Sonntag, 27. März 2011

Charakter und Plot: Charakter und Herausforderung in Kurzgeschichten und Erzählungen

Ich hatte ja bereits die Character Arc an anderer Stelle erwähnt – die innere Entwicklung der Hauptfigur, geprägt durch die Ereignisse der Geschichte. Heute möchte ich diesen Zusammenhang mal ein bisschen näher unter die Lupe nehmen. Ich lege denn Schwerpunkt auf Kurzgeschichten und Erzählungen, denn in der Praxis lässt sich für viele von uns in einem absehbaren Zeitraum nichts anderes realisieren als eine Kurzgeschichte oder eine Erzählung. Daher fand ich es für mich sehr ergiebig, mich mit der Dynamik und dem Ansatz einer kurzen Erzählung auseinanderzusetzen. Und hier ist die Verknüpfung von Charakter und Handlung sehr, sehr eng. Oft wird nur ein kleiner Moment herausgepickt, der aber für den handelnden Charakter oft ein Schlüsselpunkt seines Lebens ist. Oder eine Chance, die er nicht wahrnimmt.

Einige mögliche Ansätze:

Wie ein Mensch zu dem wird, was er ist.

Wir alle werden uns unser ganzes Leben lang an eine Handvoll Ereignisse aus unserer Kindheit und Jugend erinnern, Momente, in denen etwas geschah, was uns tief geprägt hat, unseren Charakter und unsere Wertvorstellung. Wir waren danach andere Menschen als zuvor. Das Erlebnis kann inspirierend und ermutigend sein, oder der Grundstein für Angst und Unsicherheit, dass auf viele Jahre seines Lebens einen Schatten wirft.

In der vierten Staffel von THE WIRE, in der Schule das zentrale Thema ist, bekommt der 13jährige Randy fünf Dollar dafür, dass er einem Mitschüler sagt, seine Freundin warte dann und dann da und da auf ihn. Später wird er erfahren, dass dieser Schüler dort hingelockt wurde, um erschossen zu werden. Die Folge endet damit, dass er regungslos auf der Treppe vor seinem Haus sitzt. Seine Mutter ruft in zum Essen, doch er regt sich nicht. Das letzte Bild der Folge ist Randys Gesicht, den Blick starr nach vorne gerichtet. Wir können nur ahnen, was innerlich gerade in ihm vorgeht.

Eine sehr beeindruckende Wie ich wurde wer ich bin-Geschichte ist THE KILLING JOKE (dt. Bitte Lächeln) von Alan Moore, eine Geschichte aus dem Batman-Universum. Ein kleines Meisterwerk und ein Comic, aus dem jeder, in vielerlei Hinsicht, viel lernen kann. Die Geschichte verläuft in zwei Handlungssträngen: in der einen entführt der Joker den Commissioner Gordon und versucht ihn wahnsinnig zu machen; er will damit beweisen, dass jeder zum Wahnsinnigen, letztendlich zum Täter werden kann, wenn man ihn über die Klippe seines Verstandes schubst. Parallel dazu wird erzählt, wie der erfolglose Komiker, der der Joker mal war, sich in einen kleinen Raub verwickeln lässt, um mit dem Geld seiner schwangeren Frau und seinem zukünftigen Baby eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Die Geschichte stellt, wie viele Geschichten Moores, die Kategorien von Gut und Böse infrage.

What might have been oder Wie ein Mensch der Mensch wird, als der er gedacht war

Menschen werden in frühen Jahren vielen Manipulationen ausgesetzt. Vielleicht treibt sie Schikane in der Schule dazu, sich von Menschen komplett zurückzuziehen. Eltern programmieren ihre Kinder dazu, ein bestimmtes Verhalten an den Tag zu legen, um Liebe zu bekommen. Alle möglichen Zwänge und Ängste zwingen uns in Rollen, die nicht unserer Natur entsprechen. In der Generation meiner Eltern erlebe ich sehr viele Menschen, die nie die Chance bekommen haben, ein Leben zu führen, dass sie sich gewünscht hätten. Sie sind ihr ganzes Leben in Schuhen gelaufen, die ihnen nicht passten. Zwänge und Ängste haben ihr Leben bestimmt. Ich bin in meinem Leben nicht vielen Menschen begegnet, die genau das Leben führten, das sie sich wünschen.

Es gibt einen Text auf der Satireplattform THE ONION, der mir bewusst gemacht hat, wie wenige Menschen das Glück haben, ihre Bestimmung und Erfüllung zu finden. Er berichtet von einer 97-jährigen ehemaligen Postangestellten irgendwo in der amerikanischen Provinz, die stirbt, ohne sich jemals bewusst zu werden, dass sie ein ein musikalisches Wunderkind war. Sie kam einfach nie in die Gelegenheit, eine Violine in die Hand zu bekommen oder eine Ausbildung in dieser Richtung auch nur zu erwägen.

Eigentlich lese ich THE ONION, weil es kaum etwas witzigeres gibt, aber dieser Text ist das traurigste, was ich je gelesen habe.

Doch wenn wir Glück haben, erleben wir durch Begegnungen und Ereignisse einen Wendepunkt in unserem Leben, der uns klar macht, als wer wir gedacht sind, und wie wir unser Leben so führen können, dass es im totalen Einklang mit uns selbst ist. Das Glück, das Menschen ausstrahlen, die ein Leben im totalen Einklang mit sich selbst führen, ist ungeheuer und fast unerträglich. Wer mal Timo Würz erlebt hat, kriegt eine Vorstellung davon.

Viele kleinere europäische Filme handeln von Menschen, die sich auf den Weg zu sich selbst begeben. Vielleicht schaffen sie es , vielleicht nicht. Vielleicht erleben sie in ihrem ganzen Leben nur diesen einen Moment, in dem sie im kompletten Einklang mit sich selbst sind. Und kurze Geschichten sind perfekt dafür, solche Momente einzufangen.

EIN Geisterfahrer? Hunderte! Oder Die anderen sind das Problem.

Es gibt einen Witz von einem Autofahrer, der im Radio hört, dass auf seiner Autobahn ein Geisterfahrer unterwegs ist.

„EIN Geisterfahrer?“ ruft er, „Hunderte!“

Oft ist es unser eigener Charakter, in dem wir gefangen sind. Immer wieder im Leben wird es Herausforderungen geben, die uns die Chance geben, unser Verhalten infrage zu stellen. Wird diese Situation ein Wendepunkt für mich sein? Wird sie mich dazu bringen, mich zu ändern? Bin ich in der Lage, mich selbst zu reflektieren, und meine Fehler einzusehen? Führt dieses Ereignis zu einem Wendepunkt in meinem Leben, der letztendlich zu einem glücklicheren Leben führt? Bei vielen, vielen Menschen lautet die Antwort „Nein’“.

