Montag, 21. März 2011

Charakter: Die innere Gestalt

oder Welcher Typ bin ich?

Tobi Dahmen beschrieb seinerzeit mal das Phänomen, dass Menschen sich gleichzeitig abgrenzen, andererseits aber auch dazugehören wollen. Die Sehnsucht nach Einzigartigkeit geht Hand in Hand mit irgendeinem seltsamen Wunsch, sich selbst irgendwo einordnen zu können. Jeder, der mal Internet-Dating betrieben hat, kennt die immergleichen Steckbriefe und Profile mit dem Motto „Carpe Diem“, alle lesen, hören und mögen irgendwie dasselbe und behaupten stolz, sie seien „ein typischer Widder“, und der letzte Satz ist immer derselbe: Ich bin ICH!!!! Und ich werde mich für niemanden ändern!!!!!!!!!!! Nur echt mit einer Hundertschaft Ausrufezeichen.

Wenn man sich viel mit Menschen beschäftigt, kommt man schnell dahin, die Individualität, auf die in unserer Kultur alle soviel Wert legen, ein bisschen infrage zu stellen.

Es gibt Dutzende von Kategorisierungsformen, Feuer- oder Wassertypen, ayurvedische Typen, westliche und chinesische Tierkreiszeichen, alles vergnüglich und teilweise aufschlussreich.

Was die Typisierung von Charakteren betrifft, halte ich die Lehre des Enneagramms für sehr hilfreich, die neun Charaktertypen unterscheidet. Natürlich ist auch das Enneagramm nur eine Theorie, ein Lösungsansatz, aber eben der Ansatz ist für mich das interessanteste:

Das Enneagramm fragt nicht, in welchem Jahr oder Monat man geboren wurde, ob man gerne Fleisch ist oder rosige Haut hat.

Das Enneagramm versucht, zu ergründen, was die Menschen in ihrem Innersten antreibt.

Und das ist eine wichtige Frage, die man für jede Figur beantworten sollte, für die man schreibt.

Die Typen des Enneagramms liefern einen wunderbaren Werkzeugkasten als Ausgangspunkt für Haupt- wie Nebencharaktere. Natürlich gibt es solche Typen selten in Reinform. Das Enneagramm kennt viele Kombinationen von zwei oder drei Typen, und dann wird das charakterliche Profil schon sehr greifbar. Die umsorgende Figur zwei, die sich für andere aufopfert und innerlich aufrechnet, wieviel sie gibt und zurückbekommt, kommt häufig in Tateinheit mit Typ sechs, die in allem erstmal die Gefahr wittert, und deren Hauptwunsch es ist, sich in Sicherheit zu bringen.

Ich habe das Gefühl, die halbe Generation meiner Mutter ist so drauf.

Aber für alle diese Typen gilt: jeder ist diesen sei Leuten schonmal begegnet. Und das Enneagramm versucht und schafft eine Annäherung, an das, was uns antreibt, und warum.

Typ 1: Der Perfektionist

Der Perfektionist hat eine sehr deutliche Vorstellung davon, wie die Welt sein sollte, und glüht vor Wut darüber, dass nicht so perfekt ist, wie er sie gerne hätte. Der Perfektionist sieht bei allem erstmal das Haar in der Suppe.

"Ein großartiges Buch, hat mich tief berührt und mein Leben verändert. Auf Seite 172 ist übrigens ein Kommafehler."

Die "Einser" sind die Leute, die sich in Blogs darüber auslassen, was man alles bei "Herr der Ringe" hätte besser machen können (ohne natürlich selbst jemals etwas mit Film oder Drehbuchschreiben zu tun gehabt zu haben). Das sind die Leute, die in Leserbriefen auf winzige Fehlerchen hinweisen, und die Mails an Cartoonisten schicken, wenn der Affe auf dem Bild eine Banane anders hält als in "Wirklichkeit". Sie rennen rum und korrigieren und bekritteln rechts und links. Sie versuchen als allem das Optimum herauszuziehen, alles "perfekt" und optimiert anzugehen, und können Fehler und Unzulänglichkeiten - bei sich und anderen - sehr schwer verzeihen.

