Sonntag, 27. März 2011

Charakter und Plot: Charakter und Herausforderung in Kurzgeschichten und Erzählungen

Ich hatte ja bereits die Character Arc an anderer Stelle erwähnt – die innere Entwicklung der Hauptfigur, geprägt durch die Ereignisse der Geschichte. Heute möchte ich diesen Zusammenhang mal ein bisschen näher unter die Lupe nehmen. Ich lege denn Schwerpunkt auf Kurzgeschichten und Erzählungen, denn in der Praxis lässt sich für viele von uns in einem absehbaren Zeitraum nichts anderes realisieren als eine Kurzgeschichte oder eine Erzählung. Daher fand ich es für mich sehr ergiebig, mich mit der Dynamik und dem Ansatz einer kurzen Erzählung auseinanderzusetzen. Und hier ist die Verknüpfung von Charakter und Handlung sehr, sehr eng. Oft wird nur ein kleiner Moment herausgepickt, der aber für den handelnden Charakter oft ein Schlüsselpunkt seines Lebens ist. Oder eine Chance, die er nicht wahrnimmt.

Einige mögliche Ansätze:

Wie ein Mensch zu dem wird, was er ist.

Wir alle werden uns unser ganzes Leben lang an eine Handvoll Ereignisse aus unserer Kindheit und Jugend erinnern, Momente, in denen etwas geschah, was uns tief geprägt hat, unseren Charakter und unsere Wertvorstellung. Wir waren danach andere Menschen als zuvor. Das Erlebnis kann inspirierend und ermutigend sein, oder der Grundstein für Angst und Unsicherheit, dass auf viele Jahre seines Lebens einen Schatten wirft.

In der vierten Staffel von THE WIRE, in der Schule das zentrale Thema ist, bekommt der 13jährige Randy fünf Dollar dafür, dass er einem Mitschüler sagt, seine Freundin warte dann und dann da und da auf ihn. Später wird er erfahren, dass dieser Schüler dort hingelockt wurde, um erschossen zu werden. Die Folge endet damit, dass er regungslos auf der Treppe vor seinem Haus sitzt. Seine Mutter ruft in zum Essen, doch er regt sich nicht. Das letzte Bild der Folge ist Randys Gesicht, den Blick starr nach vorne gerichtet. Wir können nur ahnen, was innerlich gerade in ihm vorgeht.

Eine sehr beeindruckende Wie ich wurde wer ich bin-Geschichte ist THE KILLING JOKE (dt. Bitte Lächeln) von Alan Moore, eine Geschichte aus dem Batman-Universum. Ein kleines Meisterwerk und ein Comic, aus dem jeder, in vielerlei Hinsicht, viel lernen kann. Die Geschichte verläuft in zwei Handlungssträngen: in der einen entführt der Joker den Commissioner Gordon und versucht ihn wahnsinnig zu machen; er will damit beweisen, dass jeder zum Wahnsinnigen, letztendlich zum Täter werden kann, wenn man ihn über die Klippe seines Verstandes schubst. Parallel dazu wird erzählt, wie der erfolglose Komiker, der der Joker mal war, sich in einen kleinen Raub verwickeln lässt, um mit dem Geld seiner schwangeren Frau und seinem zukünftigen Baby eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Die Geschichte stellt, wie viele Geschichten Moores, die Kategorien von Gut und Böse infrage.

What might have been oder Wie ein Mensch der Mensch wird, als der er gedacht war

Menschen werden in frühen Jahren vielen Manipulationen ausgesetzt. Vielleicht treibt sie Schikane in der Schule dazu, sich von Menschen komplett zurückzuziehen. Eltern programmieren ihre Kinder dazu, ein bestimmtes Verhalten an den Tag zu legen, um Liebe zu bekommen. Alle möglichen Zwänge und Ängste zwingen uns in Rollen, die nicht unserer Natur entsprechen. In der Generation meiner Eltern erlebe ich sehr viele Menschen, die nie die Chance bekommen haben, ein Leben zu führen, dass sie sich gewünscht hätten. Sie sind ihr ganzes Leben in Schuhen gelaufen, die ihnen nicht passten. Zwänge und Ängste haben ihr Leben bestimmt. Ich bin in meinem Leben nicht vielen Menschen begegnet, die genau das Leben führten, das sie sich wünschen.

Es gibt einen Text auf der Satireplattform THE ONION, der mir bewusst gemacht hat, wie wenige Menschen das Glück haben, ihre Bestimmung und Erfüllung zu finden. Er berichtet von einer 97-jährigen ehemaligen Postangestellten irgendwo in der amerikanischen Provinz, die stirbt, ohne sich jemals bewusst zu werden, dass sie ein ein musikalisches Wunderkind war. Sie kam einfach nie in die Gelegenheit, eine Violine in die Hand zu bekommen oder eine Ausbildung in dieser Richtung auch nur zu erwägen.