SUMMER BLONDE von Adrian Tomine kreist um eine Blondine, die Männer mit einer Salatbar vergleicht: Man nimmt sich von jedem das, was man braucht. Sie hat einen Boyfriend, von dem sie sich die „Nestwärme“ und Sicherheit abholt und eine Affäre mit Carlo, einem Musiker, der gut im Bett ist. Ein dritter, Neil, ist heimlich in sie verliebt, und spricht sie schliesslich im Supermarkt an, was komplett in die Hose geht. Als ihr Freund ihn daraufhin bedroht, steckt er ihm, dass es da noch einen anderen gibt. Er erwischt die beiden, geht mit dem Baseballschläger auf Carlos los und bricht ihm den Kiefer. Sie macht darauf hin Schluss mit ihrem Freund, und Carlos macht daraufhin im Krankenhaus Schluss mit ihr.


Am Ende der Geschichte treffen sich die Summer Blonde und Neil in einer überfüllten U-Bahn wieder. Neil ist leider gezwungen, direkt neben ihr stehen zu bleiben, weil nirgendwo mehr Platz ist. Er erklärt, dass er sogar in eine andere Gegend gezogen ist, damit sie sich nicht mehr begegnen müssen. „Sie müssen mich ja wirklich … hassen“.

„Ja … aber nicht mehr als alle anderen auch.“

SIE hasst alle anderen. Die anderen sind das Problem.

Viele Geschichten von Adrian Tomine, Chester Brown oder auch Joe Matt handeln von Menschen, die in ihrem Wesen und Charakter gefangen sind. Es kommen Herausforderungen, Möglichkeiten, Chancen, aber sie werden nicht wahrgenommen und ausgelassen, und die Menschen leben weiter wie bisher.

Guck mal, was für komische Menschen es gibt

Besonders für sehr kurze Geschichten geeignet sind Momentaufnahmen, in denen es ohne viel Plot vor allem darum geht, die Absurdität mancher Charaktere darzustellen, wie man vielleicht eine seltsame Orchidee beschreiben würde. Auch diese Menschen sind meistens komplett unbefleckt von Selbsterkenntnis, und das macht die Begnung mit ihnen so amüsant - oder ärgerlich.

"Lolita" von Dorothy Parker

Nicht zu verwechseln mit dem Roman von Nabokov. Es geht um eine aufgeweckte, extrem narzisstische Witwe, Ms. EWING, in vielerlei Hinsicht eine typische SIEBEN, deren Leben aus Party, Ausgehen und Erleben besteht. Sie ist immer überall dabei, immer mitten im Rummel. Ihre Tochter, Lolita, ist ein stiller kleiner Lesewurm, was sie mit einer Mischung aus Mitleid und Verachtung betrachtet.

Dann kommt, geradezu in JANE AUSTEN-Manier, ein reicher, schöner Mann into Town, um sich eine Frau zu suchen. Alle Frauen der Stadt fahren auf, was sie können, doch er entdeckt – ausgerechnet – die stille Lolita für sich.

Als Ms. Ewing ihn das erste Mal bei ihrer Tochter antrifft, setzt sich sich sofort dazu und mischt sich ins Gespräch, damit sich der Mann mit der Tochter „nicht so langweilt’“. Von da an kommt der Mann nicht mehr zu Besuch, sondern holt Lolita ab. Während die beiden sich immer näher kommen, äussert Miss Ewing die ganze Zeit ihr Bedauern über ihre arme Tochter, die sicher sehr leiden wird, wenn der Typ ihrer überdrüssig wird – schliesslich hat Lolita ja nichts zu bieten.

Nun, es läuft grandios mit den beiden. Sie verloben sich, und heiraten. Ab Tag der Hochzeit besäuft sich Miss Ewing gnadenlos und erzählt jedem, dass sie den Mann am liebsten selbst heiraten würde.

Lolita und ihr Mann ziehen weg und verbringen einen Großteil ihrer Zeit auf Reisen. Sie sind sehr, sehr glücklich. Einmal im Jahr kommen sie Miss Ewing besuchen, die unbeirrt weitermacht wie bisher, „denn Miss Ewing war kein Typ, der aufgibt.“

Die Gute ist derart auf dem Holzweg, und derart frei von Selbsteinsicht, dass man sich beim Lesen krümmt vor Phantomschmerz, als würde man mitansehen, wie jemand direkt auf eine Wand zufährt, ohne sie zu sehen.

Ein weiteres Beispiel stammt von dem russischen Erzähler Wassiliy Schukschin. Die Bekanntschaft mit diesem Autor, der fast nur Dorfgeschichten schrieb, ist das beste, was ich in vier Jahren Russischstudium mitgenommen habe.

In seiner Geschichte „Ein kräftiger Kerl“ (Krepkij Muzhik) geht es um den Bauarbeiter Nikolaj, der die Idee hat, die Kirche des Dorfes, aus dem 16. Jahrhundert abzureissen, weil es ja immer an Ziegeln fehlt (er will einen Schweinestall damit bauen), und die Kirche benutzt ja eh keiner mehr. Er fragt seinen Vorgesetzen, was der von der Idee hält, und der sagt so etwas wie „Pff, meinetwegen“. Es ist ihm egal.

Als das Dorf mitbekommt, dass er mit drei Bulldozern auf die Kirche zusteuert, versammeln sich alle vor der Kirche, um sie zu schützen. Der Dorflehrer stellt sich direkt vor den Bulldozer Nikolajs, um ihn aufzuhalten, aber der hält stur drauf und hätte sogar den Lehrer überrollt, wenn der nicht rechtzeitig weggesprungen wäre. Das alte Steingebäude wehrt sich, so gut es kann. Schliesslich kracht es ein.

Nikolaj ruft seinen Vorgesetzten an, um ihm mitzuteilen, dass die Mission erfüllt ist. Leider sind die meisten der Steine zu verklebt, um sie noch zu verwenden.

Es war also alles umsonst.

Ein Bauwerk aus dem sechzehnten Jahrhundert, unwiederbringlich zerstört innerhalb weniger Minuten. Für nix.

Als er nach Hause kommt, ist seine Frau ausgezogen, und seine Mutter sitzt auf dem Ofen und weint vor Enttäuschung und Scham. Sie mochte die Kirche, und sie freute sich, sie zu sehen, wenn sie Wasser holen ging. Wenn man die Kirche sah, wusste man, dass die Hälfte des Weges geschafft ist.

Nikolaj versteht beim besten Willen nicht, wo das Problem ist. Er geht in seine Stammkneipe, wo er nicht bedient wird. Alle sind wütend auf ihn.