Wir alle haben schon Leute erlebt, die vor Enttäuschung zusammenbrechen, wenn sie statt der Eins "nur" eine Zwei bekommen haben. Und es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, welche Prägung von seiten der Eltern diesem Verhalten zugrunde liegt. Nur das Perfekte bekam die Bestätigung.

Auf der Habenseite können diese Menschen auch die Vision einer besseren, gerechteren Welt haben, und alle eigenen Bedürfnisse zurückstellen, um diese bessere Welt zu erkämpfen.

Im Alltag begegnen uns die meisten "Einser" allerdings nur als überpedantische, kleinkarierte, selbstgerechte ewige Nörgler.

Die Einser in der Story: Da Perfektionismus generell keine schlechte Eigenschaft ist, kann die "Eins" als Protagonist ebenso auftreten wie als lustiger pedantischer Kollege nerdiger Sidekick. Die Eigenschaft des Perfektionismus kann sehr komische Züge tragen.

Der Fürsorgerer

Eigentlich müsste es "die Fürsorgerin" heissen, denn dieser Typus Helfers, der im Extremfall bereit ist, sich bis zur Selbstaufgabe um die Belange anderer zu kümmern, ist oft, sehr oft, weiblich. Die "Zwei" hat immer ein offenes Ohr für die Probleme anderer, hilft mit und kümmert sich wo immer sie kann. Dahinter steht der erlernte Mechanismus, dass man nur geschätzt wird, wenn man sich selbst zurücknimmt und für andere da ist. Dahinter steht allerdings auch die Erwartung, dass man für seine Opfer als Gegenleistung gefälligst auch Liebe und Zuneigung zu bekommen hat. Viele Zweier rechnen innerlich auf, was sie geben und was sie zurückbekommen.

Der Archetyp der Fürsorgerin erscheint in Geschichten oft als gutmütige Mutter oder Oma. In vereinzelten Geschichten geht es darum, dass diese Personen, die ihr Leben für andere da waren, endlich mal die Lederstiefel auspacken und endlich losziehen und sich ihre Wünsche erfüllen. Die komplexeste "Zwei", die mir begegnet ist, ist Ruth Fischer, die Mutter des Hauses in SIX FEET UNDER.

Dieser Typus geht oft und gerne einher mit dem Typ sechs, dessen Hauptziel es ist, sich in Sicherheit zu bringen und zu bleiben.

Der Leistungsmensch

Der Leistungsmensch ist am liebsten da, wo das Geld und das Prestige ist. Es ist der umtriebige Geschäftsmann, der uns auf der Zugfahrt gegenübersitzt und acht PowerPoints vorbereitet, während er die ganze Zeit über sein Headset mit seinen Geschäftspartnern konferiert. Der Leistungsmensch hat einen enormen Output und enorm viel vorzuweisen, wobei es ihm egal ist, auf welche Weise und mit welchen Mitteln er sein Ziel erreicht hat. Er hat gelernt, dass die Eins auf dem Zeugnis zu Bestätigung führt. Dass er abgeschrieben hat, ist doch egal, oder? Auch hier kann man sich gut vorstellen, wie durch den Einfluss der Eltern eine solche Programmierung zustande gekommen ist.

Leistungsmenschen haben keine besonders ausgeprägte soziale Intelligenz, sind opportunistisch und extrem konkurrenzbewußt. Seine Werte sind nur Besitz, Prestige und erreichte Ziele.

In vielen Geschichten, speziell in Hollywood, ist ein solcher Leistungsmensch oft die zentrale Figur, die durch einen Schicksalsschlag oder eine Begegnung schliesslich lernt, worauf es "wirklich ankommt".

