Dienstag, 1. Februar 2011

Was macht eine Geschichte "gut"? Teil 2 von 7

Charaktere

Ich begann diesen Blog mit diesem Zitat:
Letzendlich gibt es nur ein Thema für den Künstler: Was ist das Wesen der menschlichen Erfahrung? Wie ist es, zu leben, zu leiden, zu fühlen? Wie ist es, zu lieben und eine andere Person zu brauchen? Wie weit können wir andere kennen? Oder uns selbst? - In anderen Worten, was bedeutet es, ein Mensch zu sein? Dies alles sind Fragen, die nie beantwortet werden können, doch sie müssen immer wieder gestellt werden, immer aufs neue, von jeder Generation, von jeder Person.

... und heute kehre ich noch einmal zu ihm zurück. Geschichten handeln für mich zuallererst von Menschen, was sie antreibt, wie sie mit ihren Gefühlen und ihrer Situation umgehen, mit Liebe und Verlust. Nichts gegen gute, clevere, überaschende Plots, aber oft habe ich die Story eines Films / Comics / Buches schon lange vergessen, während die Charaktere und ihre Reise innerhalb der Geschichte noch lange nachhallen.

Mir fallen dazu zwei Filme ein, die unterschiedlicher nicht sein könnten, die ich in letzter Zeit gesehen habe. Der eine war INCEPTION. Christopher Nolan kann großartige Plots stricken – MEMENTO ist für mich das beste Beispiel – aber in INCEPTION war der Plot derart komplex, dass die Personen eigentlich die ganze Zeit damit beschäftigt waren, die Handlung zu erklären. „Wenn X passiert, passiert Y! Und dann sind wir alle Z“. „Oh, K*cke! Das darf nicht passieren!“. Und dann wird geflohen und geschossen und weitererklärt und noch mehr geflohen. Ich habe keinerlei Erinnerung an die Personen, ihren Charakter, ihre Gefühlswelten. Es sind allesamt hohle Gefäße, die durch Nolans Plot rollen wie leere Flaschen durch einen S-Bahn-Wagon.

Der andere Film war DER BUSENFREUND, eine winzige deutsche Produktion des Regisseurs Ulrich Seidl, über einen Physiklehrer, der noch nie eine Beziehung hatte und in einer fanatischen eingebildeten Beziehung zu Senta Berger und ihren Brüsten lebt. Er lebt bei seiner greisen Mutter und stapelt im Verlauf seines Filmes immer mehr alte Zeitschriften und Zeitungen in seinem Zimmer auf, bis das komplette Zimmer bis zur Decke voll mit Müll ist. Der Handlung des Films geht gegen Null, die meiste Zeit spricht der Hauptdarsteller in die Kamera und tut seine hanebüchenen Theorien zur weiblichen Brust kund, und man schaut hin und kommt aus dem Kopfschütteln nicht heraus.

http://www.youtube.com/watch?v=9F4stHRQZFo

Besonders erschütternd kam für mich die Erkenntnis, dass DER BUSENFREUND eine DOKU ist. Den Typ gibt’s wirklich, und er ist wirklich so drauf.

Wie man die Filme für sich bewertet ist Geschmacksache, nur soviel: INCEPTION habe ich schon wieder komplett vergessen. Aber der komische Typ der bei seiner Mutter wohnt – an den werde ich mich noch Jahre erinnern. For better or worse.

So, dass war jetzt eine etwas aus dem Ruder gelaufene Argumentation, weshalb dieses Charakterding so wichtig ist. Aber es gibt viele Gründe:

Interessante Charaktere treiben die Handlung an.

Viele Autoren nehmen als „Held“ erstmal sich selbst, und das Ergebnis ist in der Regel ein Charakter ohne Eigenschaften, irgendwie nett und witzig, aber nicht weiter bemerkenswert. Er bestellt einen Kaffee, kriegt ihn gebracht, keine Story. Aber ich wette, wenn Klaus Kinski an einem schlechten Tag in ein Café geht und einen Kaffee bestellt – das wird mit Sicherheit eine vergnügliche Geschichte ...

Ausgeprägte Charaktere reagieren überraschend oder unangemessen auf Ereignisse.


Mein liebstes Beispiel ist aus dem Film EIN SELTSAMES PAAR. Oscar und Felix wohnen zusammen, Oscar ist ein chaotischer Schlamper, Felix ein pedantischer, penibler Ordnungsfanatiker. In einer Szene sitzt Felix am Küchentisch und isst. Oscar ist sehr sauer auf Felix und sagt ihm, er soll aus der Küche verschwinden:


"Ich will dich nicht, hören, ich will dich nicht sehen und ich will dich nicht RIECHEN. Und jetzt sei so gut und entferne deine SPAGHETTI von meinem Küchentisch."