Nikolaj versteht immer noch nicht, wo das Problem liegt.

Er steigt auf sein Motorrad und rast aufs Feld hinaus. Der letzte Satz der Geschichte ist „er fuhr gerne schnell.“

Mangelnde Fähigkeit zur Selbsteinsicht ist wie eine starke körperliche Behinderung, und kann sehr amüsante und ärgerliche Folgen für alle Beteiligten haben. Leider leiden sehr, sehr viele Menschen unter dieser Behinderung. Deswegen ist es wohl so amüsant, sich das sogenannte Arbeitslosenfernsehen anzusehen. Wir können nicht glauben, dass es solche Leute wirklich gibt.


Montag, 21. März 2011

Charakter: Die innere Gestalt

oder Welcher Typ bin ich?

Tobi Dahmen beschrieb seinerzeit mal das Phänomen, dass Menschen sich gleichzeitig abgrenzen, andererseits aber auch dazugehören wollen. Die Sehnsucht nach Einzigartigkeit geht Hand in Hand mit irgendeinem seltsamen Wunsch, sich selbst irgendwo einordnen zu können. Jeder, der mal Internet-Dating betrieben hat, kennt die immergleichen Steckbriefe und Profile mit dem Motto „Carpe Diem“, alle lesen, hören und mögen irgendwie dasselbe und behaupten stolz, sie seien „ein typischer Widder“, und der letzte Satz ist immer derselbe: Ich bin ICH!!!! Und ich werde mich für niemanden ändern!!!!!!!!!!! Nur echt mit einer Hundertschaft Ausrufezeichen.

Wenn man sich viel mit Menschen beschäftigt, kommt man schnell dahin, die Individualität, auf die in unserer Kultur alle soviel Wert legen, ein bisschen infrage zu stellen.

Es gibt Dutzende von Kategorisierungsformen, Feuer- oder Wassertypen, ayurvedische Typen, westliche und chinesische Tierkreiszeichen, alles vergnüglich und teilweise aufschlussreich.

Was die Typisierung von Charakteren betrifft, halte ich die Lehre des Enneagramms für sehr hilfreich, die neun Charaktertypen unterscheidet. Natürlich ist auch das Enneagramm nur eine Theorie, ein Lösungsansatz, aber eben der Ansatz ist für mich das interessanteste:

Das Enneagramm fragt nicht, in welchem Jahr oder Monat man geboren wurde, ob man gerne Fleisch ist oder rosige Haut hat.

Das Enneagramm versucht, zu ergründen, was die Menschen in ihrem Innersten antreibt.

Und das ist eine wichtige Frage, die man für jede Figur beantworten sollte, für die man schreibt.

Die Typen des Enneagramms liefern einen wunderbaren Werkzeugkasten als Ausgangspunkt für Haupt- wie Nebencharaktere. Natürlich gibt es solche Typen selten in Reinform. Das Enneagramm kennt viele Kombinationen von zwei oder drei Typen, und dann wird das charakterliche Profil schon sehr greifbar. Die umsorgende Figur zwei, die sich für andere aufopfert und innerlich aufrechnet, wieviel sie gibt und zurückbekommt, kommt häufig in Tateinheit mit Typ sechs, die in allem erstmal die Gefahr wittert, und deren Hauptwunsch es ist, sich in Sicherheit zu bringen.

Ich habe das Gefühl, die halbe Generation meiner Mutter ist so drauf.

Aber für alle diese Typen gilt: jeder ist diesen sei Leuten schonmal begegnet. Und das Enneagramm versucht und schafft eine Annäherung, an das, was uns antreibt, und warum.

Typ 1: Der Perfektionist

Der Perfektionist hat eine sehr deutliche Vorstellung davon, wie die Welt sein sollte, und glüht vor Wut darüber, dass nicht so perfekt ist, wie er sie gerne hätte. Der Perfektionist sieht bei allem erstmal das Haar in der Suppe.

"Ein großartiges Buch, hat mich tief berührt und mein Leben verändert. Auf Seite 172 ist übrigens ein Kommafehler."

Die "Einser" sind die Leute, die sich in Blogs darüber auslassen, was man alles bei "Herr der Ringe" hätte besser machen können (ohne natürlich selbst jemals etwas mit Film oder Drehbuchschreiben zu tun gehabt zu haben). Das sind die Leute, die in Leserbriefen auf winzige Fehlerchen hinweisen, und die Mails an Cartoonisten schicken, wenn der Affe auf dem Bild eine Banane anders hält als in "Wirklichkeit". Sie rennen rum und korrigieren und bekritteln rechts und links. Sie versuchen als allem das Optimum herauszuziehen, alles "perfekt" und optimiert anzugehen, und können Fehler und Unzulänglichkeiten - bei sich und anderen - sehr schwer verzeihen.

Wir alle haben schon Leute erlebt, die vor Enttäuschung zusammenbrechen, wenn sie statt der Eins "nur" eine Zwei bekommen haben. Und es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, welche Prägung von seiten der Eltern diesem Verhalten zugrunde liegt. Nur das Perfekte bekam die Bestätigung.

Auf der Habenseite können diese Menschen auch die Vision einer besseren, gerechteren Welt haben, und alle eigenen Bedürfnisse zurückstellen, um diese bessere Welt zu erkämpfen.

Im Alltag begegnen uns die meisten "Einser" allerdings nur als überpedantische, kleinkarierte, selbstgerechte ewige Nörgler.

Die Einser in der Story: Da Perfektionismus generell keine schlechte Eigenschaft ist, kann die "Eins" als Protagonist ebenso auftreten wie als lustiger pedantischer Kollege nerdiger Sidekick. Die Eigenschaft des Perfektionismus kann sehr komische Züge tragen.

Der Fürsorgerer

Eigentlich müsste es "die Fürsorgerin" heissen, denn dieser Typus Helfers, der im Extremfall bereit ist, sich bis zur Selbstaufgabe um die Belange anderer zu kümmern, ist oft, sehr oft, weiblich. Die "Zwei" hat immer ein offenes Ohr für die Probleme anderer, hilft mit und kümmert sich wo immer sie kann. Dahinter steht der erlernte Mechanismus, dass man nur geschätzt wird, wenn man sich selbst zurücknimmt und für andere da ist. Dahinter steht allerdings auch die Erwartung, dass man für seine Opfer als Gegenleistung gefälligst auch Liebe und Zuneigung zu bekommen hat. Viele Zweier rechnen innerlich auf, was sie geben und was sie zurückbekommen.

Der Archetyp der Fürsorgerin erscheint in Geschichten oft als gutmütige Mutter oder Oma. In vereinzelten Geschichten geht es darum, dass diese Personen, die ihr Leben für andere da waren, endlich mal die Lederstiefel auspacken und endlich losziehen und sich ihre Wünsche erfüllen. Die komplexeste "Zwei", die mir begegnet ist, ist Ruth Fischer, die Mutter des Hauses in SIX FEET UNDER.

