Sonntag, 5. Dezember 2010

Erster Teil: Warum wir erzählen - und warum wir zuhören.

Letzendlich gibt es nur ein Thema für den Künstler: Was ist das Wesen der menschlichen Erfahrung? Wie ist es, zu leben, zu leiden, zu fühlen? Wie ist es, zu lieben und eine andere Person zu brauchen? Wie weit können wir andere kennen? Oder uns selbst? - In anderen Worten, was bedeutet es, ein Mensch zu sein? Dies alles sind Fragen, die nie beantwortet werden können, doch sie müssen immer wieder gestellt werden, immer aufs neue, von jeder Generation, von jeder Person.
Hanif Kureishi, Something given

Ein wunderbares Beispiel für die Faszination von Geschichten liefert der Autor Jerry Cleaver, der in seinem Buch Immediate Fiction davon berichtet, dass eigentlich alle genialen Verbrechen der Geschichte - zumeist spektakuläre Einbrüche á la Oceans Eleven - irgendwann aufflogen, und alle aus einem Grund: Die Täter verplapperten sich.

Die Story war einfach zu gut, um sie für sich zu behalten.

Ganz gleich in welcher Form und in welchem Medium eine Geschichte daherkommt, wenn sie gut ist, wird sie immer ihre Leser oder Zuhörer finden. Menschen kriegen sich nicht ein vor Begeisterung über Geschichten, und das seit Menschengenken: Meine liebste Literatur der Kinderzeit waren die griechischen Sagen von Homer, tausende von Jahren alt. In der Retrospektive bin ich hin und weg davon, wie unglaublich subversiv die Figuren dieser Erzählungen sind: die Götter bei Homer sind sexsüchtig, jähzornig, neidisch, eitel, gehässig und genußsüchtig. Im Vergleich mit diesen Geschichten wirken Seifenopern wie Vebotene Liebe wie ein lauwarmer Schonkaffee. Ich muss sehr breit grinsen bei der Vorstellung, dass sich vor tausenden von Jahren jemand hinsetzte und sich eine Gestalt wie Zeus ausdachte, der den Aufwand betrieb, sich in schöne Tiergestalten zu verwandeln, nur um Frauen klarzumachen.

Menschen haben immer den Wunsch gehabt, Geschichten zu hören, und Geschichten zu erfinden. Grund genug, der Frage auf den Grund zu gehen, weshalb das eigentlich so ist.

1. Selbsterfahrung - Erzähl mir von dir, und ich kenne mich selbst ein bisschen besser.


  • Zwei Jungs spielen Cowboy und Indianer.

  • Ein kleines Mädchen stolziert in den Schuhen seiner Mutter vor dem Spiegel auf und ab, probiert Gesten und Posen aus.

  • Eine junge Frau heult sich die Augen aus, als Julia Roberts Hugh Grant am Schluss von NOTTING HILL ihre Liebe erklärt. Im Kinosaal nebenan schnauft ein serbischer Kickboxer vor Anspannung und Erregung, als er mit ansieht, wie die Spartaner in "300" den Persern Saures geben.

  • Ein kleines Kind nimmt vor dem Schlafengehen nägelkauend an dem grimmigen Schicksal von Hänsel und Gretel Anteil.

Wir alle haben schon immer erzählt, und uns erzählen lassen. Und ob wir bei „Cowboy und Indianer“ eine aktive Rolle spielen, ob wir uns im Kinosessel mit den Protagonisten identifizieren, oder sogar ob wir in einem Gespräch an unserem Gegenüber Anteil nehmen oder eine Distanz verspüren, wenn er etwas sagt, was unseren eigenen Gefühlen zuwiderläuft – der Prozess und das Gefühl ist ähnlich: Wir versetzen uns in einen anderen Menschen, wir gehen gleichsam in seinen Schuhen. und dadurch fühlen wir ein bisschen deutlicher, wer wir selbst sind, grob gesagt – wo wir anfangen und aufhören.

Und das ist ein sehr gutes, sehr lebendiges Gefühl.

Denn wir spielen täglich verschiedenste Rollen, und in den wenigsten Momenten haben wir eine Ahnung davon, wer wir sind, was das "Ich" ausmacht, von dem wir ohne Unterlass reden. Wer wir sind, ist eine Frage, die wir uns unser Leben lang stellen, und nie befriedigend werden beantworten können. Aber gerade deshalb genießen wir den Prozess der Indentfizierens so sehr, und zwar besonders in den Momenten, in denen der Held alle Masken fallen lässt., und wir Zuschauer, durch alle Schichten hindurch direkt in die Essenz dessen blicken, was diesen Menschen ausmacht. Die Szene, die mir dazu immer sofort in den Sinn kommt, ist der Moment aus Notting Hill, in dem Jula Roberts Hugh Grant ihre Liebe gesteht. I'm just a girl, standing in front of a boy. Asking him to love her.