Angemessene, normale Reaktionen wären, dass man aufsteht und geht. Oder sagt, dass man erst in Ruhe zuende essen möchte, und DANN geht.

Felix fängt an zu kichern."Was ist denn so lustig?" fragt Oscar. "Hihi HI hihi! Das sind doch keine Spaghetti! Das sind Linguini!"



Felix ist natürlich GENAU die Sorte Mensch, die sich darüber totlacht, dass jemand Spaghetti nicht von Linguini unterscheiden kann, und entfacht damit eine wunderbare Eskalation dieser eh schon unentspannten Situation.


Charaktere beleben die Dialoge

Verschiedene Menschen reden verschieden. Manche sind sehr sachlich, bei anderen geht es bei jedem Satz darum, sich zu beweisen und /oder andere schlechter dastehen zu lassen. Manche Mütter verwandeln jedes Frühstücksgespräch in ein Lamento, wie sie alles geopfert haben und es ihnen keiner dankt; Manche Leute reden nur über sich; oder regen sich über alles und jeden auf. Wenn man authentische Menschen sprechen lässt, ist eigentlich immer Leben in der Bude.



Glaubwürdige Charaktere schaffen eine Verbindung zwischen der Geschichte und den Lesern

Ein häufiger Anti-Charakter ist der Held, der alles kann und alles richtig macht. In den 50ern war das die Regel, heute kann ich – und viele andere – diese perfekten Typen nicht mehr ertragen. Es gibt ja auch im echten Leben Leute, die alles im Griff haben und alles richtig machen. Spätestens nach zwei Minuten mit solchen Leute kriege ich den Wunsch, mich aus dem Fenster zu stürzen. „Helden“ sind im echten Leben kaum zu ertragen, und schaffen auch in Geschichten inzwischen eher Widerwillen, während man die Erlebnisse eines Soziopathen wie Tony Soprano (SOPRANOS) oder Vic Mackey (THE SHIELD)voller Interesse und Mitgefühl verfolgt; Er ist ein authentischer Charakter, ein Mensch wie aus Fleisch und Blut, voller Konflikte, Ängste und Neurosen, und wir erkennen unendlich viel von uns selbst in ihm wieder.



Charaktere geben Handlungen Tiefe

Angenommen, ein Junge kommt von der Army-Musterung zurück nach Hause. Sein Vater sitzt in der Küche. Er fragt:

„Wie ist es gelaufen?“

„Sie haben mich nicht genommen“

„Gut so.“

Nicht weiter bemerkenswert.

Aber was ist, wenn die Geschichte in den 60ern spielt, wenn Army bedeutet, in den Krieg zu ziehen? Und was ist vor allem, wenn der Sohn ein langhaariger Gammler ist, und sein Vater ein konservativer Spießer, der die ganze Zeit lamentiert „ich kann es kaum erwarten, dass die Army dich holt! Die machen einen Mann aus dir! Sie schneiden dir deine Haare ab und machen einen Mann aus dir“.

Es ist eine Geschichte, die Bruce Springsteen am Anfang von „The River“ erzählt. Sein Vater ist ein sturer, konservativer Bock, vielleicht einfach auch nur ein Kind seiner Zeit. Sein Sohn ist 16 und hat lange Haare. Er kann ihn nicht verstehen. Bruce Springsteen erzählt von einem Motorradunfall, nach dem er bewusstlos im Krankenhaus lag. Seine Eltern ließen einen Friseur kommen, der ihm die Haare abschnitt.

„I remember telling them that I hated them, and that I would never, ever forget it.“

Und sein Vater ist die ganze Zeit dran, wie sehr er sich darauf freut, dass sein Sohn zur Armee kommt und zur Ordnung gerufen wird.

Und dann ist Krieg. Und dann kommt die Musterung, Springsteen rasselt durch. Er wird nicht eingezogen.

Und sein Vater, auch wenn er ihn nicht versteht, auch wenn er die langen Haare hasst. Er ist überglücklich, dass sein Sohn nicht in den Krieg muss.

Ich bin generell ein sehr sentimentaler Mensch – zeig mir ein Foto von einem Katzenbaby, und ich muss an die Herz-Lungen-Maschine vor lauter Rührung – aber beim Hören dieser Geschichte hatte meine komplette Generation Tränen in den Augen. Der Vater, verbohrt wie er ist von seinen Kategorien und seinen politischen Ansichten – doch am Schluss bricht sich durch all das seine reine Menschlichkeit bahn. Er ist nur noch ein Mensch, der einen anderen Menschen liebt, und nicht will, dass er stirbt.

Wie gesagt, ein guter, clever gewobener Plot ist eine wunderbare Sache und eine hohe Kunst.

Aber am Ende einer Geschichte sind wir vor allem dann berührt, wenn wir erfahren haben, was es bedeutet, ein Mensch zu sein.

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