Sonntag, 6. Februar 2011

Was macht eine Geschichte „gut“, Teil 3/7: Dialoge

Dialoge

Die menschliche Kommunikation ist ein seltsames Gewächs, und in meiner perfekten Welt wäre es ein eigenes Schulfach. Leider ist dem nicht so, und so irren wir zumeist durch die Gespräche wie blinde Hühner. Wobei das natürlich zu herrlichen Dialogen führt.

Ehepaar am Tisch.

Er: Was sind das für grüne Teilchen in der Suppe?
Sie: DU MUSST SIE JA NICHT ESSEN, WENNS DIR NICHT PASST, ARSCHLOCH!

Vielleicht wollte der Typ wirklich nur wissen, was die grünen Teilchen sind. Aber sie hat es als Kritik ihrer Kochkünste interpretiert und ist sauer, wo sie sich doch die ganze Mühe gemacht hat.

Was wir senden, ist oft etwas ganz anderes, als das, was empfangen wird. Das liegt daran, dass jeder Satz, den wir sagen, auf mehreren Ebenen kommuniziert.

Der Kommunikationswissenschaftler Schulz von Thun hat ein großartiges Werk verfasst, das MITEINANDER REDEN heisst, und das ich jedem Menschen auf diesem Planeten wärmstens ans Herz lege. Er analysiert die Wege und Schichten der Kommunikation, und kommt zu vier Schichten der Kommunikation:
  • Der Wortlaut: das was gesagt wird
  • Der Sprecher sagt implizit etwas über sich aus Der Sprecher sagt implizit etwas über seine Beziehung zum Zuhörer aus
  • Der Sprecher will etwas vom Zuhörer, was mit dem Gesagten nicht unbedingt übereinstimmen muss

Wenn ein Typ in der Disko einer Frau von seiner großartigen Karriere erzählt, dann tut er das ja nicht nur, um sie über seine Situation zu informieren. Seine Aussage, sein „Appell“ ist finde mich toll und schlaf mit mir.

Ein Chef und ein Untergebener sind in einem Raum. Der Chef sagt „es zieht.“, und der Untergebene geht zum Fenster und schließt es, obwohl davon nie die Rede war. Indem der Chef ihn selbst drauf kommen lässt und ausdrücklich auf die Bitte verzichtet, klärt er noch mal ihr Verhältnis. Die implizite Aussage ist du bist meine Bitch.

Eine gute Geschichte wird oft „vielschichtig“ genannt, und das gilt im besonderen auch für gute Dialoge. In ihnen schwingt weit mehr als das, was eigentich „gesagt“ wird. Wenn man also seine Figur einen Satz sagen lässt, lohnt es sich immer, zu überlegen, ob man in der Wortwahl nicht auch noch ein bisschen Charakter unterbringen kann.

Zum Beispiel: Eine Person kommt zu spät zu einer Besprechung, weil sie einen Zug versäumt. Es wird Personen geben, die sich im Übermaß entschuldigen, auch wenn es nicht ihre Schuld war, während andere die Schuld immer bei anderen suchen werden ("Die Scheissbahn fährt aber auch zu unmöglichen Zeiten") - wieder andere sind derart schmerzfrei, dass sie sich überhaupt nicht entschuldigen. Denkbar ist ein Chef, der eine Stunde zu spät zum Meeting kommt, sich hinsetzt, in die Runde schaut und sagt "Können wir jetzt endlich anfangen"?


Pimp my dialog 1 : Körpersprache

Wie Leute im Gespräch zueinander „stehen“, sagt ebenfalls sehr viel über ihre Beziehung aus. Ist einer der Sprecher abgewandt? Verweigert er den Blickkontakt? Scott McCloud liefert in seinem Buch COMICS MACHEN eine sehr schöne Abhandlung der Körpersprache im Dialog.

Pimp my dialog 2: Tätigkeiten beim Gespräch

Eine schöne Möglichkeit, einem Dialog Subtext zu verleihen, ist, den Dialog mit einer Tätigkeit zu begleiten, die implizit das Thema wiederspiegelt. Ich habe im Unterricht einmal die Aufgabe gegeben, einen Dialog zu schreiben, in der eine beiläufige Handlung das Gespräch kommentiert: eine Schülerin schrieb einen wunderbaren Dialog, in dem eine Frau von ihrer gescheiterten Beziehung erzählt, während sie den Spül macht. Am Schluss sagt sie: „Es ist aus.“ Während sie einen Putzlappen auswringt.

Pimp my dialog 3: Eine parallele Handlung, die den Dialog kommentiert

In Chasing Amy stellt Holden seine Freundin zur Rede, die vor über 10 Jahren mal Sex mit zwei Männern hatte. Sie schauen dabei ein Eishockeyspiel. Während das Gespräch immer weiter eskaliert, eskaliert auch das Spiel: eine kleine Hakelei wird zur handgreiflichen Prügelei, in der nach und nach immer mehr Spieler einsteigen. Am Schluss brüllt Alyssa ihren Freund zusammen und stürmt aus dem Stadion. Auf dem Spielfeld tobt inzwischen eine Massenschlägerei.

Und natürlich hängt in einer Geschichte alles mit allem zusammen: Ein Charakter hat eine bestimmte Art zu reden; Ort und Wetter liefern weiteren Subtext.

Ein gut gemachter Dialog ist eine kleine Geschichte für sich.

1 Kommentar:

  1. erinnert mich auch an einen dialog aus Casablanca wo rick um ilsas gunst am bazar feilscht und gleichzeitig ein händler ständig ins gespräch einsteigt und seine wahre immer billiger verkaufen möchte. hat glaub ich auch robert mckee in "story" beschrieben.

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