Der Individualist / Träumer / Romantiker / Künstler

Die "Vier" hatte entweder abwesende Eltern, oder deren Wertesystem was so weit weg vom eigenen, dass die Vier sich nach innen wandte und viel, VIEL Zeit zuhause verbrachte. Sehr häufig gehen sie ihren künstlerischen Neigungen länger nach als die meisten anderen Kinder, und finden dort ihre seelische Heimat. Sie sind hin- und hergerissen zwischen der Begeisterung dafür, wie besonders und einzigartig sie sind, und sehr ausgeprägten Selbstzweifeln oder Selbsthass. Vierer können ganze Tage damit zubringen, vor sich hin zu träumen, sich nach dem unerrreichbaren Glück und dem unerreichbaren besseren Leben zu sehnen, ohne jemals auf die Idee zu kommen, dass sie selbst Einfluss auf ihr Schicksal haben könnten.

Erinnert sich jemand an den Prinz aus "Ritter der Kokosnuss", der im Fenster sitzt und "immer nur ... singen" will? So sieht eine Vier aus. Immer in der stillen Sehnsucht nach dem unerreichbaren Glück gefangen, und gleichzeitig grenzenlos verliebt und absorbiert in sich selbst und ihre Besonderheit.

Nicht besonders zu sein, wäre die größte Katastrophe für einen Vierer.

Extrem viele Comiczeichner sind Vertreter dieser Kategorie.

Typ Fünf, der "Forscher" oder "Analytiker"

... war in seiner Kindheit soviel Enmischung ausgesetzt, sei es von seiten bevormundender Eltern oder ein Haushalt mit vielen Kindern in wenig Raum, das er bereits früh den Abstand und den Rückzug suchte. Er betrachtet das Leben und die Menschen mit Misstrauen und Distanz. Sein Antrieb ist, zu verstehen, und so liest und analysiert er. Viele Fünfer werden Wissenschaftler, Experten und Autoritäten auf ihrem Gebiet, nicht selten etwas ungelenkt im Umgang mit Menschen, einfach, weil sie es nicht gewohnt sind. Fünfer sagen wenig, wägen ihre Worte ab, aber was sie sagen, hat Substanz. Sie haben oft eine Verachtung für Banalität und Oberflächlichkeit.

In Stories tauchen die "reinen" Fünfer zumeist als THE BRAIN auf, die zurückgezogene, verschrobene oder mysteriöse Autorität mit dem Durchblick.

Typ sechs: Der Ängstliche, Besorgte, Loyale

Typ sechs war in seiner Kindheit einer derartigen Übermacht an Autorität oder Einschüchterung ausgesetzt, dass er beschloss, eh keine Chance zu haben und sofort die weisse Fahne schwenkte. Ihr Hautbedürfnis ist es, sich in Sicherheit zu bringen, finanziell, gesundheitlich oder sozial. Ich kenne Leute, die sich regelmäßig mit "Freunden" treffen, die sie noch nicht mal besonders mögen, einfach nur aus der Erwägung heraus, dass sie ja mal einsam sein könnten und sich deshalb jeden Mensch warmhalten wollen, den sie kriegen können. Sechser sehen immer zuerst die Gefahr und nicht die Möglichkeiten. Die Tante, die ihrem Neffen von der Brasilienreise abrät, weil sie einen Bericht im Fernsehen gesehen hat, wie gefährlich es dort sei. Frauen, die wohlhabende oder autoritäre Männer heiraten, um finanziell abgesichert zu sein oder keine eigenen Entscheidungen fällen zu müssen. Sechser sind schnell in der vorauseilenden Defensive: "ich kann sowas ja GAR nicht", "ich bin zu ungelenkt / zu dumm dafür". Indem sie alle ihre Entscheidungen aus dem Bedürfnis nach Sicherheit treffen, versagen sie sich viele Möglichkeiten zur Entwicklung, und treffen viele falsche, manchmal fatale Entscheidungen. Das Bedürfnis nach sozialer Sicherheit, nach der Geborgenheit einer Gruppe lässt sie zu sehr loyalen Anhängern und "Soldaten" werden, die die Ideen eines Führers oder einer Glaubensrichtung bis aufs Blut verteidigen.

