Freitag, 4. März 2011

Was macht eine Geschichte „gut“, Teil 6 von 7: Die Inszenierung

Eine gute Inszenierung

Die Inszenierung ist letztendlich der Punkt, in dem alles zusammenkommt. Inszenierung ist ein derart umfassendes Thema, dass wir am besten mal kurz halt machen und inventarisieren, was genau es eigentlich zu inszenieren gibt.

Robert McKee unterscheidet in seinem genialen STORY drei Kategorien, die dargestellt werden können, und stellt dabei Vor- und Nachteile der Medien Buch, Theater und Film einander gegenüber:

- Gedachtes und Gefühltes: Das innere Leben einer Person. Laut McKee ist die Belletrisik die beste Form, um Gedanken und innere Gefühlswelten wiederzugeben. Für die Leinwand sind Gedanken und Gefühle sehr schwer übertragbar, schlicht, weil man sie nicht sieht. So strampeln sich Generationen von Schauspielern dabei ab, komplexe Gefühlswallungen in einem Gesichtsausdruck unterzubringen.

- Gesprochenes, Monologe und vor allem Dialoge: Laut McKee ist das gesprochene Wort am besten im Theater aufgehoben, wo man den Sprecher unmittelbar erleben kann.

- Action: Konkrete Ereignisse: Rumknutschen, Kloppen, Verfolgungsjagden, jede Art von körperlicher Handlung. Laut McKee ist hierfür das Kino prädestiniert, schlicht wegen seiner bewegten Bilder. In den allermeisten aktuellen Animationsfilmen untermalen die Figuren jeden ihrer Sätze mit einer übertrieben aufwendigen Gestik, und ca. alle acht Minuten gibt es irgendeine Renn-Jagd- oder Stolpersequenz. Man hat das Medium der bewegten Bilder, also wird bewegt, was das Zeug hält. Im Vergleich wirken alternative Produktionen wie Mary und Max geradezu erholsam.

Wäre es nicht interessant, mal zu überlegen, welche Sachen das Medium COMIC gut kann?

Gedachtes und Gefühltes:

Das kann der Comic sehr, SEHR gut. Im ersten Buch von Scott Mccloud ist ein kleines Panel abgebildet, in dem eine Frau mutterseelenallein im Regen auf einer Straße geht. Darüber ein Text: Vielleicht werde ich sehr lange alleine sein. Ein sehr eindringlicher Moment. Das Bild gibt uns alle Information die wir brauchen, wir erfassen die Situation innerhalb einer Sekunde. Ein Schriftsteller müsste die ganze Szenerie erstmal darstellen. Das Theater ist in seiner Kulisse eingeschränkt. Der Film erreicht viel Emotionalität über den Einsatz von Musik, aber für das Wiedergeben von Gedanken muss er auf den faulen Trick des Voice-over zurückgreifen. Und tatsächlich glaube ich, das die Intimität des Lesens der Wiedergabe von Gedanken und Gefühlen sehr weiterhilft.

Innere Monologe und gesprochene Gedanken gibt es oft im Comic, und das schicke ist, dass man die Gedanken mit allen Arten von inneren oder äusseren Perspektiven und Dimensionen untermalen kann: Man kann den Protagonisten zeigen, der durch die Straßen schlendert, oder wie er andere, handelnde Personen beobachtet. Es gibt von Daniel Clowes einen wunderbaren kleinen Comic über einen Typ, der auf einer Party rumsitzt, auf der er niemanden kennt. Wir sehen was er sieht, und wir wir lesen dazu seine Gedanken.

Mein lieber Freund Andreas Eikenroth in seinem Buch TAGE AUS BLEI hat den Text eines befreundeten Autors illustriert. Der Text ist ein einziger innerer Monolog, mal sehen wir die Welt, in der der Autor schaut, mal sehen wir seine Träume und Fantasien in Bildern dargestellt.

Ein Gedankenspiel: Der Roman INTIMACY von Hanif Kureishi handelt von einem Mann Anfang vierzig, der seine - glückliche - Familie verlässt, um zu einer anderen Frau zu gehen. Der erste Satz des Romanes lautet:

„Es ist die traurigste Nacht, denn ich gehe, und ich komme nicht zurück.“

Angenommen, wir würden die Geschichte als Comic umsetzen - es gibt unendlich viele Möglichkeiten, diesen Satz zu visualisieren. Der erste Impuls ist vielleicht, einen Typ mit Koffer abzubilden. Was wäre aber, wenn wir den Satz aufteilen? Wir zeigen das Haus, dann den Mann, der ein letztes Mal in alle Zimmer schaut, wo seine Frau und die Kinder schlafen, und darüber läuft, in langsamem Takt der Text.

Gedanken kann der Comic sehr, sehr gut.

Dialoge

Auch für den Dialog, glaube ich, ist der Comic ein sehr gutes Medium. Wir können die „Kamera“ steuern wie wir wollen, die Sprechenden zueinander anordnen wie wir wollen, wir können ganze Staturen zeigen oder nur die Augen. Wir können die Personen zeigen, oder ganz andere Dinge, Gegenstände oder Räume, auf die das Auge des Betrachters fällt, oder Assoziationen des Zuhörers zum Gehörten. Die Lösung der Sprechblase, die mit einem, ähem, Zipfelchen oder Strich auf den Sprechenden deutet, ist etwas gewöhnungsbedürtig, aber hat mal sie einmal akzeptiert, eignet sich der Comic für sehr eindringliche Dialoge. Einige Zeichner, wie der Kyle Baker, gehen ihre eigenen Wege, indem sie z.B. die Dialogtexte wie Untertitel unter den Panels laufen lassen.

http://cdn.comicartfans.com/Images/Category_6686/subcat_45440/KyleBaker.jpg


Dialog kann der Comic sehr, sehr gut.

Action

Absurderweise denke ich, dass der Comic Bewegung am schlechtestens darstellen kann. Im Theater kann man die Leute rumrennen und umfallen lassen, im Kino kann man Verfolgungen und Rasereien sehr fühlbar wiedergeben. Der Comic hat ein paar kleine Tricks, wie das Aufbrechen der Panelrahmen oder die Bewegung einer Figur gleichsam aus der Seite heraus auf den Leser zu, doch am Ende des Tages bleibt die Zeichnung eine statische Zeichnung, und der Comic als ganzes ein vergleichsweise statisches Medium. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet der Comic seit jeher, und immer noch, im Schwerpunkt Action-lastige Stories hervorbringt, in extremem Maß im US-Comic, im minderen, aber doch großen Maß im japanischen und frankobelgischen Comic. Vielleicht erklärt dies auch, warum Marvel und DC als Comics ständig Leser verlieren, während die Film fast durch die Bank enorme Blockbuster sind: Der Film kann Bewegung einfach um ein Tausendfaches besser. Ein Mediumswitch wie FIREFLY, die großartige TV-Serie, die dann abgesetzt und als Comic weitergeführt wurde, führt einem genau das mit jeder Folge neu vor Augen. Schön dass es weitergeht, der Comic ist gut aber ... man kann nicht umhin zu denken, dass die Story als Film tausendmal mehr rocken würde.

To be continued …

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