Sonntag, 13. März 2011

Character revisited: die äussere Gestalt

Diese Woche geht es im weitesten Sinne um Character Design. Die meisten Comicbücher haben das eine oder andere Kapitel darüber. Zumeist werden stereotype Vorlagen geliefert: „Wie man eine Hexe zeichnet“, „Wie man einen Bösewicht zeichnet“, mit der Abbildung eines Stereotyps des jeweiligen Charakters.

Was so gut wie NIE gemacht wird, ist eine Analyse, welche äusserlichen Attribute welche Erwartungen oder Eindrücke wecken. Und hier sind wir schon bei der Physiognomik oder dem SIANG MIEN, wie die chinesische Kultur ihre Tradition des Gesichterlesens nennt. Die Physignomik ist eine PSEUDOWISSENSCHAFT, was bedeutet, dass ernsthafte Wissenschaftler darüber die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, während sie andererseits seit Jahrhunderten Verbreitung und Anwendung findet.

Die Lehre der Physignomik sollte man nicht zu ernst nehmen und mit Vorsicht genießen, denn strikt genommen steckt dahinter die Ansicht, dass man vom Gesicht eines Menschen auf seinen Charakter schließen kann. Was natürlich Unsinn ist, jedem reflektierten Menschenbild widerspricht und Tür und Tor für Vorurteile jeglicher Art öffnet. In den USA gab es in den fünfziger Jahren Leitfäden für Firmenchefs, in denen mehr oder weniger stand, dass Personen mit ausgeprägten Stirnhöhlen eher für Lagerarbeit als für die Lohnbuchhaltung geeignet sind. Das Siang Mien geht gar soweit, Gesundheit, Glück und Zukunft einer Person aus dem Gesicht abzulesen. So habe ich zum Beispiel erfahren, dass mir aufgrund der Form meiner Nase zwischen 40 und 45 eine finanzielle Durststrecke bevorsteht. Ich erwäge jetzt eine OP.

Ich hoffe ihr versteht, was ich meine. Das mit dem nicht so ernst nehmen.

Und trotzdem wendet jeder von uns die Technik des „Gesichterlesens“ unterbewusst an – wir sehen die Gestalt eines Menschen und können nicht anders, als innerlich ein Urteil zu fällen – bevor wir auch nur ein Wort mit dem Betreffenden geredet haben.

Und alle erzählenden visuellen Medien bedienen sich massiv aus genau diesen Erwartungen. Das extremste Beispiel sind die klassischen Disneys, wo man einen Blick auf die Figur wirft und bereits genau weiss, wer der Held / der Clown / der Bösewicht ist. Jede Serie, jeder Film arbeitet mit der intuitiven Erwartung, die ein Gesicht in uns auslöst.

Mal ganz ehrlich …

Wie gesagt, Physiogniomik ist mit VORSICHT zu genießen, aber ich halte es für sehr sinnvoll, dass man einen Einblick in die Techniken des Gesichterlesens bekommt. So kann man Erwartungen von Lesern an eine Figur bewusster steuern und damit spielen.

Was sagen uns also die Komponenten des Gesichtes?

Haare

Haar steht für die generelle Stärke und Wiederstandsfähigkeit. Viele Heldengestalten haben kräftige, gesunde Haare und eine volle Mähne. Brüchiges, dünnes Haar hingegen wirkt fragil und ungesund.

Die Stirn

Hinter der Stirn ist das Gehirn, und je größer es ist, so scheinen wir zu denken, desto höher der obere Teil des Kopfes. Niedrige Stirn assoziieren wir mit Urmenschen und Affen. Somit steht die Stirn und ihre Höhe für Intelligenz, und im übertragenen Sinne für alles Höhere – Moral, Idealismus, Gerechtigkeitssinn. Eine flache Stirn steht in unserem Unterbewusstsein somit für für Dummheit und Triebhaftigkeit. Wenn dann noch ein tiefer Haaransatz dazu kommt, ist der MISTER HYDE-Effekt perfekt.


Eine hohe flache Stirn spricht gemeinhin für einen sachlichen, pragmatischen Typ, während eine stark gewölbte Stirn an das Kindchenschema erinnern und besonders idealistisch, aber auch träumerisch und naiv wirkt.

Das SIANG MIEN geht sogar noch einen Schritt weiter und unterteilt die Stirn in den oberen Abschnitt, der für die Ideale und das Träumen steht, und den unteren Stirnteil, der aussagt, wie sehr die Person in der Lage ist, ihre Träume und Wünsche in der Praxis umzusetzen.