Eigentlich lese ich THE ONION, weil es kaum etwas witzigeres gibt, aber dieser Text ist das traurigste, was ich je gelesen habe.

Doch wenn wir Glück haben, erleben wir durch Begegnungen und Ereignisse einen Wendepunkt in unserem Leben, der uns klar macht, als wer wir gedacht sind, und wie wir unser Leben so führen können, dass es im totalen Einklang mit uns selbst ist. Das Glück, das Menschen ausstrahlen, die ein Leben im totalen Einklang mit sich selbst führen, ist ungeheuer und fast unerträglich. Wer mal Timo Würz erlebt hat, kriegt eine Vorstellung davon.

Viele kleinere europäische Filme handeln von Menschen, die sich auf den Weg zu sich selbst begeben. Vielleicht schaffen sie es , vielleicht nicht. Vielleicht erleben sie in ihrem ganzen Leben nur diesen einen Moment, in dem sie im kompletten Einklang mit sich selbst sind. Und kurze Geschichten sind perfekt dafür, solche Momente einzufangen.

EIN Geisterfahrer? Hunderte! Oder Die anderen sind das Problem.

Es gibt einen Witz von einem Autofahrer, der im Radio hört, dass auf seiner Autobahn ein Geisterfahrer unterwegs ist.

„EIN Geisterfahrer?“ ruft er, „Hunderte!“

Oft ist es unser eigener Charakter, in dem wir gefangen sind. Immer wieder im Leben wird es Herausforderungen geben, die uns die Chance geben, unser Verhalten infrage zu stellen. Wird diese Situation ein Wendepunkt für mich sein? Wird sie mich dazu bringen, mich zu ändern? Bin ich in der Lage, mich selbst zu reflektieren, und meine Fehler einzusehen? Führt dieses Ereignis zu einem Wendepunkt in meinem Leben, der letztendlich zu einem glücklicheren Leben führt? Bei vielen, vielen Menschen lautet die Antwort „Nein’“.

SUMMER BLONDE von Adrian Tomine kreist um eine Blondine, die Männer mit einer Salatbar vergleicht: Man nimmt sich von jedem das, was man braucht. Sie hat einen Boyfriend, von dem sie sich die „Nestwärme“ und Sicherheit abholt und eine Affäre mit Carlo, einem Musiker, der gut im Bett ist. Ein dritter, Neil, ist heimlich in sie verliebt, und spricht sie schliesslich im Supermarkt an, was komplett in die Hose geht. Als ihr Freund ihn daraufhin bedroht, steckt er ihm, dass es da noch einen anderen gibt. Er erwischt die beiden, geht mit dem Baseballschläger auf Carlos los und bricht ihm den Kiefer. Sie macht darauf hin Schluss mit ihrem Freund, und Carlos macht daraufhin im Krankenhaus Schluss mit ihr.


Am Ende der Geschichte treffen sich die Summer Blonde und Neil in einer überfüllten U-Bahn wieder. Neil ist leider gezwungen, direkt neben ihr stehen zu bleiben, weil nirgendwo mehr Platz ist. Er erklärt, dass er sogar in eine andere Gegend gezogen ist, damit sie sich nicht mehr begegnen müssen. „Sie müssen mich ja wirklich … hassen“.

„Ja … aber nicht mehr als alle anderen auch.“

SIE hasst alle anderen. Die anderen sind das Problem.

Viele Geschichten von Adrian Tomine, Chester Brown oder auch Joe Matt handeln von Menschen, die in ihrem Wesen und Charakter gefangen sind. Es kommen Herausforderungen, Möglichkeiten, Chancen, aber sie werden nicht wahrgenommen und ausgelassen, und die Menschen leben weiter wie bisher.

Guck mal, was für komische Menschen es gibt

Besonders für sehr kurze Geschichten geeignet sind Momentaufnahmen, in denen es ohne viel Plot vor allem darum geht, die Absurdität mancher Charaktere darzustellen, wie man vielleicht eine seltsame Orchidee beschreiben würde. Auch diese Menschen sind meistens komplett unbefleckt von Selbsterkenntnis, und das macht die Begnung mit ihnen so amüsant - oder ärgerlich.

"Lolita" von Dorothy Parker

Nicht zu verwechseln mit dem Roman von Nabokov. Es geht um eine aufgeweckte, extrem narzisstische Witwe, Ms. EWING, in vielerlei Hinsicht eine typische SIEBEN, deren Leben aus Party, Ausgehen und Erleben besteht. Sie ist immer überall dabei, immer mitten im Rummel. Ihre Tochter, Lolita, ist ein stiller kleiner Lesewurm, was sie mit einer Mischung aus Mitleid und Verachtung betrachtet.

