursacht hat. Er halt allen Menschen, die er liebt, nur Leid zugefügt. Und er weiss nur einen Weg, um mit dieser Erkenntnis umzugehen.

Ich hoffe, ich konnte rüberbringen, was ausgeprägte Charaktere für eine Story bringen können. Tatsächlich kann ich mir eine Story, in der Figuren ohne Eigenschaften auftreten, nur sehr schwer vorstellen.

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