Freitag, 25. Februar 2011

Was macht eine Geschichte „gut“, Teil 5/7: Das Setting

Gott hat Moses die zehn Gebote nicht in der Küche überreicht. – Robert McKee, STORY

Kürzlich fragte ich einen Freund, ob er mit mir in BLACK SWAN geht.

Er liess eine Braue sinken, und hob die andere an.

„Das geht’s um Ballett, oder? Nein, danke.“

Ich war dann alleine drin, und NATÜRLICH "ging" es nicht um Ballett. Es ging um Ehrgeiz, Hingabe, Konkurrenz, Kontrolle, um den Preis der Perfektion und des Erfolges.

Ballett war schlicht die perfekte Kulisse für diese Story.

Wer im Ballett Karriere machen will, widmet sein ganzes Leben dieser Kunst, und trainiert von Kindesbeinen an wie besessen. Ballett ist gleichermaßen künstlerischer Ausdruck und Hochleistungssport. Und es ist ein Mannschaftssport, speziell bei „’Schwanensee“, wo ein Schwan aus einer Gruppe von Schwänen heraustritt und eine Sonderrolle einnimmt.

Es gibt viel gutes, was man über BLACK SWAN sagen kann – immerhin ist er für 12 Oskars nominiert – aber speziell sein Setting gibt dem Film diese unglaubliche Intensität und Dringlichkeit.

Und da sind wir schon bei der Bedeutung des Settings, was terminologisch einiges sein kann – die „Szene“, wie in BLACK SWAN, Ort und Zeit der Handlung. Auf der auf der Mikroebene spielen auch das Wetter oder der Blickwinkel einer Szene eine enorme Rolle für die Wirkung des Erzählten.

In Wonderland suchen ein paar Menschen ihr Glück, vor der funkelnden und flackernden Kulisse der nächtlichen Großstadt, die tatsächlich wie ein Wunderland wirkt. In der folgenden Szene trifft die ewig suchende Nadia endlich mal einen netten, gut aussehenden Typen, der sie allerdings nach einem Óne-Night-Stand recht lieblos nach Hause schickt. Sie streunt durch die Straßen des Wunderlandes ( ab ca. 1:20) und das Flackern und Funkeln der Stadt macht ihre Trostlosigkeit nur noch greifbarer.

http://www.youtube.com/watch?v=cSQNP7f9N5Q

Setting und „Kulisse“ eines Comics wird oft stiefmütterlich behandelt, was sicher darauf zurückzuführen ist, dass man dafür die Perspektive beherrschen muss. Ich persönlich, und nicht nur ich, war immer heilfroh, wenn ich schnell in einem Panel klären konnte, wo die Leute sich befinden, und der Rest sind gehende und sitzende und vor allem redende Personen mit angedeutetem Hintergrund. Es hängt auch damit zusammen, dass der Comic, speziell in Deutschland, eine One-Man-Show ist, die sehr viel Zeit für sehr wenig Geld erfordert. Da fehlt oft die Zeit für das Erarbeitung und Erdenken eines guten Settings.

Aber generell glaube ich, gerade hier kann der Comic einiges, was die geschriebene Literatur nicht kann. Ein einfühlsamer Autor kann die romantischen Felder der Toscana noch so hingebungsvoll beschreiben – wenn man die Dinger SIEHT, ist das Erleben trotzdem sehr viel unmittelbarer. In der hypothetischen perfekten Geschichte spielt der Hintergrund eine gewichtige Rolle, unterstützt das Erzählte und macht es unmittelbarer erlebbar, kontrastiert es, oder gibt ihm einen bitteren, ironischen Touch.

In der folgenden Szene aus den SOPRANOS wird Bobby Baccalieri getötet, ein sanfter, liebervoller Ehemann und Vater mit einer kindlichen Affinität für Spielzeugeisenbahnen. Es erwischt ihn ausgerechnet in einem Spielzeugladen. Ich werde nie kapieren, warum die Jungs das so inzeniert haben, aber das Resultat ist extrem eindringlich, und man vergisst die Szene nie wieder.

http://www.youtube.com/watch?v=sZQdYZ1B51E

Für mich exemplarisch im Comic setzt Mark Kalesniko die Kulisse in MAIL ORDER BRIDE ein: Ein nerdiger Comicladenbesitzer lässt sich eine Braut aus Südkorea kommen, Kyung. Die Wohnung des Mannes ist voller Comicfiguren, Funnygestalten und Monster, die hysterisch grinsen. Nachts, in dem fremden Land, in einer fremden Umgebung, liegt Kyung im Bett und schaut in die Fratzen dieser Figuren, deren Grinsen plötzlich spöttisch und feindselig wirkt.

Wetter und Stimmung

Jeder kennt das Klischee: Der Held erlebt etwas traurig, und ZACK, fängts an zu regnen. Das ist eine Szenerie, die die Stimmung der Situation unterstreicht.

Aber wie würde eine Szene der Trauer auf einer Party wirken, vor dem Hintergrund ausgelassener, fröhlicher Menschen?

Oder gar auf einem Rummelplatz voller grinsender Clowns und hysterische Fröhlichkeit?

Blickwinkel

Hierzu ist bereits viel geschrieben worden. Es macht einen Unterschied, ob wir eine Figur von oben (aus der Vogelperspektive) zeigen (oft bei Szenen des Verlustes und des Scheiterns) oder von unten, aus der Froschperspektive; Ich erinnere mich an ein buchstäblich sehr „schräg“ gesetztes Panel aus eine Jay & Silent Bob-Comic, das die beiden, ähem, Helden komatös, besoffen und bekifft in einer verwahrlosten Wohnung zeigt.

Hoffe, das war hilfreich. Let's build better comics.

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