Dann kommt, geradezu in JANE AUSTEN-Manier, ein reicher, schöner Mann into Town, um sich eine Frau zu suchen. Alle Frauen der Stadt fahren auf, was sie können, doch er entdeckt – ausgerechnet – die stille Lolita für sich.

Als Ms. Ewing ihn das erste Mal bei ihrer Tochter antrifft, setzt sich sich sofort dazu und mischt sich ins Gespräch, damit sich der Mann mit der Tochter „nicht so langweilt’“. Von da an kommt der Mann nicht mehr zu Besuch, sondern holt Lolita ab. Während die beiden sich immer näher kommen, äussert Miss Ewing die ganze Zeit ihr Bedauern über ihre arme Tochter, die sicher sehr leiden wird, wenn der Typ ihrer überdrüssig wird – schliesslich hat Lolita ja nichts zu bieten.

Nun, es läuft grandios mit den beiden. Sie verloben sich, und heiraten. Ab Tag der Hochzeit besäuft sich Miss Ewing gnadenlos und erzählt jedem, dass sie den Mann am liebsten selbst heiraten würde.

Lolita und ihr Mann ziehen weg und verbringen einen Großteil ihrer Zeit auf Reisen. Sie sind sehr, sehr glücklich. Einmal im Jahr kommen sie Miss Ewing besuchen, die unbeirrt weitermacht wie bisher, „denn Miss Ewing war kein Typ, der aufgibt.“

Die Gute ist derart auf dem Holzweg, und derart frei von Selbsteinsicht, dass man sich beim Lesen krümmt vor Phantomschmerz, als würde man mitansehen, wie jemand direkt auf eine Wand zufährt, ohne sie zu sehen.

Ein weiteres Beispiel stammt von dem russischen Erzähler Wassiliy Schukschin. Die Bekanntschaft mit diesem Autor, der fast nur Dorfgeschichten schrieb, ist das beste, was ich in vier Jahren Russischstudium mitgenommen habe.

In seiner Geschichte „Ein kräftiger Kerl“ (Krepkij Muzhik) geht es um den Bauarbeiter Nikolaj, der die Idee hat, die Kirche des Dorfes, aus dem 16. Jahrhundert abzureissen, weil es ja immer an Ziegeln fehlt (er will einen Schweinestall damit bauen), und die Kirche benutzt ja eh keiner mehr. Er fragt seinen Vorgesetzen, was der von der Idee hält, und der sagt so etwas wie „Pff, meinetwegen“. Es ist ihm egal.

Als das Dorf mitbekommt, dass er mit drei Bulldozern auf die Kirche zusteuert, versammeln sich alle vor der Kirche, um sie zu schützen. Der Dorflehrer stellt sich direkt vor den Bulldozer Nikolajs, um ihn aufzuhalten, aber der hält stur drauf und hätte sogar den Lehrer überrollt, wenn der nicht rechtzeitig weggesprungen wäre. Das alte Steingebäude wehrt sich, so gut es kann. Schliesslich kracht es ein.

Nikolaj ruft seinen Vorgesetzten an, um ihm mitzuteilen, dass die Mission erfüllt ist. Leider sind die meisten der Steine zu verklebt, um sie noch zu verwenden.

Es war also alles umsonst.

Ein Bauwerk aus dem sechzehnten Jahrhundert, unwiederbringlich zerstört innerhalb weniger Minuten. Für nix.

Als er nach Hause kommt, ist seine Frau ausgezogen, und seine Mutter sitzt auf dem Ofen und weint vor Enttäuschung und Scham. Sie mochte die Kirche, und sie freute sich, sie zu sehen, wenn sie Wasser holen ging. Wenn man die Kirche sah, wusste man, dass die Hälfte des Weges geschafft ist.

Nikolaj versteht beim besten Willen nicht, wo das Problem ist. Er geht in seine Stammkneipe, wo er nicht bedient wird. Alle sind wütend auf ihn.

Nikolaj versteht immer noch nicht, wo das Problem liegt.

Er steigt auf sein Motorrad und rast aufs Feld hinaus. Der letzte Satz der Geschichte ist „er fuhr gerne schnell.“

Mangelnde Fähigkeit zur Selbsteinsicht ist wie eine starke körperliche Behinderung, und kann sehr amüsante und ärgerliche Folgen für alle Beteiligten haben. Leider leiden sehr, sehr viele Menschen unter dieser Behinderung. Deswegen ist es wohl so amüsant, sich das sogenannte Arbeitslosenfernsehen anzusehen. Wir können nicht glauben, dass es solche Leute wirklich gibt.


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