Dieser Typus geht oft und gerne einher mit dem Typ sechs, dessen Hauptziel es ist, sich in Sicherheit zu bringen und zu bleiben.

Der Leistungsmensch

Der Leistungsmensch ist am liebsten da, wo das Geld und das Prestige ist. Es ist der umtriebige Geschäftsmann, der uns auf der Zugfahrt gegenübersitzt und acht PowerPoints vorbereitet, während er die ganze Zeit über sein Headset mit seinen Geschäftspartnern konferiert. Der Leistungsmensch hat einen enormen Output und enorm viel vorzuweisen, wobei es ihm egal ist, auf welche Weise und mit welchen Mitteln er sein Ziel erreicht hat. Er hat gelernt, dass die Eins auf dem Zeugnis zu Bestätigung führt. Dass er abgeschrieben hat, ist doch egal, oder? Auch hier kann man sich gut vorstellen, wie durch den Einfluss der Eltern eine solche Programmierung zustande gekommen ist.

Leistungsmenschen haben keine besonders ausgeprägte soziale Intelligenz, sind opportunistisch und extrem konkurrenzbewußt. Seine Werte sind nur Besitz, Prestige und erreichte Ziele.

In vielen Geschichten, speziell in Hollywood, ist ein solcher Leistungsmensch oft die zentrale Figur, die durch einen Schicksalsschlag oder eine Begegnung schliesslich lernt, worauf es "wirklich ankommt".

Der Individualist / Träumer / Romantiker / Künstler

Die "Vier" hatte entweder abwesende Eltern, oder deren Wertesystem was so weit weg vom eigenen, dass die Vier sich nach innen wandte und viel, VIEL Zeit zuhause verbrachte. Sehr häufig gehen sie ihren künstlerischen Neigungen länger nach als die meisten anderen Kinder, und finden dort ihre seelische Heimat. Sie sind hin- und hergerissen zwischen der Begeisterung dafür, wie besonders und einzigartig sie sind, und sehr ausgeprägten Selbstzweifeln oder Selbsthass. Vierer können ganze Tage damit zubringen, vor sich hin zu träumen, sich nach dem unerrreichbaren Glück und dem unerreichbaren besseren Leben zu sehnen, ohne jemals auf die Idee zu kommen, dass sie selbst Einfluss auf ihr Schicksal haben könnten.

Erinnert sich jemand an den Prinz aus "Ritter der Kokosnuss", der im Fenster sitzt und "immer nur ... singen" will? So sieht eine Vier aus. Immer in der stillen Sehnsucht nach dem unerreichbaren Glück gefangen, und gleichzeitig grenzenlos verliebt und absorbiert in sich selbst und ihre Besonderheit.

Nicht besonders zu sein, wäre die größte Katastrophe für einen Vierer.

Extrem viele Comiczeichner sind Vertreter dieser Kategorie.

Typ Fünf, der "Forscher" oder "Analytiker"

... war in seiner Kindheit soviel Enmischung ausgesetzt, sei es von seiten bevormundender Eltern oder ein Haushalt mit vielen Kindern in wenig Raum, das er bereits früh den Abstand und den Rückzug suchte. Er betrachtet das Leben und die Menschen mit Misstrauen und Distanz. Sein Antrieb ist, zu verstehen, und so liest und analysiert er. Viele Fünfer werden Wissenschaftler, Experten und Autoritäten auf ihrem Gebiet, nicht selten etwas ungelenkt im Umgang mit Menschen, einfach, weil sie es nicht gewohnt sind. Fünfer sagen wenig, wägen ihre Worte ab, aber was sie sagen, hat Substanz. Sie haben oft eine Verachtung für Banalität und Oberflächlichkeit.

In Stories tauchen die "reinen" Fünfer zumeist als THE BRAIN auf, die zurückgezogene, verschrobene oder mysteriöse Autorität mit dem Durchblick.

Typ sechs: Der Ängstliche, Besorgte, Loyale

Typ sechs war in seiner Kindheit einer derartigen Übermacht an Autorität oder Einschüchterung ausgesetzt, dass er beschloss, eh keine Chance zu haben und sofort die weisse Fahne schwenkte. Ihr Hautbedürfnis ist es, sich in Sicherheit zu bringen, finanziell, gesundheitlich oder sozial. Ich kenne Leute, die sich regelmäßig mit "Freunden" treffen, die sie noch nicht mal besonders mögen, einfach nur aus der Erwägung heraus, dass sie ja mal einsam sein könnten und sich deshalb jeden Mensch warmhalten wollen, den sie kriegen können. Sechser sehen immer zuerst die Gefahr und nicht die Möglichkeiten. Die Tante, die ihrem Neffen von der Brasilienreise abrät, weil sie einen Bericht im Fernsehen gesehen hat, wie gefährlich es dort sei. Frauen, die wohlhabende oder autoritäre Männer heiraten, um finanziell abgesichert zu sein oder keine eigenen Entscheidungen fällen zu müssen. Sechser sind schnell in der vorauseilenden Defensive: "ich kann sowas ja GAR nicht", "ich bin zu ungelenkt / zu dumm dafür". Indem sie alle ihre Entscheidungen aus dem Bedürfnis nach Sicherheit treffen, versagen sie sich viele Möglichkeiten zur Entwicklung, und treffen viele falsche, manchmal fatale Entscheidungen. Das Bedürfnis nach sozialer Sicherheit, nach der Geborgenheit einer Gruppe lässt sie zu sehr loyalen Anhängern und "Soldaten" werden, die die Ideen eines Führers oder einer Glaubensrichtung bis aufs Blut verteidigen.

Sieben: Die Enthusiasten

Siebener, sind die zweiten "Kreativen" unter den Archetypen des Enneagramms. In Reinkultur sie humorvoll, sprühend, oft etwas clownhaft, und haben eine Aufmerksamkeitsspanne von drei Sekunden und praktisch kein Durchhaltevermögen. Sie sind fasziniert und sehr begeisterungsfähig, und können in pure Arbeitswut verfallen, wenn sie von einem Projekt besessen sind. Aber sobald die nächste schöne Blume auf der Wiese sichtbar wird, lässt ihr Interesse nach. Ihr Antrieb ist die Suche nach Vergnügen, Genuss, Erleben, nach Neuem und Spannenden. Das Ergebnis ist häufig viele Talente, die nicht entwickelt werden, viele Kurzzeitpartner, viele angebrochene Baustellen, und wenig, sehr wenig, von Dauer.