Sieben: Die Enthusiasten

Siebener, sind die zweiten "Kreativen" unter den Archetypen des Enneagramms. In Reinkultur sie humorvoll, sprühend, oft etwas clownhaft, und haben eine Aufmerksamkeitsspanne von drei Sekunden und praktisch kein Durchhaltevermögen. Sie sind fasziniert und sehr begeisterungsfähig, und können in pure Arbeitswut verfallen, wenn sie von einem Projekt besessen sind. Aber sobald die nächste schöne Blume auf der Wiese sichtbar wird, lässt ihr Interesse nach. Ihr Antrieb ist die Suche nach Vergnügen, Genuss, Erleben, nach Neuem und Spannenden. Das Ergebnis ist häufig viele Talente, die nicht entwickelt werden, viele Kurzzeitpartner, viele angebrochene Baustellen, und wenig, sehr wenig, von Dauer.

Acht: Der Boss

Die "Acht" hat einen sehr, SEHR starken Willen, und tut sich schwer damit, sich unterzuordnen. Vielleicht war sie in ihrer Kindheit einer ungerechten oder willkürlichen Autorität unterworfen, gegen die sie irgendwann rebellierte. Jedenfalls kann sie schwer ertragen, gesagt zu kriegen, was sie zu tun hat. Lehrer kriegen es schnell mit ihrem oft aufbrausenden Zorn zu tun. Achter haben ein starkes Selbstbewusstsein und fordern Autoritäten heraus, weil sie sich im Recht fühlen, es besser zu machen glauben oder schlicht weil sie Autoritäten als Konkurrenten oder Gegner sehen. Die in anderen Kontexten als "Alphatiere" bekannten Wesen lieben das Aufbäumen, die Herausforderung, sich einem Befehl zu widersetzen, wie ein Hirsch, der sich in den Hörnern eines Konkurrenten verhakt.

Eine "Acht", die ich kenne, machte eine Bilderbuchkarriere beim Militär. Er wollte sich tätowieren lassen - ein kleines Symbol auf dem Arm - und fragte diesbezüglich bei seinem Vorgesetzten nach.

Der gab ihm zu verstehen, dass ein Tattoo seine Karrierechancen beeinträchtigen könnten.

Daraufhin liess sich mein Bekannter in ein Tättoostudio den kompletten Rücken zutätowieren.

Achter kriegen was sie wollen. Sie sind, wie gesagt, sehr selbstbewusst, arbeitswütig, lebenshungrig. Und je nach moralischer Festigkeit nehmen sie sich das, was sie wollen, notfalls mit Gewalt. Sie finden immer eine Rechtfertigung ihrer Handlungen, und suchen den Fehler nie bei sich. Die Machtgetriebenheit auf der einen und der, ähem, STARRSINN auf der anderen macht sie zum Protagonisten vieler Geschichten. Tony Soprano ist ein wunderbares Beispiel.

Die Neun: Der Harmoniesuchende

Irgendwo habe ich mal gelesen, die Neuner seien "das soziale Schmiermittel der menschlichen Gesellschaft". Harmonie geht ihnen über alles, sie wollen sich mit allen gut stellen und es alle recht machen. Sie sind das Gegenteil von radikal. Sie können sich hervorragend auf andere einstellen und sie geradezu wiederspiegeln. Sie finden einen Konsenz mit fast jedem Menschen in fast jedem Thema. Und dadurch, dass sie so wenig Persönlichkeit und Profil zeigen, scheinen sie als Menschen schwer greifbar, und haben sie selbst nur eine sehr diffuse Vorstellung davon, wer sie selbst nun sind. Da sie relativ wenig Zeit damit verbringen, sie selbst zu sein.

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