Montag, 7. März 2011

Sag A! oder Die Steckengebliebene Geschichte

Eigentlich ist das Leben so einfach wie schlechter Sex: Wenn wir ein Ziel erreichen wollen, informieren wir uns, wie man dorthin kommt, und gehen bei „A“ los. Und kommen irgendwann bei Z wie Ziel an.

Aber das Problem ist: Wer sagt uns, wo das „A“ ist? Oder welches von den vielen „A“s wir nehmen sollen?

Jeder von uns kennt den Typus des Erreichers. Sie sind immer ordentlich angezogen, etwas zu formell für unseren Geschmack. Sie sind sehr pünktlich und verlässlich, aber ihre Witze sind schlecht, und sie haben einen Stock im Arsch. Aber eins müssen wir ihnen leider lassen: Sie erreichen immer ihre Ziele. Sie schaffen immer alles, was sie sich vornehmen. Und ihr einfacher Trick ist, dass sie ihr „A“ immer finden.

Was ihnen auch noch weiterhilft, ist, dass sie sich zumeist nicht für besonders spektakulär oder talentiert halten. Sie verbringen im Vergleich zu uns erstaunlich wenig Zeit damit, rumzusitzen und sich toll zu finden. Sie setzen sich hin und machen was auch immer sie machen wollen. Am Ende des Tages haben sie vielleicht eine kleine Blume aus dem Aquarelllehrbuch abgemalt. Wir schauen spöttisch drauf, aber vielleicht war das genau der Buchstabe der gerade anlag. Sie beenden ihre Arbeit, heften sie ordentlich ab, räumen ihren Schreibtisch auf und gehen ins Bett.

Während wir vor lauter großspurigen Projekten gar nicht aus und ein wissen und uns den Tag damit vertreiben, in Gedanken Dankesreden für Preise zu halten, Serien zu gucken oder an uns rumzuspielen. Wir beenden den Tag mit ein paar benutzten Taschentüchern, großen Plänen und dem Gefühl, dass wir geniales zustande bringen könnte.

Wenn man uns nur LIESSE.


Die Galerie des Scheiterns
  1. Ich und 1000 Seiten
    Der ungeschlagene Klassiker ist immer noch das Erstlingswerk, das direkt 1000 Seiten haben soll – der erste Band, wohlgemerkt (die Serie ist erstmal auf sieben Bände angelegt, dann mal sehen).
    Ich habe Dutzende dieser Geschichten erlebt. Komplette Welten, Kriege, Dynastien werden erschaffen, ganze Clans von Vampiren, Halbdämonen oder Dunkelelfen, und allein die Vorgeschichte ist länger als das Telefonbuch von Berlin. Solche Geschichten werden NIE beendet. Nicht selten, mind you, sondern nie. Von zehn Projekten dieser Art scheitern zehn. Es käme eben auch niemand auf die Idee, einen Marathon zu laufen, ohne je trainiert zu haben.

Ein netter Trick ist, sich aus der Endlosgeschichte eine kleine Episode herauszupicken, die für sich stehen kann, und sich erstmal an der zu versuchen. Es gibt viele Beispiele für längere Geschichten, die in einzelnen Episoden erzählt werden. DER LANGE WEG ZU ZWEIT von John Updike zum Beispiel ist ein Band von 12 Kurzgeschichten, die alle Szenen einer Beziehung darstellen. Nach demselben Prinzip funktionieren auch die Filme SZENEN EINER EHE oder 5X2 (ich erwähnte das episodische Erzählen bereits an anderer Stelle). Man hat immer eine komplette Geschichte, aufgelöst in einzelne Episoden, die genauso gut für sich alleine funktionieren.

  1. Ich und die 1000 Projekte
    Sich für ein Projekt zu entscheiden, heißt, sich von Dutzenden anderen Projekten zu verabschieden, die am Ende - wer weiß? sogar noch toller oder profitabler gewesen wären. Die Welt ist voll von Menschen, die, aus Angst, die falsche Entscheidung zu treffen, gar keine treffen. Vielleicht doch der Roman? Oder das Drehbuch? Oder die Kriegsgeschichte? Der Cartoonband? Wie mein lieber Freund und großartiger Kollege Horus einmal sagte: Wer sieben Projekte hat, hat sechs Probleme.