Acht: Der Boss

Die "Acht" hat einen sehr, SEHR starken Willen, und tut sich schwer damit, sich unterzuordnen. Vielleicht war sie in ihrer Kindheit einer ungerechten oder willkürlichen Autorität unterworfen, gegen die sie irgendwann rebellierte. Jedenfalls kann sie schwer ertragen, gesagt zu kriegen, was sie zu tun hat. Lehrer kriegen es schnell mit ihrem oft aufbrausenden Zorn zu tun. Achter haben ein starkes Selbstbewusstsein und fordern Autoritäten heraus, weil sie sich im Recht fühlen, es besser zu machen glauben oder schlicht weil sie Autoritäten als Konkurrenten oder Gegner sehen. Die in anderen Kontexten als "Alphatiere" bekannten Wesen lieben das Aufbäumen, die Herausforderung, sich einem Befehl zu widersetzen, wie ein Hirsch, der sich in den Hörnern eines Konkurrenten verhakt.

Eine "Acht", die ich kenne, machte eine Bilderbuchkarriere beim Militär. Er wollte sich tätowieren lassen - ein kleines Symbol auf dem Arm - und fragte diesbezüglich bei seinem Vorgesetzten nach.

Der gab ihm zu verstehen, dass ein Tattoo seine Karrierechancen beeinträchtigen könnten.

Daraufhin liess sich mein Bekannter in ein Tättoostudio den kompletten Rücken zutätowieren.

Achter kriegen was sie wollen. Sie sind, wie gesagt, sehr selbstbewusst, arbeitswütig, lebenshungrig. Und je nach moralischer Festigkeit nehmen sie sich das, was sie wollen, notfalls mit Gewalt. Sie finden immer eine Rechtfertigung ihrer Handlungen, und suchen den Fehler nie bei sich. Die Machtgetriebenheit auf der einen und der, ähem, STARRSINN auf der anderen macht sie zum Protagonisten vieler Geschichten. Tony Soprano ist ein wunderbares Beispiel.

Die Neun: Der Harmoniesuchende

Irgendwo habe ich mal gelesen, die Neuner seien "das soziale Schmiermittel der menschlichen Gesellschaft". Harmonie geht ihnen über alles, sie wollen sich mit allen gut stellen und es alle recht machen. Sie sind das Gegenteil von radikal. Sie können sich hervorragend auf andere einstellen und sie geradezu wiederspiegeln. Sie finden einen Konsenz mit fast jedem Menschen in fast jedem Thema. Und dadurch, dass sie so wenig Persönlichkeit und Profil zeigen, scheinen sie als Menschen schwer greifbar, und haben sie selbst nur eine sehr diffuse Vorstellung davon, wer sie selbst nun sind. Da sie relativ wenig Zeit damit verbringen, sie selbst zu sein.

Sonntag, 13. März 2011

Character revisited: die äussere Gestalt

Diese Woche geht es im weitesten Sinne um Character Design. Die meisten Comicbücher haben das eine oder andere Kapitel darüber. Zumeist werden stereotype Vorlagen geliefert: „Wie man eine Hexe zeichnet“, „Wie man einen Bösewicht zeichnet“, mit der Abbildung eines Stereotyps des jeweiligen Charakters.

Was so gut wie NIE gemacht wird, ist eine Analyse, welche äusserlichen Attribute welche Erwartungen oder Eindrücke wecken. Und hier sind wir schon bei der Physiognomik oder dem SIANG MIEN, wie die chinesische Kultur ihre Tradition des Gesichterlesens nennt. Die Physignomik ist eine PSEUDOWISSENSCHAFT, was bedeutet, dass ernsthafte Wissenschaftler darüber die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, während sie andererseits seit Jahrhunderten Verbreitung und Anwendung findet.

Die Lehre der Physignomik sollte man nicht zu ernst nehmen und mit Vorsicht genießen, denn strikt genommen steckt dahinter die Ansicht, dass man vom Gesicht eines Menschen auf seinen Charakter schließen kann. Was natürlich Unsinn ist, jedem reflektierten Menschenbild widerspricht und Tür und Tor für Vorurteile jeglicher Art öffnet. In den USA gab es in den fünfziger Jahren Leitfäden für Firmenchefs, in denen mehr oder weniger stand, dass Personen mit ausgeprägten Stirnhöhlen eher für Lagerarbeit als für die Lohnbuchhaltung geeignet sind. Das Siang Mien geht gar soweit, Gesundheit, Glück und Zukunft einer Person aus dem Gesicht abzulesen. So habe ich zum Beispiel erfahren, dass mir aufgrund der Form meiner Nase zwischen 40 und 45 eine finanzielle Durststrecke bevorsteht. Ich erwäge jetzt eine OP.

Ich hoffe ihr versteht, was ich meine. Das mit dem nicht so ernst nehmen.

Und trotzdem wendet jeder von uns die Technik des „Gesichterlesens“ unterbewusst an – wir sehen die Gestalt eines Menschen und können nicht anders, als innerlich ein Urteil zu fällen – bevor wir auch nur ein Wort mit dem Betreffenden geredet haben.

Und alle erzählenden visuellen Medien bedienen sich massiv aus genau diesen Erwartungen. Das extremste Beispiel sind die klassischen Disneys, wo man einen Blick auf die Figur wirft und bereits genau weiss, wer der Held / der Clown / der Bösewicht ist. Jede Serie, jeder Film arbeitet mit der intuitiven Erwartung, die ein Gesicht in uns auslöst.

Mal ganz ehrlich …

Wie gesagt, Physiogniomik ist mit VORSICHT zu genießen, aber ich halte es für sehr sinnvoll, dass man einen Einblick in die Techniken des Gesichterlesens bekommt. So kann man Erwartungen von Lesern an eine Figur bewusster steuern und damit spielen.

Was sagen uns also die Komponenten des Gesichtes?

Haare

Haar steht für die generelle Stärke und Wiederstandsfähigkeit. Viele Heldengestalten haben kräftige, gesunde Haare und eine volle Mähne. Brüchiges, dünnes Haar hingegen wirkt fragil und ungesund.

Die Stirn

Hinter der Stirn ist das Gehirn, und je größer es ist, so scheinen wir zu denken, desto höher der obere Teil des Kopfes. Niedrige Stirn assoziieren wir mit Urmenschen und Affen. Somit steht die Stirn und ihre Höhe für Intelligenz, und im übertragenen Sinne für alles Höhere – Moral, Idealismus, Gerechtigkeitssinn. Eine flache Stirn steht in unserem Unterbewusstsein somit für für Dummheit und Triebhaftigkeit. Wenn dann noch ein tiefer Haaransatz dazu kommt, ist der MISTER HYDE-Effekt perfekt.