Okay, nciht jeder ist so sentimental veranlagt ist wie ich, aber die Wucht dieser Szene - wenn man denn dafür empfänglich ist - ist die, dass da jemand den Mut hat, alle Masken fallen zu lassen, und sich so unermesslich verletzbar zu machen wie in einer Liebeserklärung: Okay, das hier bin ich. Das sind meine Gefühle.


Für die harten Jungs da draussen gibt es das Äquivalent des friedliebenden Mannes, der den ganzen Film lang lange getrietzt und gedemütigt wird, bis zu dem einen Moment in dem die Wut aus ihm herausbricht wie die Pizza vom Vortag.

2. Fabulieren: der Wunsch zu schaffen und zu spielen

Neben dieser schon sehr abgründigen Erklärung gibt es noch eine sehr einfache: Es macht einfach Spass. Menschen fabulieren gerne, denken sich seltsame Wesen und Welten aus, spinnen nicht enden wollende Geschichten, einfach aus der puren Lust am Ausdenken. Die „Fabulierer“ unter den Geschichtenerzählern, die es lieben, Storyfaden um Storyfaden zu spinnen, haben oft das Problem, dass sie nie ein Ende finden.

Was wir erzählen ...

... hängt natürlich von unseren persönlichen Vorlieben ab. So wie wir als Kind andere Menschen imitieren, ahmt wir später, ästhetisch wie inhaltlich, unsere literarischen Vorbilder nach. Die Vorliebe für ein bestimmtes Genre hängt davon ab, welche Fragen uns interessieren, und ob wir eher die Wahrheitsucher / Selbsterfahrer oder die Fantastiker und Träumer sind; Science-Fiction und Fantasy mit seinen fremden Wesen und Welten ist oft der Tummelplatz für die Fabulierer , Drama, Love Story und, wenn sie nicht allzu tumb ist, auch die Komödie sind eher die Genres für Autoren, die dem Kern des Menschen und des Lebens auf der Spur sind, die versuchen eine Antwort zu finden auf die zahllosen Fragen, vor denen wir täglich stehen, im Umgang mit unserem Leben, uns selbst, und anderen Menschen.

Wie wir erzählen ...

wird bedingt durch das Medium, das wir wählen, von dem Genre in dem wir schreiben, und letztendlich von unserer eigenen Stimme, unserem eigenen Stil.

Mehr zum Stil demnächst in diesem Theater ...


Freitag, 5. November 2010

Worum geht's n hier?

von Spong

In meinem Wahn, mich erstmal jahrelang schlau zu machen, bevor ich etwas angehe, habe ich vor ca. 7 Jahren begonnen, mich eingehend(er) mit Kunst und Technik des Storytelling zu beschäftigen. Ich habe Dutzende von Büchern gelesen und hatte das unendliche Privileg, bei meinem Vorbild und Mentor Ralf König Storytelling in de Praxis zu erleben. Eine weitere wunderbare Chance ergab sich 2007, als ich die Möglichkeit bekam, das Fach Storytelling für die Comicademy zu unterrichten.

Mit der Arbeit für die CA kam die Möglichkeit und Notwendigkeit, alles Erlernte und Erfahrene zu sammeln, aufzuschreiben und in eine strukturierte Form zu bringen. Und aus den thematischen Blöcken entwickelten sich Kapitel.

Nach drei Jahren Unterricht, und vielen weiteren Erfahrungen mit angewandtem Storytelling im Comic hatte ich einen grenzenlosen Stapel Texte, Beispiele und Übungen zu Themen wie Charakterentwicklung, Plotting, Setting, Dialog ... die Grundlage für ein Buch.

Ein Buch mit dem Titel DER COMIC IM KOPF.

Redaktionellen Beistand und die komplette grafische Gestaltung übernimmt mein lieber Freund und bewunderter Zeichenkollege Markus Hockenbrink, einer der talentiertesten Menschen die ich kenne.

Dieser Blog dokumentiert die Entwicklung des Projektes von der Rohfassung zum Buch, es wird Textauszüge geben, Gespräche mit und Tips von Zeichnern und Autoren aus Comic und anderen Medien sowie viele Beispiele, die im Buch keine Platz finden können. Am Ende dieses Blogs steht dann das Buch.

DER COMIC IM KOPF.