    In dem Fall hilft wohl nur, tief Luft zu holen und sich für ein Projekt zu entscheiden, das dann aber auch durchgezogen wird. Die gute Nachricht: die besten Ideen kommen nicht im Vorfeld, sondern beim Machen der Geschichte selbst.
  2. Die Geschichte kommt nicht aus den Füßen.
    Wenn eine Geschichte nicht in Gang kommt oder in der Mitte hängen bleibt, kann das viele Gründe haben. Der beliebteste ist, dass die Charaktere unzureichend definiert sind. Ein starker Charakter wird im Idealfall die Geschichte von selbst schreiben. Wenn ein netter Normaltyp in einem Café eine sauere Milch serviert bekommt, ist das keine Geschichte. Wenn Klaus Kinski oder Prince eine sauere Milch bekommt, können wir davon ausgehen, dass der weitere Verlauf zumindest unterhaltsam wird.

    Ein guter Plot ist eine feine Sache, aber oft sind es die Charaktere, die im Gedächtnis bleiben. Ich erinnere mich nur an wenige Episoden der SOPRANOS, aber ich erinnere mich sehr gut an Tony Soprano. Es ist eigentlich immer hilfreich, erstmal einen interessanten Charakter zu entwerfen, dem der tolle Plot dann passieren kann.

    Andere mögliche Gründe sind, dass dem Autor noch nicht ganz klar ist, was genau er erzählen will, dass er unzureichend geplant hat oder die Ausgangsidee keine ganze Geschichte trägt.

  3. Zuviel Anlauf, zuwenig Rennen – oder umgekehrt
    Die meisten angehenden Schreiber, heisst es in BOX OFFICE POISON, verbringen zuviel Zeit mit Angehen und zuwenig Zeit mit Schreiben. Stephen Pressfield beschreibt in seinem wunderbaren Buch THE WAR OF ART eine Kraft, die er RESISTANCE nennt, und die uns daran hindert, unsere Ziele anzugehen. Alle Energie in die Vorbereitung zu stecken, in dem man zB nach dem perfekten Stift sucht oder ein Lehrbuch nach dem anderen verschlingt, oder wenn man wartet, bis die Umstände perfekt sind –all das sind Mechanismen der RESISTANCE. Es schadet nicht, gut vorbereitet zu sein; aber ich kenne viele Menschen, die sich seit Jahren vorbereiten, und viele haben schon vergessen, worauf eigentlich.

    Es gibt auch den umgekehrten Fall, und das ist ein Typus, dem ALLE schon mal irgendwo begegnet sind. Sie tun alles Lehrbücher und Kurse als unnötig ab, haben das Selbstvertrauen eines Sonnengottes und sind der festen Überzeugung, dass alles, was sie machen, jede einzelne Idee, sehr, sehr gut ist. Ihr Problem ist allerdings nicht, dass sie ihre Stories nicht beenden: ihr Problem ist eher, dass die Charaktere klischeebeladen oder unausgegoren ist, die Story schreit zum Himmel vor Verzweiflung, und die Gestaltung ist, nun ja, nicht so genial, wie der Autor glaubt. Und so wie manche Männer, und nicht immer die schönsten, denken, sie seien ein Geschenk an die Damenwelt, und alle Frauen, die nichts von ihnen wollen seien verklemmt oder lesbisch oder beides, so gibt es Zeichner, die, teilweise jahrelang, den hanebüchendsten Murks machen und glühen vor Ärger, dass die Welt zu BORNIERT ist, ihr Genie anzuerkennen.

    Ein weiterer Satz aus THE WAR OF ART: Wir haben kein Recht auf Erfolg. Wir haben nur ein Recht darauf, zu lernen.

    Und die Demut vor dem Handwerk ist eine der größten Lektionen, die ich in den letzten zehn Jahren lernen durfte.

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