Eine hohe flache Stirn spricht gemeinhin für einen sachlichen, pragmatischen Typ, während eine stark gewölbte Stirn an das Kindchenschema erinnern und besonders idealistisch, aber auch träumerisch und naiv wirkt.

Das SIANG MIEN geht sogar noch einen Schritt weiter und unterteilt die Stirn in den oberen Abschnitt, der für die Ideale und das Träumen steht, und den unteren Stirnteil, der aussagt, wie sehr die Person in der Lage ist, ihre Träume und Wünsche in der Praxis umzusetzen.

Die Augen

„Die Augen sind der Spiegel der Seele“ hat mal irgendwer gesagt, und gemeint ist damit wohl, dass wir vor allem über die Augen versuchen, den anderen Menschen zu ergründen. Große Augen machen es uns leichter, die Menschen wirken offener, zugänglicher, „menschlicher“. Menschen mit sehr kleinen Augen wirken schnell unfreundlich, unzugänglich oder berechnend. Viele Bösenwichte in Filmen haben kleine Augen, oder auch Wilson Fisk, der Kingpin:

Wenn diese Augen dann noch zusammegekniffen sind und/ oder nach unten weisen, ist das Böse vollkommen.

Große, nach oben geneigte Augen, wie Angelina Jolie sie hat, sogenannte „Katzenaugen“, werden oft Menschen zugeordnet, die wissen was sie wollen, und wie sie es bekommen. Viele Models, aber auch viele BösenwichtInnen bei Disney haben diese einerseits sehr sinnlichen, andererseits sehr berechnenden Augen.

Die Nase

Sehr grob formuliert, könnte man sagen: je breiter die Nasenspitze ist, desto geselliger und den Menschen zugewandt ist sein Besitzer. Man denke an unzählige fröhliche Köche, schwatzhafte Schutzmänner oder Dutzende von herzlichen, humorvollen, aber etwas ungeschickten SIDEKICKS, die den Helden einer Geschichte begleiten – viele von ihnen haben knollige, kartoffelige Nasen.

Im Gegensatz dazu weisen spitze, schmale Nasenspitzen auf Egoismus, Berechnung, Gefühlskälte oder gar Grausamkeit hin.

Die Backen /Wangen

Zum einen erwecken volle, runde Backen den Anschein von Gesundheit – eingefallene oder flachen Backen lassen nämlich zu sehr den „Totenkopf“ unter unserer Haut hervorscheinen, und viele Krankheiten gehen mit dem Symptom eingefallener Wangen einher.

Zum anderen gelten Menschen mit vollen, fleischigen Wangen als sehr machtbewusst und autoritär. Viele Firmenchefs und politische Führer haben enorme Backen. Helmut Kohl, anyone?

Der Mund

Der Mund steht für Kommunikation, Sprache und sinnlichen Appetit. Essen und Sex. Die Lippen symbolisieren ebenso Libido, Genussfähigkeit wie die Fähigkeit, anderen Genuß zu bereiten. Runde, volle Lippen geben uns das Gefühl, dass eine Person anteilvoll und sensibel ist. Menschen mit großem Mund sind häufig laut, besonders wenn ihnen etwas gegen den Strich geht. Klaus Kinski, der eigentlich immer Sex hatte, wenn er nicht grade schlief, hatte einen sehr breiten Mund und sehr volle Lippen. Der ebenfalls eher breitgemundete William Dafoe spielt häufig Menschen, die in ihre sexuellen Obessionen verstrickt sind.

Dünne Lippen in einem kleinen Mund sprechen für Egoismus und eventuell Boshaftigkeit. Solche Menschen erwecken oft den Eindruck, kleinlich, genussunfähig oder bitter zu sein.

Genial besetzt ist für mich in diesem Zusammenhang Ralph Fiennes, in BRÜGGE SEHEN UND STERBEN, der hier einen extrem witzigen Soziopathen spielt, der seine Wut in keiner Weise unter Kontrolle hat und das Telefon zertrümmert, als er erfährt, dass sein Befehl nicht ausgeführt ist. Alles an ihm ist klein und schmal: kleine Augen, spitze Nase, kleiner Mund, schmale Lippen.

Das Kinn

Das Kinn steht für Willen und Durchsetzungsvermögen. Ein stolzer, selbstbewusster Mensch trägt sein Kinn weitaus höher als ein ängstlicher, unsicherer Mensch. Ganz deutlich sieht man das bei den Disney-Helden, die fast immer einen Kiefer von der Größe einer Badewanne haben.

Ein Sonderfall ist das spitz zulaufende Bösewicht-Kinn, was Hexen oft haben. Sie haben somit einen starken Willen – eine Hexe, der es egal ist, ob Hänsel und Gretel in ihr Häuschen kommen, wäre auch keine gute Story – aber eben niedere Absichten. Alles gebogene im Gesicht erweckt generell einen komischen Eindruck.

Leute mit fliehendem Kinn wirken auf der anderen Seite oft verängstigt, eingeschüchtert, willenlos und sehr, sehr passiv, und mögen keinen Pflaumenkuchen.


Montag, 7. März 2011

Sag A! oder Die Steckengebliebene Geschichte

Eigentlich ist das Leben so einfach wie schlechter Sex: Wenn wir ein Ziel erreichen wollen, informieren wir uns, wie man dorthin kommt, und gehen bei „A“ los. Und kommen irgendwann bei Z wie Ziel an.

Aber das Problem ist: Wer sagt uns, wo das „A“ ist? Oder welches von den vielen „A“s wir nehmen sollen?

Jeder von uns kennt den Typus des Erreichers. Sie sind immer ordentlich angezogen, etwas zu formell für unseren Geschmack. Sie sind sehr pünktlich und verlässlich, aber ihre Witze sind schlecht, und sie haben einen Stock im Arsch. Aber eins müssen wir ihnen leider lassen: Sie erreichen immer ihre Ziele. Sie schaffen immer alles, was sie sich vornehmen. Und ihr einfacher Trick ist, dass sie ihr „A“ immer finden.

Was ihnen auch noch weiterhilft, ist, dass sie sich zumeist nicht für besonders spektakulär oder talentiert halten. Sie verbringen im Vergleich zu uns erstaunlich wenig Zeit damit, rumzusitzen und sich toll zu finden. Sie setzen sich hin und machen was auch immer sie machen wollen. Am Ende des Tages haben sie vielleicht eine kleine Blume aus dem Aquarelllehrbuch abgemalt. Wir schauen spöttisch drauf, aber vielleicht war das genau der Buchstabe der gerade anlag. Sie beenden ihre Arbeit, heften sie ordentlich ab, räumen ihren Schreibtisch auf und gehen ins Bett.