Die Augen

„Die Augen sind der Spiegel der Seele“ hat mal irgendwer gesagt, und gemeint ist damit wohl, dass wir vor allem über die Augen versuchen, den anderen Menschen zu ergründen. Große Augen machen es uns leichter, die Menschen wirken offener, zugänglicher, „menschlicher“. Menschen mit sehr kleinen Augen wirken schnell unfreundlich, unzugänglich oder berechnend. Viele Bösenwichte in Filmen haben kleine Augen, oder auch Wilson Fisk, der Kingpin:

Wenn diese Augen dann noch zusammegekniffen sind und/ oder nach unten weisen, ist das Böse vollkommen.

Große, nach oben geneigte Augen, wie Angelina Jolie sie hat, sogenannte „Katzenaugen“, werden oft Menschen zugeordnet, die wissen was sie wollen, und wie sie es bekommen. Viele Models, aber auch viele BösenwichtInnen bei Disney haben diese einerseits sehr sinnlichen, andererseits sehr berechnenden Augen.

Die Nase

Sehr grob formuliert, könnte man sagen: je breiter die Nasenspitze ist, desto geselliger und den Menschen zugewandt ist sein Besitzer. Man denke an unzählige fröhliche Köche, schwatzhafte Schutzmänner oder Dutzende von herzlichen, humorvollen, aber etwas ungeschickten SIDEKICKS, die den Helden einer Geschichte begleiten – viele von ihnen haben knollige, kartoffelige Nasen.

Im Gegensatz dazu weisen spitze, schmale Nasenspitzen auf Egoismus, Berechnung, Gefühlskälte oder gar Grausamkeit hin.

Die Backen /Wangen

Zum einen erwecken volle, runde Backen den Anschein von Gesundheit – eingefallene oder flachen Backen lassen nämlich zu sehr den „Totenkopf“ unter unserer Haut hervorscheinen, und viele Krankheiten gehen mit dem Symptom eingefallener Wangen einher.

Zum anderen gelten Menschen mit vollen, fleischigen Wangen als sehr machtbewusst und autoritär. Viele Firmenchefs und politische Führer haben enorme Backen. Helmut Kohl, anyone?

Der Mund

Der Mund steht für Kommunikation, Sprache und sinnlichen Appetit. Essen und Sex. Die Lippen symbolisieren ebenso Libido, Genussfähigkeit wie die Fähigkeit, anderen Genuß zu bereiten. Runde, volle Lippen geben uns das Gefühl, dass eine Person anteilvoll und sensibel ist. Menschen mit großem Mund sind häufig laut, besonders wenn ihnen etwas gegen den Strich geht. Klaus Kinski, der eigentlich immer Sex hatte, wenn er nicht grade schlief, hatte einen sehr breiten Mund und sehr volle Lippen. Der ebenfalls eher breitgemundete William Dafoe spielt häufig Menschen, die in ihre sexuellen Obessionen verstrickt sind.

Dünne Lippen in einem kleinen Mund sprechen für Egoismus und eventuell Boshaftigkeit. Solche Menschen erwecken oft den Eindruck, kleinlich, genussunfähig oder bitter zu sein.

Genial besetzt ist für mich in diesem Zusammenhang Ralph Fiennes, in BRÜGGE SEHEN UND STERBEN, der hier einen extrem witzigen Soziopathen spielt, der seine Wut in keiner Weise unter Kontrolle hat und das Telefon zertrümmert, als er erfährt, dass sein Befehl nicht ausgeführt ist. Alles an ihm ist klein und schmal: kleine Augen, spitze Nase, kleiner Mund, schmale Lippen.

Das Kinn

Das Kinn steht für Willen und Durchsetzungsvermögen. Ein stolzer, selbstbewusster Mensch trägt sein Kinn weitaus höher als ein ängstlicher, unsicherer Mensch. Ganz deutlich sieht man das bei den Disney-Helden, die fast immer einen Kiefer von der Größe einer Badewanne haben.

Ein Sonderfall ist das spitz zulaufende Bösewicht-Kinn, was Hexen oft haben. Sie haben somit einen starken Willen – eine Hexe, der es egal ist, ob Hänsel und Gretel in ihr Häuschen kommen, wäre auch keine gute Story – aber eben niedere Absichten. Alles gebogene im Gesicht erweckt generell einen komischen Eindruck.

Leute mit fliehendem Kinn wirken auf der anderen Seite oft verängstigt, eingeschüchtert, willenlos und sehr, sehr passiv, und mögen keinen Pflaumenkuchen.


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