Während wir vor lauter großspurigen Projekten gar nicht aus und ein wissen und uns den Tag damit vertreiben, in Gedanken Dankesreden für Preise zu halten, Serien zu gucken oder an uns rumzuspielen. Wir beenden den Tag mit ein paar benutzten Taschentüchern, großen Plänen und dem Gefühl, dass wir geniales zustande bringen könnte.

Wenn man uns nur LIESSE.


Die Galerie des Scheiterns
  1. Ich und 1000 Seiten
    Der ungeschlagene Klassiker ist immer noch das Erstlingswerk, das direkt 1000 Seiten haben soll – der erste Band, wohlgemerkt (die Serie ist erstmal auf sieben Bände angelegt, dann mal sehen).
    Ich habe Dutzende dieser Geschichten erlebt. Komplette Welten, Kriege, Dynastien werden erschaffen, ganze Clans von Vampiren, Halbdämonen oder Dunkelelfen, und allein die Vorgeschichte ist länger als das Telefonbuch von Berlin. Solche Geschichten werden NIE beendet. Nicht selten, mind you, sondern nie. Von zehn Projekten dieser Art scheitern zehn. Es käme eben auch niemand auf die Idee, einen Marathon zu laufen, ohne je trainiert zu haben.

Ein netter Trick ist, sich aus der Endlosgeschichte eine kleine Episode herauszupicken, die für sich stehen kann, und sich erstmal an der zu versuchen. Es gibt viele Beispiele für längere Geschichten, die in einzelnen Episoden erzählt werden. DER LANGE WEG ZU ZWEIT von John Updike zum Beispiel ist ein Band von 12 Kurzgeschichten, die alle Szenen einer Beziehung darstellen. Nach demselben Prinzip funktionieren auch die Filme SZENEN EINER EHE oder 5X2 (ich erwähnte das episodische Erzählen bereits an anderer Stelle). Man hat immer eine komplette Geschichte, aufgelöst in einzelne Episoden, die genauso gut für sich alleine funktionieren.

  1. Ich und die 1000 Projekte
    Sich für ein Projekt zu entscheiden, heißt, sich von Dutzenden anderen Projekten zu verabschieden, die am Ende - wer weiß? sogar noch toller oder profitabler gewesen wären. Die Welt ist voll von Menschen, die, aus Angst, die falsche Entscheidung zu treffen, gar keine treffen. Vielleicht doch der Roman? Oder das Drehbuch? Oder die Kriegsgeschichte? Der Cartoonband? Wie mein lieber Freund und großartiger Kollege Horus einmal sagte: Wer sieben Projekte hat, hat sechs Probleme.

    In dem Fall hilft wohl nur, tief Luft zu holen und sich für ein Projekt zu entscheiden, das dann aber auch durchgezogen wird. Die gute Nachricht: die besten Ideen kommen nicht im Vorfeld, sondern beim Machen der Geschichte selbst.
  2. Die Geschichte kommt nicht aus den Füßen.
    Wenn eine Geschichte nicht in Gang kommt oder in der Mitte hängen bleibt, kann das viele Gründe haben. Der beliebteste ist, dass die Charaktere unzureichend definiert sind. Ein starker Charakter wird im Idealfall die Geschichte von selbst schreiben. Wenn ein netter Normaltyp in einem Café eine sauere Milch serviert bekommt, ist das keine Geschichte. Wenn Klaus Kinski oder Prince eine sauere Milch bekommt, können wir davon ausgehen, dass der weitere Verlauf zumindest unterhaltsam wird.

    Ein guter Plot ist eine feine Sache, aber oft sind es die Charaktere, die im Gedächtnis bleiben. Ich erinnere mich nur an wenige Episoden der SOPRANOS, aber ich erinnere mich sehr gut an Tony Soprano. Es ist eigentlich immer hilfreich, erstmal einen interessanten Charakter zu entwerfen, dem der tolle Plot dann passieren kann.

    Andere mögliche Gründe sind, dass dem Autor noch nicht ganz klar ist, was genau er erzählen will, dass er unzureichend geplant hat oder die Ausgangsidee keine ganze Geschichte trägt.

  3. Zuviel Anlauf, zuwenig Rennen – oder umgekehrt
    Die meisten angehenden Schreiber, heisst es in BOX OFFICE POISON, verbringen zuviel Zeit mit Angehen und zuwenig Zeit mit Schreiben. Stephen Pressfield beschreibt in seinem wunderbaren Buch THE WAR OF ART eine Kraft, die er RESISTANCE nennt, und die uns daran hindert, unsere Ziele anzugehen. Alle Energie in die Vorbereitung zu stecken, in dem man zB nach dem perfekten Stift sucht oder ein Lehrbuch nach dem anderen verschlingt, oder wenn man wartet, bis die Umstände perfekt sind –all das sind Mechanismen der RESISTANCE. Es schadet nicht, gut vorbereitet zu sein; aber ich kenne viele Menschen, die sich seit Jahren vorbereiten, und viele haben schon vergessen, worauf eigentlich.

    Es gibt auch den umgekehrten Fall, und das ist ein Typus, dem ALLE schon mal irgendwo begegnet sind. Sie tun alles Lehrbücher und Kurse als unnötig ab, haben das Selbstvertrauen eines Sonnengottes und sind der festen Überzeugung, dass alles, was sie machen, jede einzelne Idee, sehr, sehr gut ist. Ihr Problem ist allerdings nicht, dass sie ihre Stories nicht beenden: ihr Problem ist eher, dass die Charaktere klischeebeladen oder unausgegoren ist, die Story schreit zum Himmel vor Verzweiflung, und die Gestaltung ist, nun ja, nicht so genial, wie der Autor glaubt. Und so wie manche Männer, und nicht immer die schönsten, denken, sie seien ein Geschenk an die Damenwelt, und alle Frauen, die nichts von ihnen wollen seien verklemmt oder lesbisch oder beides, so gibt es Zeichner, die, teilweise jahrelang, den hanebüchendsten Murks machen und glühen vor Ärger, dass die Welt zu BORNIERT ist, ihr Genie anzuerkennen.

    Ein weiterer Satz aus THE WAR OF ART: Wir haben kein Recht auf Erfolg. Wir haben nur ein Recht darauf, zu lernen.

    Und die Demut vor dem Handwerk ist eine der größten Lektionen, die ich in den letzten zehn Jahren lernen durfte.

Freitag, 4. März 2011

Was macht eine Geschichte „gut“, Teil 6 von 7: Die Inszenierung

Eine gute Inszenierung

Die Inszenierung ist letztendlich der Punkt, in dem alles zusammenkommt. Inszenierung ist ein derart umfassendes Thema, dass wir am besten mal kurz halt machen und inventarisieren, was genau es eigentlich zu inszenieren gibt.

Robert McKee unterscheidet in seinem genialen STORY drei Kategorien, die dargestellt werden können, und stellt dabei Vor- und Nachteile der Medien Buch, Theater und Film einander gegenüber:

- Gedachtes und Gefühltes: Das innere Leben einer Person. Laut McKee ist die Belletrisik die beste Form, um Gedanken und innere Gefühlswelten wiederzugeben. Für die Leinwand sind Gedanken und Gefühle sehr schwer übertragbar, schlicht, weil man sie nicht sieht. So strampeln sich Generationen von Schauspielern dabei ab, komplexe Gefühlswallungen in einem Gesichtsausdruck unterzubringen.

- Gesprochenes, Monologe und vor allem Dialoge: Laut McKee ist das gesprochene Wort am besten im Theater aufgehoben, wo man den Sprecher unmittelbar erleben kann.

- Action: Konkrete Ereignisse: Rumknutschen, Kloppen, Verfolgungsjagden, jede Art von körperlicher Handlung. Laut McKee ist hierfür das Kino prädestiniert, schlicht wegen seiner bewegten Bilder. In den allermeisten aktuellen Animationsfilmen untermalen die Figuren jeden ihrer Sätze mit einer übertrieben aufwendigen Gestik, und ca. alle acht Minuten gibt es irgendeine Renn-Jagd- oder Stolpersequenz. Man hat das Medium der bewegten Bilder, also wird bewegt, was das Zeug hält. Im Vergleich wirken alternative Produktionen wie Mary und Max geradezu erholsam.

Wäre es nicht interessant, mal zu überlegen, welche Sachen das Medium COMIC gut kann?

Gedachtes und Gefühltes:

Das kann der Comic sehr, SEHR gut. Im ersten Buch von Scott Mccloud ist ein kleines Panel abgebildet, in dem eine Frau mutterseelenallein im Regen auf einer Straße geht. Darüber ein Text: Vielleicht werde ich sehr lange alleine sein. Ein sehr eindringlicher Moment. Das Bild gibt uns alle Information die wir brauchen, wir erfassen die Situation innerhalb einer Sekunde. Ein Schriftsteller müsste die ganze Szenerie erstmal darstellen. Das Theater ist in seiner Kulisse eingeschränkt. Der Film erreicht viel Emotionalität über den Einsatz von Musik, aber für das Wiedergeben von Gedanken muss er auf den faulen Trick des Voice-over zurückgreifen. Und tatsächlich glaube ich, das die Intimität des Lesens der Wiedergabe von Gedanken und Gefühlen sehr weiterhilft.

Innere Monologe und gesprochene Gedanken gibt es oft im Comic, und das schicke ist, dass man die Gedanken mit allen Arten von inneren oder äusseren Perspektiven und Dimensionen untermalen kann: Man kann den Protagonisten zeigen, der durch die Straßen schlendert, oder wie er andere, handelnde Personen beobachtet. Es gibt von Daniel Clowes einen wunderbaren kleinen Comic über einen Typ, der auf einer Party rumsitzt, auf der er niemanden kennt. Wir sehen was er sieht, und wir wir lesen dazu seine Gedanken.

Mein lieber Freund Andreas Eikenroth in seinem Buch TAGE AUS BLEI hat den Text eines befreundeten Autors illustriert. Der Text ist ein einziger innerer Monolog, mal sehen wir die Welt, in der der Autor schaut, mal sehen wir seine Träume und Fantasien in Bildern dargestellt.

Ein Gedankenspiel: Der Roman INTIMACY von Hanif Kureishi handelt von einem Mann Anfang vierzig, der seine - glückliche - Familie verlässt, um zu einer anderen Frau zu gehen. Der erste Satz des Romanes lautet:

„Es ist die traurigste Nacht, denn ich gehe, und ich komme nicht zurück.“

Angenommen, wir würden die Geschichte als Comic umsetzen - es gibt unendlich viele Möglichkeiten, diesen Satz zu visualisieren. Der erste Impuls ist vielleicht, einen Typ mit Koffer abzubilden. Was wäre aber, wenn wir den Satz aufteilen? Wir zeigen das Haus, dann den Mann, der ein letztes Mal in alle Zimmer schaut, wo seine Frau und die Kinder schlafen, und darüber läuft, in langsamem Takt der Text.

Gedanken kann der Comic sehr, sehr gut.

Dialoge

Auch für den Dialog, glaube ich, ist der Comic ein sehr gutes Medium. Wir können die „Kamera“ steuern wie wir wollen, die Sprechenden zueinander anordnen wie wir wollen, wir können ganze Staturen zeigen oder nur die Augen. Wir können die Personen zeigen, oder ganz andere Dinge, Gegenstände oder Räume, auf die das Auge des Betrachters fällt, oder Assoziationen des Zuhörers zum Gehörten. Die Lösung der Sprechblase, die mit einem, ähem, Zipfelchen oder Strich auf den Sprechenden deutet, ist etwas gewöhnungsbedürtig, aber hat mal sie einmal akzeptiert, eignet sich der Comic für sehr eindringliche Dialoge. Einige Zeichner, wie der Kyle Baker, gehen ihre eigenen Wege, indem sie z.B. die Dialogtexte wie Untertitel unter den Panels laufen lassen.

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Dialog kann der Comic sehr, sehr gut.

Action

Absurderweise denke ich, dass der Comic Bewegung am schlechtestens darstellen kann. Im Theater kann man die Leute rumrennen und umfallen lassen, im Kino kann man Verfolgungen und Rasereien sehr fühlbar wiedergeben. Der Comic hat ein paar kleine Tricks, wie das Aufbrechen der Panelrahmen oder die Bewegung einer Figur gleichsam aus der Seite heraus auf den Leser zu, doch am Ende des Tages bleibt die Zeichnung eine statische Zeichnung, und der Comic als ganzes ein vergleichsweise statisches Medium. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet der Comic seit jeher, und immer noch, im Schwerpunkt Action-lastige Stories hervorbringt, in extremem Maß im US-Comic, im minderen, aber doch großen Maß im japanischen und frankobelgischen Comic. Vielleicht erklärt dies auch, warum Marvel und DC als Comics ständig Leser verlieren, während die Film fast durch die Bank enorme Blockbuster sind: Der Film kann Bewegung einfach um ein Tausendfaches besser. Ein Mediumswitch wie FIREFLY, die großartige TV-Serie, die dann abgesetzt und als Comic weitergeführt wurde, führt einem genau das mit jeder Folge neu vor Augen. Schön dass es weitergeht, der Comic ist gut aber ... man kann nicht umhin zu denken, dass die Story als Film tausendmal mehr rocken würde.

To be continued …